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Wegen Ukraine-Krieg Estland und Lettland wollen Sowjet-Denkmäler entfernen – aber das gefällt nicht allen

Eine Panzer-Nachbildung als Denkmal in Narva
Ein nachgebildeter sowjetischer Panzer in Narva erhitzt die Gemüter. Denn die Regierung in Estland will, dass er abgerissen wird. 
© Jeff J Mitchell / Getty Images
In den ehemaligen Ländern der Sowjetunion stehen noch einige Denkmäler aus der Sowjet-Zeit. Im Zuge des Ukraine-Krieges wollen manche Länder wie Estland und Lettland diese beseitigen. Doch das geht nicht ohne Kritik über die Bühne.

In Berlin gibt es noch einige von ihnen: sowjetische Ehrenmale. Sie sind Orte, an denen den gefallenen Soldaten der Roten Armee während des Zweiten Weltkrieges gedacht wird. 

Auch in ehemaligen Sowjet-Staaten stehen Ehren- und Denkmäler. Zum Beispiel in den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Die ersten beiden wollen den Denkmälern aber nun ein Ende setzen. Der Grund: der Krieg Russlands in der Ukraine. 

Die estnische Regierung hat sich auf die Entfernung kommunistischer Monumente im öffentlichen Raum geeinigt, sagte Ministerpräsidentin Kaja Kallas nach Angaben des estnischen Rundfunks ERR. Der genaue Zeitpunkt hänge von der Logistik ab, es solle aber "so schnell wie möglich" passieren. Hintergrund sind der Krieg in der Ukraine und die russischen Aggressionen.

Panzer-Denkmal in Narva sorgt für Diskussionen

Auch Estlands Präsident Alar Karis hatte zuvor das Versprechen der Regierung bekräftigt, Denkmäler aus der kommunistischen Ära zu entfernen. "Putins Befehl an die russische Armee, die Ukraine am 24. Februar anzugreifen, hat die Bedeutung vieler Denkmäler des Zweiten Weltkriegs in Europa verändert. Ich habe selbst in der Ukraine den Schmerz und die Trauer gesehen, die von fast identischen russischen Panzern verursacht werden."

In Estland gibt es schätzungsweise 200 bis 400 sowjetische Denkmäler und Monumente, schreibt der ERR. 

Dennoch gibt es Diskussionen um die Entfernung der Denkmäler, zum Beispiel in Narva, wo eine Nachbildung eines sowjetischen Panzers vom Typ T-34 die Stelle markiert, wo sowjetische Truppen den Fluss überquerten, um die deutschen Besatzer aus der Stadt abzuwehren. Nach der rund 50-jährigen Besatzung der Sowjetunion in Estland wurde das Panzer-Denkmal immer unbeliebter. 

Petition fordert Abstimmung um Panzer-Denkmal

Der Panzer gelte in Narva zwar nicht als Symbol der Aggression, aber als Symbol der historischen Erinnerung, berichtete die Nachrichtensendung "Aktuaalne kaamera". Ratsmitglieder und Stadtbewohner:innen seien daher der Meinung, dass es an Ort und Stelle bleiben sollte. Kaum jemand in der mehrheitlich russischsprachigen Stadt Narva wolle, dass der Panzer entfernt werde, so die "Aktuaalne kaamera". Die Bewohner:innen würden den Panzer als Teil der Identität der Stadt betrachten.

Das Ratsmitglied Denis Larchenko sagte laut ERR, die Entfernung des Panzers oder eines anderen bekannten Denkmals könne eine "soziale Katastrophe" in der Stadt auslösen. Tatjana Stolfat, Vorsitzende der Zentrumsfraktion im Stadtrat von Narva, sagte: "Für die Menschen in Narva ist der Panzer einfach ein gutes Symbol. Einige erinnern sich an ihn aus ihrer Kindheit, andere betrachten ihn als Teil ihrer Geschichte." 

