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US-Wahl 2020 Donald Trump gewinnt, nein, doch Joe Biden – was Experten sagen, die sich selten irren

Sehen Sie im Video: So funktioniert das US-Wahlsystem.




Alle vier Jahre bestimmen die US-Bürger, ob ein Demokrat oder ein Republikaner ihr Präsident sein soll. Die Wahl beginnt traditionell im Örtchen Dixville Notch nahe der kanadischen Grenze, weil die Bewohner schon kurz nach Mitternacht ihre Stimmen ausgezählt haben. Die letzten Ergebnisse kommen aus Hawaii. Dass durch die Zeitverschiebung der einzelnen Bundesstaaten erst nach und nach Ergebnisse eintreffen, ist eine von gleich mehreren Besonderheit, die die Präsidentenwahl in den USA ausmachen. Die zwei Kandidaten, die zur Wahl stehen, haben sich in den Vorwahlen bereits gegen Mitbewerber aus der eigenen Partei durchgesetzt. Am Wahltag geben die Wähler ihre Stimmen aber nicht direkt den Kandidaten, sondern stellvertretend an Wahlmänner. Die Anzahl der Wahlmänner pro Bundesstaat hängt von dessen Einwohnerzahl ab: Von mindestens 3 Wahlmännern in bevölkerungsarmen Bundesstaaten wie Montana bis zu 55 im bevölkerungsreichsten Staat Kalifornien. Wichtig dabei: In fast allen Bundesstaaten gilt ein grundlegendes Prinzip: “The Winner takes it all” - Der Gewinner bekommt alles. Was bedeutet das? Angenommen ein Bundesstaat hat 10 Wahlmänner. Einer der Kandidaten erhält in diesem Bundesstaat 70 Prozent der Wählerstimmen, der andere nur 30 Prozent. Nun sahnt der Gewinner nicht 7 sondern 10 Wahlmänner ab. Der Verlierer geht komplett leer aus. Dieses Prinzip führt dazu, dass in einigen Bundesstaaten die Verteilung der Wahlmänner schon vor der Stimmabgabe abzusehen ist. Nämlich in Staaten in denen traditionell eine Partei eine sehr große Stammwählerschaft hat. Denn selbst wenn die kleinere Partei aufholt: Solange sie weniger als die Hälfte der Stimmen erhält, wird sie keinen einzigen Wahlmann abbekommen. Andere Staaten wanken dagegen und können das Zünglein an der Waage sein. Also Staaten, die in der Vergangenheit mal den Demokraten, mal den Republikaner gewählt haben. Florida ist ein solcher Swing State, wie diese Bundesstaaten genannt werden. Ob die 29 Wahlmänner von Florida nun zu den Demokraten oder den Republikanern gehen, kann für den Ausgang der Wahl entscheidend sein. Deshalb wird in den Swing States besonders viel Wahlkampf betrieben. Insgesamt gibt es 538 Wahlmänner. Diese bilden das Electoral Collage. Präsident wird, wer mindestens 270 auf seiner Seite hat.
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Beim Blick auf die Zahlen spricht nicht viel dafür, dass Donald Trump eine zweite Amtszeit gewährt bekommt. Dennoch glauben viele Beobachter an seinen Sieg – es ist nicht das erste Mal, dass sie mit ihren Vorhersagen richtig lagen.

Wie schwer Vorhersagen sind, die die Zukunft betreffen, bekam bei der letzten Präsidentschaftswahl die "New York Times" zu spüren. Ausgerechnet das hochseriöse Blatt hatte am Wahltag Hillary Clinton mit einer fast 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit zur Siegerin ausgerufen – etwas voreilig, wie die Autoren zwei Tage später zerknirscht einräumen mussten. Es war nicht die einzige Redaktion, die sich sowohl weit als auch aus dem falschen Fenster gelehnt hatte. Aber was hätten sie auch anderes schreiben sollen, die Datenlage räumte Donald Trump eben kaum eine Gewinnchance ein.

