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Eurokrise: Deutschlands x-faches Milliardenrisiko

Die Bundesrepublik schultert finanziell die Hauptlast der Eurorettung. Das ging lange gut. Nun verpasst die Ratingagentur Moody’s Deutschland den ersten Warnschuss. Zu recht.

Von Thomas Schmoll

Die Beträge, die im Raum stehen, sind schwindelerregend. Mal sind es ein paar hundert Milliarden, dann wieder eine Billion Euro. In Foren läuft der für Deutschland typische Steigerungswettbewerb um das schlimmstmögliche Horrorszenario. Es geht um die Frage: Was kostet es Deutschland, wenn die Rettung der Währungsunion schief geht? Hans-Werner Sinn, wegen seiner Thesen nicht unumstrittener, aber argumentativ exzellenter Chef des Münchner Ifo-Instituts, wagte eine Prognose. In der "Rheinischen Post" bezifferte er die Summe auf etwa eine Billion Euro, die futsch sein könnte. Bei einem Staatskonkurs Italiens, Griechenlands, Spaniens und Portugals muss die Bundesrepublik seinen Berechnungen zufolge mehr als 600 Milliarden Euro abschreiben. Ein Zerfall der Eurozone bedeute nochmals einen Verlust von gut 300 Milliarden Euro für unwiderruflich verlorene Forderungen der Notenbank. "Insgesamt könnte dann eine knappe Billion Euro weg sein", sagte Sinn.

Das Finanzministerium listete kürzlich die Risiken auf, die die Bundesrepublik schon eingegangen ist. In einem Papier für den Haushaltsausschuss wurde die deutsche Haftungssumme aus allen Antikriseninstrumenten mit 310,3 Milliarden Euro angegeben. Dabei sind etwaige Hilfen für Spanien oder gar Italien oder eine Pleite Griechenlands darin noch gar nicht enthalten. Es ist der reine Ist-Zustand. Wirklich exakt einschätzen kann den Betrag ohnehin niemand. Er enthält einfach zu viele Unbekannte und "nur" die Milliarden, die Deutschland in den Rettungsmechanismus eingezahlt hat oder noch einzahlen soll. In erster Linie sind es Kreditbürgschaften. Und auszuschließen ist ja keinesfalls, dass zumindest Portugal oder Spanien eines Tages Geld nach Berlin überweisen. Bleiben die konjunkturellen Folgen eines Auseinanderbrechens der Eurozone. Doch sie sind im Detail kaum zu benennen, jedenfalls nicht seriös. Klar ist nur, die Folgen für die Weltwirtschaft wären immens.

Alles nicht so schlimm - oder doch?

Sicher ist indes: Die Bundesrepublik hängt tief drin im Schlamassel. Sinn sagte dazu: "Der in Griechenland verlorene Betrag von etwa 80 Milliarden Euro ist klein im Vergleich zu der Summe, für die wir insgesamt haften: Um den Euro zu retten, sind wir bereits gewaltig ins Risiko gegangen." Sinn ist mitnichten der einzige Wissenschaftler, der das so sieht und im Wochentakt via Gastbeiträgen oder Interviews vor der Gefahr warnt, die da lauert für Deutschland, wenn der Euro kollabiert. Er gehört zu den 160 Wirtschaftsprofessoren eines offenen Appells an Kanzlerin Angela Merkel (CDU), in dem die Regierungschefin davor gewarnt wird, nicht immer neue und immer höhere Zusagen zu machen. Die anvisierte "Sozialisierung der Schulden" ist für die Fachleute ein Gedanke gleich eines Alptraums. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe hielt den Wirtschaftswissenschaftlern Panikmache vor. Zu recht?

Dass Deutschland Risiken in hohem Ausmaß, vielleicht sogar unkontrollierbare, auf sich genommen hat, ist auch den Finanzmärkten nicht entgangen. Zwar kann die Bundesrepublik immer noch faktisch zum Nulltarif frische Kredite am Kapitalmarkt aufnehmen – Investoren zahlen Deutschland sogar Geld dafür, dass sie ihre Millionen oder Milliarden beim Bund anlegen können (sogenannter Minuszins). Das Motto lautet: Sicherheit ist alles. Und ein Land mit der Top-Bonität, dem dreifachen "A", gilt nun einmal als der "sichere Hafen".