Rund 3000 der 60.000 Einwohner:innen von der Narva haben eine Petition unterzeichnet, um ein Referendum zu diesem Thema abzuhalten, berichtet ERR weiter.  Die lokalen Politiker:innen in Narva wollen sich nun mit der Regierung treffen, um das Thema zu diskutieren. Narvas Bürgermeisterin Katri Raik sagte gegenüber ERR: "Wir hätten gerne ein Treffen in Narva, um gemeinsam mit dem Staat zu diskutieren, was wir gemeinsam tun können und wie die Zukunft der Denkmäler des Zweiten Weltkriegs in Narva aussehen wird." 

Bericht aus Kaliningrad: Reporter spricht mit Bewohnern über Sanktionen

Russland kritisiert Entfernung von Sowjet-Denkmälern

Ministerpräsidentin Kallas sagte zur Entfernung des Narva-Panzers: "Da klar ist, dass Narva es nicht selbst tut, die Spannungen dort zunehmen, ist es klar, dass der estnische Staat und die Regierung selbst die Entscheidung treffen müssen, dieses und andere Denkmäler mit symbolischem Wert zu bewegen."

Es sei wichtig zu betonen, dass das Gedenken an die Toten in keiner Weise verboten ist und nicht verboten werden wird, sondern dass es am richtigen Ort geschehen sollte, so Kallas. "Und zwar auf einem Friedhof, wo es mit Würde geschehen kann." 

"Ein Panzer ist eine Mordwaffe, er ist kein Denkmal, und dieselben Panzer töten gerade jetzt Menschen auf den Straßen der Ukraine", fügte Kallas hinzu.

Russland hat sich ebenfalls in den Streit um das Panzer-Denkmal eingemischt, wie "Bloomberg" berichtet. Der Chefsprecher von Präsident Wladimir Putin, Dimitri Peskow, sagte: "Der Krieg gegen die Geschichte, darüber hinaus mit einer gemeinsamen Geschichte und der Beseitigung von Denkmälern für diejenigen, die Europa vor dem Faschismus gerettet haben, ist natürlich ungeheuerlich."

Lettland will Monumente ebenfalls entfernen

Auch in Lettland sollen sowjetische Denkmäler und Monumente entfernt werden, wie die Nachrichtenseite Baltic News Network (BNN) berichtet. Bereits im Juli genehmigte die lettische Regierung die Entfernung von 69 Denkmälern, Gedenktafeln und Denkmälern, die das Sowjet- und Nazi-Regime verherrlichen. Im Juni trat dazu ein "Gesetz über das Verbot der Zurschaustellung von Objekten zur Verherrlichung des Sowjet- und Naziregimes und ihrer Demontage auf dem Territorium der Republik Lettland" in Kraft, wie BNN weiter berichtet.

So soll in der Hauptstadt Riga im Uzvaras Park beispielsweise ein sowjetisches Monument abgerissen werden, das 1985 errichtet wurde, sagte Lettlands Ministerpräsident Krišjanis Karinš laut ERR

Der Vorsitzende des Stadtrats von Riga, Mārtiņš Staķis, sagte laut BNN, es sei notwendig, in den nächsten Wochen mit den Arbeiten zu beginnen, um das Denkmal bis zum 15. November 2022 abzubauen. 

Die Behörden in Lettland schließen "Provokationen" beim Abbau des Denkmals im Uzvaras Park nicht aus, berichtet der lettische öffentlich-rechtliche Rundfunk LSM. Diese würden aber "nicht toleriert", sagte Innenminister Kristaps Eklons. 

Er sagte, dass Sicherheits- und Ordnungsdienste sich auf eine Vielzahl von Szenarien vorbereiten, die Teil des Abrissprozesses des Denkmals sein könnten. "Wir bereiten uns natürlich darauf vor, dass es Unzufriedenheit geben wird, [Leute], die versuchen, diesen Prozess in irgendeiner Weise zu beeinflussen oder zu stoppen", sagte der Minister.

Quellen: ERR, BNN, LSM, Bloomberg


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