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Falludscha: "Jetzt ist er tot"

Noch sind die Kämpfe in Falludscha nicht beendet, da geraten US-Soldaten in Mossul und Ramadi bereits in neue Kämpfe. Die Erschießung eines unbewaffneten Mannes in Falludscha konfrontiert die Amerikaner mit dem Vorwurf schwerer Menschenrechtsverletzungen.

Filmaufnahmen von der Erschießung eines irakischen Rebellen in Falludscha konfrontieren die US-Streitkräfte erneut mit dem Vorwurf schwerer Menschenrechtsverletzungen. Sieben Monate nach der Enthüllung des Folterskandals von Abu Ghreib ermitteln die Streitkräfte jetzt gegen einen Marineinfanteristen, der einen verletzten und offenkundig unbewaffneten Mann in einer Moschee erschossen haben soll.

Die Filmaufnahmen wurden am vergangenen Samstag von NBC-Reporter Kevin Sites gedreht, der die US-Truppen in Falludscha begleitet und seine Bilder im Rahmen einer Pool-Vereinbarung anderen Sendern zur Verfügung gestellt hat. Möglicherweise seien drei weitere Verletzte in der Moschee ebenfalls erschossen worden, erklärte Sites.

Verletzte versorgt und zurückgelassen

Eine Einheit der Marineinfanteristen wurde demnach am Freitag aus der Moschee heraus beschossen. Die Soldaten stürmten das Gebäude und töteten zehn Rebellen, fünf wurden verletzt. Die Marineinfanteristen versorgten die Verletzten und ließen sie dann zurück. Auch am Samstag hätten sich die fünf Verletzten noch in der Moschee befunden, berichtete Sites. Soldaten einer anderen Einheit, vom 1. Regiment des 3. Bataillons der Marineinfanteristen, betraten die Moschee an diesem Tag in Begleitung von Sites.

Während sich die Kamera des Reporters durch das Gebäude bewegt, hört man im Hintergrund einen Soldaten obszöne Ausdrucke rufen und dann sagen: "Er täuscht vor, tot zu sein." Ein weiterer Soldat sagt: "Ja, er atmet." Daraufhin erwidert der erste Soldat erneut, dass der Gefangene vortäusche, tot zu sein. Der Videofilm zeigt dann, wie ein Soldat sein Gewehr auf einen Mann am Boden richtet. In der gesendeten Fassung des Films sieht man danach nur noch eine schwarze Fläche. Man hört aber noch einen Schuss. Danach sagt ein Soldat: "Jetzt ist er tot."

Die geschwärzten, nicht gesendeten Szenen des Films wurden dem Fernsehnachrichtendienst APTN und anderen Mitgliedern des Pools zur Verfügung gestellt. Sie zeigen, wie eine Kugel den Mann im oberen Teil seines Körpers trifft, möglicherweise auch im Kopf. Blut spritzt an die Wand, und der Körper des Mannes erschlafft. NBC-Reporter Sites berichtete auch, dass ein Marineinfanterist der gleichen Einheit am Tag zuvor getötet worden sei, weil er sich der Leiche eines Rebellen genähert habe, dessen Körper als Sprengfalle präpariert worden sei.

Der Vorfall werde untersucht, sagte der für die Marineinfanteristen zuständige Sprecher im Pentagon, Major Doug Powell. In einer Erklärung der US-Streitkräfte vom Dienstag hieß es, die 1. Division der Marineinfanteristen untersuche Vorwürfe zu einer rechtswidrigen Anwendung von Gewalt gegen einen feindlichen Kombattanten. Bis zur Klärung der Sachlage sei der Marineinfanterist von der Front abgezogen worden. "Wir befolgen das Recht für bewaffnete Konflikte und bekennen uns zu einem hohen Standard der Rechenschaftspflicht", sagte Generalleutnant John Sattler, Kommandeur der Marineinfanteristen.

