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Schlag 12 - Der Mittagskommentar: Die Flüchtlingskrise: Europa versagt!

Täglich mehr Flüchtlinge. Aber ständig ein Sondergipfel zu Griechenland. Es wird Zeit, dass sich Europa seiner wahren Probleme annimmt. Wegschauen geht nicht mehr.

Ein Kommentar von Axel Vornbäumen

Die Flüchtlingskrise spitzt sich immer weiter zu und Europa versagt

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, hat die Kanzlerin kürzlich mit Blick auf das Festhalten Griechenlands in der Euro-Zone gesagt. Der Wahrheitsgehalt dieses Satzes lässt sich dieser Tage aber auch an anderen Stellen recht eindrucksvoll überprüfen: Auf den überfüllten Flüchtlingsbooten im Mittelmeer, zum Beispiel. In den sich dramatisch leerenden Dörfern des Kosovo. Oder auf den Toiletten des Schnellzugs von Verona nach München, wo sich die Illegalen hilflos verstecken und der Wille derer, die verzweifelt um eine bessere Zukunft für sich selbst ringen, größer ist, als die Furcht vor dem Scheitern. Oder manchmal: Vor dem Tod.

Ein Desaster auf humanitärer Ebene

Etwa 500.000 Flüchtlinge werden allein in diesem Jahr in Deutschland erwartet. Es könnten aber auch noch mehr werden. Im in der EU vereinten Europa sprengen die Wanderungsbewegungen aus den Kriegsgebieten des Nahen Ostens oder Afrikas schon jetzt alle Dimensionen der Vorstellungskraft. Täglich werden es mehr.

Und Europa? Europa versagt.

Und zwar in jeder Hinsicht. Es ist, als ob sich das Griechenland-Desaster wiederholen soll, sehenden Auges und mit voller Absicht  - diesmal aber auf humanitärer Ebene. Es ist, als ob die Unerträglichkeit der gegenwärtigen Situation erst noch ins Unermessliche gesteigert werden soll, bevor man - viel zu spät - endlich an Lösungen arbeitet. Krachend gescheitert ist Anfang dieser Woche der EU-Innenminister-Gipfel, der sich nicht darauf einigen konnte, die alberne Zahl von 60.000 Flüchtlingen unter 28 potenziellen Aufnahmestaaten nach Quoten zu verteilen. 60.000! Weniger Menschen als zu einem Bundesliga-Heimspiel des FC Bayern in die Allianzarena passen. 60.000 - weniger als die Einwohnerzahl von, sagen wir, Aschaffenburg, verteilt auf ein in der Geschichte bislang einmaliges Wohlstandsgebiet, in dem derzeit etwa 500 Millionen Menschen leben.

Das europäische Wertefundament ist ausgehöhlt

Es ist eine Bankrotterklärung, der besonderen Art. Denn sie kommt europäisch daher. Fast jeder einzelne der zögerlichen EU-Staaten hatte einen guten Grund vorgebracht, warum es ihn nicht ganz so arg treffen sollte. (Österreich, zum Beispiel, hält sich per se für überlastet und möchte statt der 1200 (!) avisierten Flüchtlinge gar keinen aufnehmen). Auf dem Innenminister-Gipfel argumentierte jeder mit nationalen Interessen, keiner mit europäischen. Wer je nach einem Beweis dafür suchte, wie ausgehöhlt das europäische Wertefundament mittlerweile ist, hier wurde er fündig.

Scheitert der Euro, dann scheitert... ach, wie der Spruch der Kanzlerin weitergeht, das haben wir jetzt alle inhaliert. Es wäre hohe Zeit für ein neues geflügeltes Merkel-Wort. Macht Europa in Sachen Flüchtlingspolitik so weiter wie bisher - dann ist es demnächst moralisch bankrott.

Es ist schon schwer zu ertragen, warum es so leicht ist, die Staats- und Regierungschefs der EU alle Nase lang zu einem Griechenland-Sondergipfel nach Brüssel einfliegen zu lassen - und fast unmöglich, dies beim Thema Flüchtlingspolitik zu schaffen. Wie war der Spruch? Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

 

Axel Vornbäumen hält die Flüchtlingspolitik der EU für zynisch. Man kann dem Autor auf Twitter folgen unter @avornbaeumen