Jetzt, vier Jahre später, sprechen die Zahlen sogar eine noch deutlichere Sprache: Im Umfragenschnitt liegt Herausforderer Joe Biden klarer vor Trump, als es Clinton zur gleichen Zeitpunkt tat. Laut des Wahlstatikers Nate Silber hat der Amtsinhaber mit elf Prozent auch noch geringere Siegchancen als 2016 und in den alles entscheidenden Swingstates wie Florida, Pennsylvania und North Carolina liegt der Demokrat Biden vorne. Donald Trump ist mal wieder der Außenseiter. Und doch gibt es eine Reihe von Experten, die seine Wiederwahl prognostizieren, etwa:

"Trump gewinnt und zwar deutlich"

"The Hill", ein konservatives Blatt mit Schwerpunkt auf Kongressberichterstattung

"Wir sagen voraus, dass Präsident Trump die Präsidentschaftswahl 2020 gewinnen wird — und zwar deutlich", schreiben die Gastautoren Jonathan Jakubowski und Christos A. Makridis. Als Grund nennen sie diverse Makel in den Umfragen. Zum Beispiel suggestive Fragen, deren Antworten eher Richtung Joe Biden tendierten. Oder die Art der Befragung: Übers Festnetz würde man andere Bevölkerungsgruppen erreichen als über Mobiltelefone. Davon abgesehen, so die Autoren, seien mitunter die Demokraten überrepräsentiert: "In Pennsylvania hatten sich im Mai 803.427 mehr Demokraten zur Wahl registriert als Republikaner. Aber die Differenz hat sich auf 700.853 im Oktober verringert. Ähnliche Trends finden wir in North Carolina und Florida." Mit anderen Worten: Laut Jakubowski und Makridis sind die Zahlen zur Abstimmung nicht mehr so aussagekräftig wie noch vor einigen Monaten.

Karl Rove, Stabschef von George W. Bush und konservativer Stratege

Rove galt unter Bush als "graue Eminenz" im Weißen Haus. Für ihn ist der Weg zu Trumps Wiederwahl ganz einfach, wie er "Fox News" sagte: "Angenommen, der Präsident gewinnt in den gleichen Staaten wie 2016, dann braucht er nur noch entweder in Pennsylvania, in Michigan oder in Wisconsin zu gewinnen. Schafft er es in Pennsylvania hat er mit 280 zehn Wahlleutestimmen mehr als er braucht. Gewinnt er in Wisconsin, sind es genau 270 und sollte er nur Michigan holen, kriegt er 276 Wahlleute." Dass der Amtsinhaber in den Umfragen in allen drei Staaten zurückliegt, ficht den republikanischen Strategen nicht an: Grund: Bidens Vorsprung dort liegt im Bereich der üblichen Fehlertoleranz. Donald Trump hatte 2016 in den drei Staaten mit insgesamt 70.000 Stimmen Vorsprung gewonnen.

Dave Wasserman vom "Cook Political Report", einflussreichster Newsletter Washingtons

Der Redakteur für das Abgeordnetenhaus hatte 2016 als einer von nur wenigen Experten den Sieg Donald Trumps prophezeit. Er glaubt aber nicht an seine Wiederwahl: "Zum einen liegt Biden konstanter und deutlicher vor Trump als es Clinton tat. Zum zweiten gibt es weniger unentschiedene und Dritt-Parteien-Wähler als zuletzt und drittens: Die nationalen Umfragen sowie die zur Spendengewinnung von Parteien auf lokaler Ebene durchgeführten Umfragen stimmen im Wesentlichen überein. Vor allem in den Swingstates."

