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stern-Reportage

Farc-Rebellen in Kolumbien: Die Dschungel-Armee

Die Kämpfer der kolumbianischen Farc töteten über 50 Jahre lang für die Revolution. Das Morden sollte jetzt ein Ende finden. Doch das Volk stimmte gegen den Friedensvertrag. Ein stern-Team erlebte in einem Guerilla-Camp tief im Regenwald die Tage zwischen Krieg und Hoffnung.

Der Guerillero Aristides führt ein Boot zum Lager der Front 34

Der Guerillero Aristides führt ein Boot zum Lager der Front 34. Zivilisten oder gar Reporter wurden dort zuvor noch nie empfangen.

Nach 23 Jahren im Krieg könnte eigentlich mal Schluss sein mit diesem ewigen Marschieren und Robben und Käferessen und Waffenputzen und ja, auch mit dem Töten, findet Celeni. 23 Jahre immer nur auf der Flucht, vor Luftangriffen und Paramilitärs. 23 Jahre im Dschungel inmitten von Schlangen, Piranhas, Typhus. 23 Jahre ohne Dusche, Toilette, Binden, vor allem ohne Kinder.

"Ich habe zwei Töchter", sagt Celeni, 37, leise. "Ich musste sie abgeben, 40 Tage nach der Geburt. Das ist bei uns in der Guerilla so. Ich habe sie nie wiedergesehen."

Für einen Moment stehen Tränen in ihren Augen, aber sie wischt sie zügig mit dem Ärmel ihrer Uniform weg. Sie sitzt auf ihrer selbst gezimmerten Holzpritsche im Guerillacamp 34 der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc). Neben ihr liegen ein Sturmgewehr, das sie ihren treuen Begleiter nennt, und knallroter Nagellack, den sie aus Tarngründen 23 Jahre nicht auftragen durfte. Sie fragt sich, womit sie den Tag beginnen soll. Sturmgewehr putzen oder Nagellack auftragen? Sie weiß nicht so genau, ob gerade Krieg oder Frieden ist.

Es ist 6 Uhr früh hier im Nordwesten Kolumbiens, der Dschungel ist längst erwacht. Tukane fliegen in Paaren durch die Wipfel. Heuschrecken so groß wie Mäuse springen in Celenis Bett. Schmetterlinge von der Größe einer Männerhand umschwirren wilde Orchideen. Alles erscheint eine Nummer größer hier im Urwald, wo kaum ein Mensch je hinkam.

52 Jahre Bürgerkrieg

Es sind historische und gleichzeitig turbulente Tage für Celeni und ihre Front 34. Regierung und Farc haben einen Friedensvertrag unterzeichnet, das Volk aber hat ihn in einem Referendum abgelehnt. Nur ein paar Tage später erhält Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos den Nobelpreis, wohl auch, um dem Prozess neue Impulse zu geben.

"Es geht gerade hin und her zwischen Krieg und Frieden" , sagt Celeni.

Eigentlich schien der Frieden beschlossene Sache, nach 52 Jahren Bürgerkrieg, nach 267.162 Toten, 25.007 Verschwundenen und 5.712 506 Vertriebenen – wie die Zeitung "El Tiempo" ausrechnete. Es wäre das Ende der größten und ältesten Guerilla Lateinamerikas. Es wäre auch so was wie das endgültige Ende des Kalten Kriegs, 27 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer.

Eliteeinheit Front 34: Im Dschungel-Camp der Farc-Rebellen
Ein Flugzeug! Alle Blicke und Waffen werden nach oben gerichtet, alle Bewegung stoppt

Ein Flugzeug! Alle Blicke und Waffen werden nach oben gerichtet, alle Bewegung stoppt. Die Eliteeinheit Front 34 der Farc ist auch während der vorläufigen Waffenruhe stets einsatzbereit. Zu viele Kämpfer haben sie bei Luftangriffen verloren.