Gewalt zur Selbstverteidigung erlaubt

Die Untersuchung wird nach NBC-Informationen von Oberstleutnant Bob Miller geleitet. Miller sagte, die Einsatzregeln erlaubten die Anwendung von Gewalt zur Selbstverteidigung, und fügte hinzu: "Jeder Verwundete, der keine Bedrohung darstellt, wird nicht als feindlich betrachtet." UN-Menschenrechtskommissarin Louise Arbour und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) mahnten die Einhaltung der Menschenrechte in der eingenommenen Rebellenhochburg Falludscha an.

Das Völkerrecht erfordert eindeutig den Schutz eines verletzten Gegners, sobald dieser außer Gefecht ist, wie der Sprecher des IKRK, Florian Westphal, am Dienstag in Genf erklärte. Da man nicht selbst vor Ort gewesen sei, könne die Situation in Falludscha aber nicht eindeutig beurteilt werden, sagte der IKRK-Sprecher.

Die Übergangsregierung unter Ministerpräsident Ijad Allawi bestritt Berichte über eine humanitäre Katastrophe in Falludscha. Ein Team des Gesundheitsministeriums habe medizinische Güter zum Krankenhaus der Stadt gebracht und festgestellt, dass kein Mangel an Wasser und Nahrungsmitteln bestehe.

Neue Front in Mossul

Im Anschluss an die blutige Offensive in Falludscha sind amerikanische und irakische Truppen gegen Rebellen in Mossul vorgegangen. In mehreren Teilen der nordirakischen Stadt waren schwere Explosionen und Schießereien zu hören. Drei bisher von Aufständischen gehaltene Polizeiwachen wurden gesprengt. Die fünf Tigris-Brücken in der Stadt wurden abgeriegelt, wie eine US-Militärsprecherin mitteilte. An dem Einsatz sind etwa 1.200 US-Soldaten beteiligt.

Offenbar unter dem Eindruck der Offensive in Falludscha hatten mehrere Gruppen von Aufständischen in der vergangenen Woche Polizeiwachen und andere Behördengebäude in Mossul gestürmt und besetzt. Bei der Explosion einer Mörsergranate in der Nähe des Hauptverwaltungsgebäudes von Mossul kamen drei Menschen ums Leben, 25 wurden verletzt. Auch die Kurden wurden zum Angriffsziel der Rebellen. Am Dienstag griffen Aufständische einen Lastwagen von Peschmerga-Kämpfern im Norden von Mossul an. Dabei wurden mehrere Menschen verletzt. Außerdem griffen Rebellen das Büro der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) an. Bei der Explosion einer Autobombe im Westen von Mossul wurde ein US-Soldat verletzt.

Am Vortag hatte US-Oberst Michael Regner bei einer Videokonferenz aus Falludscha eingeräumt, ein Teil der Aufständischen habe aus der Stadt fliehen können und kämpfe nun in Ramadi und anderen irakischen Städten weiter. Die kuwaitische Zeitung "Al-Siyassa" schrieb am Dienstag, mehrere kuwaitische Kämpfer hätten auf Befehl ihrer Anführer Falludscha verlassen und hielten sich nun in Mossul auf.

Südwestlich von Kirkuk sprengten Aufständische abermals eine Erdölleitung. Dadurch wurde am Dienstagmorgen in der Region von Rijadh ein Großbrand ausgelöst, wie die Behörden mitteilten. Die Flammen waren auch nach mehreren Stunden noch nicht gelöscht. Ölexperten rechneten mit mindestens viertägigen Reparaturen, um die Pipeline zwischen Kirkuk und dem Kraftwerk Beidschi wieder voll in Betrieb nehmen zu können.

Ranghoher Funktionär festgenommen

Bei einer Razzia in Bagdad nahmen US-Soldaten einen ranghohen Funktionär der Irakischen Islamischen Partei fest, die unter Protest gegen die Offensive in Falludscha ihren Austritt aus der Regierung von Ajad Allawi erklärt hat. Die Partei bezeichnete die Verhaftung von Nassir Ajaef als Strafaktion wegen ihrer Kritik am Vorgehen der US-Truppen. Demnach sollen die Soldaten des Haus des Politikers in der Nacht gestürmt und einen seiner Leibwächter zusammengeschlagen haben.

Steven Hurst/AP / AP