"Trump könnte das enge Rennen gewinnen" 

Raghavan Mayur, Chefdemoskop von "Investor Business Daily/TIPP"

Auch Mayur gehörte zu den wenigen Demoskopen, der 2016 mit seinen Umfragen Trumps Wahlsieg vorhergesehen hatten. Vor vier Jahren seien seine Hochrechnungen auch deswegen richtig gewesen, weil sie den "Enthusiasmus für den Kandidaten Trump berücksichtigt haben", wie er dem "Miami Herald" sagte. Das sei wichtig, weil "Begeisterung Menschen an die Wahlurne treibt. Lustlose Menschen bekennen sich in Umfragen vielleicht für einen Kandidaten, bleiben aber eher zu Hause." Die Begeisterung für Joe Biden aber sei sogar noch geringer als die für Hillary Clinton, so Mayur. Seine Prognose für den 3. November fällt dennoch eher vorsichtig aus: Donald Trump "könnte" wiedergewählt werden, aber auf jeden Fall wird "das Rennen sehr eng".

Helmut Norpoth, Politologe, Entwickler des "Primary Modells"

Seit 1912, seit es in den USA das Vorwahlsystem gibt, hat das "Primary-Modell" des gebürtigen Deutschen in 25 von 27 Wahlen richtig gelegen – auch 2016. Grob gesagt nimmt Norpoth die Ergebnisse der ersten Vorwahlen zum Maßstab und errechnet daraus die Siegeschancen des späteren Präsidentschaftskandidaten. Für die anstehende Wahl sieht er die Chance, dass Amtsinhaber Trump wiedergewählt wird, bei 91 Prozent. Seinen Berechnungen nach wird er 362 der 538 Wahlleute gewinnen und damit einen Erdrutschsieg erringen.

Orakel mit makelloser Bilanz sieht Biden vorn

Allan Lichtman, Historiker aus Washington

Auch Lichtman hat eine fast makellose Orakel-Bilanz. Er prognostiziert den Wahlausgang anhand eines Fragebogens mit 14 Thesen. Dieser fragt die Stimmung im Land und Eigenschaften der Kandidaten ab. Mit dieser Methode hat er seit den 1980er Jahren alle Wahlergebnisse richtig vorhergesehen. Im Jahr 2000 irrte er sich nur deswegen, weil mit George W. Bush ausnahmsweise ein Kandidat US-Präsident wurde, der nicht die meisten Stimmen, also den "Popular Vote", gewonnen hatte. Seitdem prognostiziert er nur, wer gewinnt und nicht wie. Für den 3. November kürt Lichtman folgenden Sieger: Joe Biden.

Robert Cahaly, Chef der Trafalgar Group und Umfrage-Rebell

2016 war vor allem für US-Demoskopen ein mieses Jahr, die nicht genau auf die Stimmung in den einzelnen Bundesstaaten geschaut hatten. Während die nationalen Befragungen weitgehend korrekt waren, lagen sie etwa in Michigan und Wisconsin daneben. Es waren die Staaten, mit deren Hilfe Donald Trump US-Präsident wurde. Nur Robert Cahaly von der Trafalgar Group hatte die dortigen Ergebnisse richtig errechnet, weswegen Beobachter nun genau auf seine Zahlen achten. Und der "Rebell" enttäuscht nicht: In den wichtigen Staaten Michigan, Florida und Pennsylvania sieht er wenige Tage vor der Wahl Donald Trump vorne – anders als die meisten anderen Institute. Die landesweite Abstimmung werde der Amtsinhaber daher gewinnen, wie er dem "Wall Street Journal" sagte.

Nostradamus, notorischer Vorhersager

Der britische "Express", immer für einen Spaß zu haben, zieht für die Wahlvorhersage den unvermeidlichen Metaphoriker Nostradamus heran: An einer Stelle seiner Prophezeiungen ist die Rede von einer "Trompete", die dazu führe, dass "Byzanz seine Gesetze ändert" - was er immer genau damit gemeint haben will, der "Express" übernimmt die Interpretation, nach der dies ein Hinweis auf Donald Trumps Wahlsieg ist, der nach den bisherigen Regeln nicht möglich wäre.

Quellen: Fox News, NBC, "Wall Street Journal", Fivethirtyeight, RealClearPolitics, "Express", "Miami Herald", Trafalgar Group, Primarymodel.com, "New York Times", DPA, AFP, "The Hill". Investors.com, Cook Political Report, Allan Lichtman auf Twitter


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