Celeni trat den marxistischen Rebellen 1993 bei, mit 14. Sie fühlte sich ohnmächtig angesichts der Armut ihrer Familie. Ihre Mutter, eine Waschfrau, konnte das Essen für ihre zehn Kinder nicht mehr bezahlen. Da sagte Celeni eines Tages, dass sie einen Ausflug machen würde, stattdessen aber fuhr sie zur Farc. Seitdem ist sie nie wieder aus dem Dschungel herausgekommen. Sie weiß weder, was Selfies sind, noch, was Veganer. Sie weiß auch nicht, wie es ihrer Mutter in den Jahren ergangen ist. Dafür kann sie Karl Marx rezitieren und Binden aus Stoff fertigen und Fische mit der bloßen Hand fangen.

Und Menschen erschießen, auch das.

Celeni ist Scharfschützin in der Frente 34. Sie erschießt die Gegner aus großer Entfernung, zumeist junge Armeesoldaten. Durchs Zielfernrohr kann sie ihre knabenhaften Gesichter sehen und den Bartflaum, "und dann puff".

Puff?

"Bloß nicht nachdenken."

Das funktioniert?

"Ja. Erst später denke ich an die Mütter, denen ich die Kinder nahm. Wir sind ja alle arm, Soldaten und Rebellen. Bauern gegen Bauern."

Besser könnte man den Konflikt nicht zusammenfassen.

"Ich hoffe, man vergibt mir", fügt sie hinzu. "Ich hoffe, wir bekommen die Amnestie."

Das ist der Knackpunkt bei den neuen Verhandlungen. Die Mehrheit der Kolumbianer will nicht, dass Guerilleros wie Celeni straffrei davonkommen. Zu frisch sind die Erinnerungen an Entführungen, Attentate und Terroranschläge. Celeni mag sich als Freiheitskämpferin sehen. In den Augen der meisten ist sie Terroristin.

Wieder entweicht ihr eine Träne, und diesmal steht sie ruckartig von ihrer Pritsche auf, um den Emotionen Einhalt zu gebieten. Sie greift zu AK-47 und Machete und weist ihre Einheit aus 13 Guerilleros an, eine Schneise durch den Urwald zu schlagen. Sie will an deren Ende Fäkalgruben ausheben, 20 an der Zahl, 30 x 15 Zentimeter groß. Celeni ist für heute Comandante Chontos, eine Art Notdurftbeauftragte. Sie hat in ihrer Laufbahn etwa 2500 Fäkalgruben ausgehoben. Auch das ist Guerillaleben. "Man gewinnt die Revolution im Detail", sagt sie.

Die Scharfschützin Celeni, 37, lebt seit 23 Jahren für die Revolution

Die Scharfschützin Celeni, 37, lebt seit 23 Jahren für die Revolution

Zum ersten Mal seit ihrem Bestehen gestattet die Frente 34 einem Reporterteam Zutritt zu ihrem Unterschlupf. Die Zusage erreichte uns drei Tage zuvor per Whatsapp in Medellín, der einstigen Kokain-Hauptstadt im Hochland. Am Folgetag um 10 Uhr sollten wir in Tagachi sein, hieß es, einem Pfahlbautendorf am Río Atrato. Ein Guerillero in Zivil würde uns von dort über Nebenflüsse zur Front 34 führen.

Von Medellín aus ging es per Propellerflugzeug in die frühere Sklavenstadt Quibdó und von dort im Motorboot über den Río Atrato. Der verdreckte Fluss ist eine Hauptschmuggelroute Richtung Norden – für Drogen, Waffen, Gold, für Flüchtlinge aus Kuba und Kokapaste aus dem Hochland, eine Art Seidenstraße der Neuzeit. Am Wegrand lauern Paramilitärs, Kidnapper und Guerilleros, um Schutzgelder einzutreiben. Schaufelbagger graben den Flussboden unter Einsatz von hochgiftigem Quecksilber nach Gold um.

In Tagachi wartete ein junger Guerillero, der uns in einem Einbaum über sich schlängelnde Seitenflüsse tief in den Urwald führte, ins feuchteste Gebiet der Welt. Nach zwei Stunden tauchten auf einmal kleine Verschläge im Wald auf, aus Holzstelzen und Plastikplanen. Die Frente 34.