Nach Meinung der Euroskeptiker, die von Anfang an eine radikale Griechenland-Lösung forderten, also das Land sofort pleitegehen lassen wollten, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Ratingagenturen Deutschland ins Visier nehmen. Moody's - neben Standard & Poor’s und Fitch eine der drei großen Firmen, die mit Bonitätseinschätzungen ihr Geld verdienen - verpasste der Bundesrepublik, aber auch den Niederlanden und Luxemburg einen ersten Warnschuss. Allen drei Staaten droht Moody’s den Verlust der Spitzennote "Aaa" an. Luxemburg und Holland galten ebenfalls bis zur Euro-Krise als finanziell hochsolide Staaten: Doch sie sind - wenn auch mit geringeren Beträgen - ebenfalls tief eingebunden in den Rettungsmechanismus wie Deutschland. Als Grund für die die Überprüfung der drei Ratings nennt die Agentur die steigende Unsicherheit über den Ausgang des Finanzdesasters. Es sei immer wahrscheinlicher, dass Griechenland die Eurozone verlasse, schreiben die Experten. Selbst wenn dies nicht passiere, sei davon auszugehen, dass Länder wie Spanien und Italien weitere Hilfen bräuchten. Vermutlich müssten dann jene Staaten mit einer sehr guten Bonität die neuen Hilfen schultern.

Dem Warnschuss der Agentur folgte das übliche Eurokrisenritual, dass ein getroffenes Land sofort in Abwehrhaltung geht und erklärt: alles nicht so schlimm. Das Bundesfinanzministerium betonte in einer ersten Reaktion die solide Wirtschaftslage Deutschlands, die Moody’s tatsächlich hervorhebt. Die Agentur habe vor allem die kurzfristigen Risiken in den Vordergrund gestellt, "während längerfristige Stabilisierungsaussichten unerwähnt bleiben", kritisierte die Pressestelle von Kassenwart Wolfgang Schäuble (CDU) noch in der Nacht. Die genannten Risiken in der Eurozone seien auch nicht neu.

Es sieht nicht gut aus für Europa

Dann ist ja alles gut. Oder was? Die Einschätzung von Moody’s wirft ein Licht auf die gesamte Eurozone. Denn im Währungsverbund hängt nun einmal alles mit allem zusammen. Die Neuverschuldung Frankreichs ist doppelt so hoch wie die Italiens. Und die Lage der Italiener ist auch alles andere als rosig. Genau genommen, ist die Bundesrepublik - Volkswirtschaft Nummer Eins in Europa - inzwischen das einzige wirklich starke, große Land in der Eurozone. Doch ein Staat allein, mag er politisch und wirtschaftlich noch so stabil sein, wird die Eurozone nicht retten können. Kein Wunder also, dass in Berlin stärker darüber nachgedacht wird, Griechenland fallen zu lassen.

Auch wenn Deutschland durch die Entscheidung getroffen wird, so spielt es der Bundesregierung in die Hände. Denn die Agentur liefert - gewollt oder ungewollt - Merkel und Schäuble Argumentationshilfe im Streit um die Einführung von Eurobonds, also der gemeinschaftlichen Aufnahme von Krediten durch alle oder mehrere Eurostaaten. Merkel hatte jüngst erklärt, gegen die Variante vorzugehen, "so lange ich lebe", und damit die FDP beglückt. Selbst wenn die Kanzlerin das nur in einem übertragenen Sinn gemeint haben sollte, ihren Kurs kann sie nun leichter halten. Denn Eurobonds hieße die Vergemeinschaftlichung der Schulden in der Währungsunion. Das Risiko für Deutschland wäre damit nicht unbedingt gemindert. Denn auch das kann nach hinten losgehen. Merkel aber muss damit rechnen, dass die Eurorettung zum Fass ohne Boden wird oder zumindest im Volk so empfunden wird. Die Begeisterung in Sachen Eurorettung lässt bei den Bürgern ohnehin spürbar nach.

Nur das "Aaa"-Land Finnland entging dem Rundumschlag von Moody’s. Die Agentur begründete das unter anderem mit dem kleinen und auf den Heimatmarkt fokussierten finnischen Bankensystem, von dem nur geringe Risiken ausgingen. In einem Marktkommentar schrieb das Bankhaus Metzler: "In der Eurozone ist somit Finnland das einzig verbliebene Land, das neben der Bestnote noch einen stabilen Ausblick aufweisen kann." Sieht nicht so gut aus für Europa.