Nur der Kampf zählt. Alles andere ist Luxus

Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Pfadfindercamp, doch dann ertönen Revolutionslieder aus einem Lautsprecher. Die Menschen hier tragen selbst in der Hitze ihre Uniformen und Gewehre und Kappen mit rotem Stern. Ihren Booten geben sie Namen wie: "Vereint für den Frieden", und ihr Sprachrepertoire entstammt den 60er Jahren. Es ist so was wie der letzte Außenposten von Karl Marx, gut 9000 Kilometer entfernt von dessen Geburtsort Trier.

Die Frente 34 ist seit drei Tagen an diesem geheimen Ort. Laut Friedensvertrag sollen sie sich an 27 Plätzen im Land einfinden, um unter Aufsicht ihre Waffen abzulegen. Zum ersten Mal überhaupt ist die gesamte Einheit zusammen: 200 Kämpfer, die Hälfte Frauen, die bisher als Einheiten zu je 15 wie Nomaden im Wald lebten. Zum ersten Mal haben sie so was wie ein provisorisches Zuhause, errichtet mit Schönheitssalon und Satellitenschüssel. Sie probieren sich gerade an Facebook, Pokémon Go und Kontaktaufnahmen mit ihren Familien. Nach Jahren ist die Welt bei ihnen.

Kommandant Trujillo, 71, ist einer der meistgefürchteten und -gesuchten Anführer der Farc

Kommandant Trujillo, 71, ist einer der meistgefürchteten und -gesuchten Anführer der Farc


Celeni führt uns zur Krisensitzung zu einem Unterstand inmitten von Bananenstauden. Es ist noch dunkel. An einem frisch gezimmerten Holztisch sitzen zehn Guerilleros mit Taschenlampen. Sie werfen uns argwöhnische Blicke zu, aber Oberkommandant Trujillo, ein hagerer alter Mann mit strengem Blick, stellt die Deutschen als Alliierte vor. Die EU habe sich hinter den Frieden gestellt, auch die Uno, selbst der alte Feind USA.

Nur das eigene Volk nicht.

"Ja, ja, das Volk", murmelt Trujillo.

Es treibt ihn um den Verstand. Seit 52 Jahren sind die Farc die Armee des Volkes, und nun will dieses Volk sie nicht belohnen. "Die Welt da draußen ist verrückt", sagt Trujillo.

Die Stimmung an diesem Morgen ist angespannt. Andrés, ein junger Kommandant, prescht voran: "Wenn wir die Amnestie nicht kriegen, sollten wir unseren Kampf wieder in die Städte tragen." Ein Zweiter stimmt ihm zu: "Wir knüpfen uns die Bourgeoisie direkt vor."

Sie sagen es nicht direkt, aber sie meinen: Terrorismus.

Trujillo murmelt etwas von "Geduld". "Wir sollten weiter an einer friedlichen Lösung basteln." Er ist 71, seit 46 Jahren Guerillero, 80 Haftbefehle liegen gegen ihn vor. Er hätte gern etwas Frieden auf seine alten Tage.

"Wie ist die Lage sonst?", fragt er in die Runde.

"Fünf Malariafälle, dreimal Denguefieber, einer Kameradin ist ständig schlecht", antwortet ein Assistent. "Vielleicht schwanger."

"Warum funktioniert die Verhütung nicht mehr?", will Trujillo wissen.

Betretenes Schweigen in der Runde. Die Jungen grinsen.

"Unsere Vorräte gehen zu Ende", meldet Celeni. "Wir schicken heute eine Brigade zur Bananenernte und Aussaat von Maniok."

Mafia oder Dschungelpolizei

Die Frente 34 war immer eine der reichsten Fronten der Farc, aber nun werden die Ressourcen knapp. Während der Waffenpause haben sie sich verpflichtet, nichts Illegales mehr zu unternehmen.

Also keine Schutzgelderpressung im Bergbau mehr?, fragen wir Trujillo.

"Nicht nur Bergbau", antwortet er barsch. Er ist empört, dass man ihnen nicht mehr zutraut. "Wir besteuern Drogenkartelle, Großbauern, Unternehmen. Wir knüpfen ihnen 18 Prozent Steuern ab, die höchsten in Südamerika."

Im Kommunikationszelt lesen die Anführer der Front 34 auf Laptops und Smartphones die neuesten Nachrichten.

Nach Jahren ist jetzt die Welt bei ihnen. Im Kommunikationszelt lesen die Anführer der Front 34 auf Laptops und Smartphones die neuesten Nachrichten. Der Holztisch wurde extra für diesen Zweck gezimmert.


Schutzgelderpressung ist so was wie das Geschäftsmodell der Farc. Sie operieren nicht anders als die Mafia. Sie selbst dagegen sehen sich als Dschungelpolizei des kleinen Mannes, die Drogenkartellen Geld abknöpft, um damit Brunnen und Straßen zu bauen. Es ist ihre Form der Reichensteuer. Die Umverteilung von oben nach unten, vom Oligarchen zum Bauern.

Dieses Geschäftsmodell steht im Frieden vor dem Aus. Während der Krieg ihnen Millionen Schutzgelder einbrachte, bringt der Frieden erst mal gar nichts. Im Krieg gehört der Frente 34 ein Territorium so groß wie die Schweiz. Im Frieden – dann als politische Partei – regieren sie maximal noch in einigen Gemeinden. Trujillo sagt: "Ein Frieden muss sich auch rechnen."

Die Front 34 gilt als Eliteeinheit innerhalb der Farc. Sie bilden Sniper wie Celeni aus und ein Killerkommando namens Pisa Suave. Die "Leisetreter" schleichen sich an Einsatzorte heran, mit Unterhose bekleidet und Erdöl beschmiert, und töten mit Dolch, Pistole oder Handgranate. "Die Front 34 ist nie bezwungen worden, auch nicht von Flugzeugen des imperialistischen Feindes", sagt Celeni stolz.

Das ist ihre Lieblingsrechnung: Die USA mögen die Sowjetunion besiegt haben und gerade wohl auch Kuba. Nicht aber die Farc.

Die Kommandanten stellen uns Jordan an die Seite, einen stark parfümierten Mann mit Schnauzbart und Bäuchlein, der gut in die TV-Serie "Narcos" passen würde. Er versteht sich als unser Schatten. Er taucht zu jeder Zeit auf und begleitet einen sogar zur Fäkalgrube, stets mit einem Lächeln und seinem weißen iPad. Jordan soll uns eigentlich vor rechten Paramilitärs schützen. Er will aber vor allem Pressearbeit lernen. Er fragt: "Was macht dieses Twittern aus? Wie funktioniert das Chatten bei euch in der Welt?"

Einmal führt uns Jordan an eine Flussbiegung, einen paradiesischen Ort. Er druckst herum. "Gibt es deutsche Bergbaugesellschaften?" , fragt er. "Ich weiß, wo hier die Schätze sind. Die Berge sind voller Gold und Uran. Das wollen sich jetzt die Multinationalen unter den Nagel reißen. Aber noch haben wir die Macht. Man brauchte nur so was wie – einen Vermittler."

Die Deutschen sind eher nicht im Urangeschäft, antworten wir.

"Schade", sagt er enttäuscht.

Auch darum geht es bei diesem Frieden: Bleiben die bisher unzugänglichen Krisenregionen Naturreservate, oder werden sie zu den Goldgruben internationaler Konzerne?

Terroristen mit Emojis

Bei der Frente 34 erscheint so manches schizophren. Die Rebellen tragen den ganzen Tag Granatwerfer oder Sturmgewehre, toben danach aber wie Kinder im Fluss. Sie haben Massaker verübt wie das von Bojayá, bei dem 48 Kinder starben, schnitzen aber liebevoll Gehstöcke für die Alten. Sie sind harte Waldmenschen und entdecken gerade die Freude, die von Emojis ausgeht.

Celeni macht sich auf den Weg zur Schicht in der Feldküche, einem Unterstand zwischen Ameisenbäumen mit riesigen Blechtöpfen und Gasflaschen. Im Schichtdienst schnippeln die Guerilleros hier Zwiebeln, zerreißen Hühner, panieren Fische – und erzählen aus den Schlachten wie alte Veteranen. Nach ihren Zukunftsplänen im Frieden befragt folgt aber oft die gleiche hilflose Antwort: "Weiß nicht. Das entscheidet die Führung." Viele sind in der Farc, seit sie 13 sind, sie haben es nie gelernt, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie sagen: "Ich gehe dahin, wo die Revolution mich braucht. Wenn die Farc eine Partei wird, mach ich eben da mit."

Das ist der nächste Knackpunkt. Das Volk lehnt diese Bildung einer politischen Partei ab. Und die noch größere Frage ist: Wie macht man Waldmenschen zu Politikern, wie aus obrigkeitshörigen Kriegern Demokraten?

Eine Patrouille begrüßt Bauern in der Nähe des Lagers

Eine Patrouille begrüßt Bauern in der Nähe des Lagers. In ihrem Einflussgebiet ist die Farc Polizei, Richter und Steuereintreiber.


Einige junge Guerilleros überlegen, in den Nahen Osten zu gehen, wo viele kolumbianische Soldaten schon als Söldner kämpfen. Kolumbianer haben – darf man es sagen? – eine Menge Know-how beim Töten. Celeni sagt über ihre Zukunft: "Ich mache das bestimmt nicht. Ich will Frieden. Ich will meine Töchter suchen."

Nach einigen Tagen hat sie Vertrauen gefunden. Sie zeigt uns ihren Verschlag und den spärlichen Besitz: etwas Schminke, Haarreifen, ein marxistisches Lehrbuch mit dem Titel "Krankenschwester für den Frieden". Wie viele in der Truppe hat sie sich zudem einen Hund zugelegt. Irgendwo muss die Liebe ja hin.

Ohne Frieden gibt es für sie keinen Weg zurück

Sie hockt sich ächzend auf ihr hartes Bett. Die anderen nennen sie "Gordita" , die kleine Dicke, sie mag das. Zärtlich putzt sie ihre Waffen – Dolch, Pistole, Sturmgewehr. Sie will wissen, wie er so ist, der Frieden, als handelte es sich um ein Naturereignis. In ihren 37 Jahren hat sie ihn nie erlebt. Ihr Dorf war immer Kriegsgebiet und der Dschungel auch. Ihr Mann, der Vater ihrer Töchter, wurde von der Polizei hingerichtet, er war ebenfalls Guerillero. "Ich habe fast alle Kameraden im Krieg verloren, zuletzt 16 bei einem Luftangriff."

Sie greift nach einem alten Laptop, den sie vom Kommandanten bekam. Sie hat begonnen, im Internet nach den verlorenen Töchtern Juliet und Patricia zu forschen. "Wenn die Amnestie durchkommt, kann ich draußen weitersuchen. Wenn nicht, erwarten mich 30 Jahre Knast."

In einer Nacht vernehmen wir auf einmal Flugzeuggeräusche. Die Rebellen springen sofort auf und greifen nach ihren Waffen. Oft genug sind sie nachts bombardiert worden. Sie schlafen in voller Kampfmontur auf Holzpritschen, über die nichts als eine Regenplane gespannt ist, offen für sämtliche Tiere. Am Morgen lautet die erste Frage, welcher Mückenbiss wohl Dengue bringt, welcher Zika oder Malaria. Um vier Uhr werden sie geweckt, und schon abends um sieben ist Bettruhe. Aufseher ziehen dann ihre Runden.

Vanessa, 20, hat die kleine Manuela erst vor wenigen Tagen zur Welt gebracht.

Vanessa, 20, hat die kleine Manuela erst vor wenigen Tagen zur Welt gebracht. Jetzt hat sie Angst: Bisher mussten Babys nach 40 Tagen abgegeben werden. Ohne Ausnahme. Nur wenn der Frieden kommt, darf die Kämpferin Vanessa Mutter bleiben.

In einer dieser Nächte ist plötzlich Babykreischen zu hören. Nachwuchsguerillera Vanessa, erst 20, hat ein Mädchen zur Welt gebracht, 2200 Gramm leicht, aber gesund. Sie nennt es Heinis.

"Kameradin Manuela", sagen die anderen. "Nein, Heinis", sagt sie. "Kameradin Manuela", insistieren die anderen.

Auch Neugeborene bekommen bei der Farc einen Nom de Guerre. Selbst die Namensgebung ist hier Volksangelegenheit.

Vanessa liegt lethargisch in ihrer Hütte neben ihrem Baby. Sie hat Dengue. Um sie herum wachen Kameradinnen, verscheuchen Moskitos und Skorpione. Wie besessen stürzen sich die Kämpfer auf das Kind, ein Symbol der Menschlichkeit in dieser unerbittlichen Kriegswelt. Babys sind selten bei der Frente 34. Den Frauen werden Hormonimplantate unter die Haut gesetzt. Die Geburtenrate ist quasi null. Die Lebenserwartung etwa 40 Jahre. Ein Rentenalter gibt es nicht. Das sind die Sozialdaten der Guerilla.

Vanessa musste sich bei der Frente 34 an so einiges gewöhnen. Sie hieß plötzlich nicht mehr Leidi Joana, sondern Kameradin Vanessa. Sie kam nicht so sehr wegen Marx oder der Revolution, sondern weil sie arm war und Hunger hatte. Sie gehört zur dritten Generation. Die erste wie Trujillo kam für den Marxismus. Die zweite wie Celeni für mehr Gerechtigkeit. Die dritte wie Vanessa für mehr Reis.

Alles hat sich der Revolution unterzuordnen, auch die Liebe

Ihre Cousine Jafari, die schon mit 13 beigetreten war, sagte ihr, es gebe bei der Farc drei warme Mahlzeiten am Tag und gute Männer. Doch laut Statuten durfte Vanessa die ersten sechs Monate nichts mit Männern haben. Danach brauchte sie für ein Rendezvous die Erlaubnis des Kommandanten. Und nur jede zweite Nacht dürfen Liebende miteinander verbringen. Im Krieg müssen sie um Erlaubnis für den Beischlaf bitten, eine Kopulationskonzession. Alles hat sich der Revolution unterzuordnen, auch die Liebe.

In diesen Momenten wirkt die Farc nicht anders als jede Sekte.

Celeni schaut alle zwei Stunden beim neuen Baby vorbei. Mit leuchtenden Augen wechselt sie die Windeln der kleinen Manuela und singt ihr Revolutionslieder vor. Sie hat sich Vanessa und des Babys angenommen. Sie lebt die Großmutter aus, die sie nie sein durfte. Seit 23 Jahren ist ihre Mutterliebe nun im Wartestand.

Vor allem treibt sie eines um: Was wird aus der Kleinen? Wird es Vanessa ergehen wie mir? "Nach dem 40. Tag musst du sie fortbringen", sagt Celeni. "So ist die Regel."

"Das bringe ich nicht übers Herz."

"Lass die Lage entscheiden. Gibt es Frieden, kann Manuela bleiben. Wenn nicht, ziehen wir wieder durch den Dschungel. Da kann die Kleine nicht mit."

Die Kämpferin Angela wäscht sich im Fluss

Die Kämpferin Angela wäscht sich im Fluss. Die Front 34 zog bisher stets umher, feste Unterkünfte gibt es nicht.


Im Schatten dieses langen Krieges hat sich bei der Frente 34 ein eigener Mikrokosmos ausgebildet, ein marxistisches Utopia. Die Krieger haben keine Kinder, also stecken sie ihre Liebe in die Revolution. Die Farc ist streng autokratisch, aber auf gewisse Weise auch ein Ort der Aufklärung in diesem machistischen Land. Die Geschlechter sind gleichberechtigt, Männer müssen wie Frauen putzen und kochen, "und ich werde sicher nie einem Mann die Unterhosen waschen", sagen Celeni und Vanessa unisono. Sie kommen hier ohne Quote und Gehälter aus, keiner besitzt Eigentum, auch Kommandant Trujillo nicht. Um 18 Uhr gehen alle gemeinsam zur "Aula", der Volkshochschule. Acht Abende hintereinander haben sie dort den Friedensvertrag gelesen, alle 297 Seiten.

Am dritten Tag im Camp lädt Comandante Trujillo uns nach dem Frühstück – versalzener Fisch und frittierte Bananen – in sein Zelt. Es ist ein stürmischer Tag, Tropengüsse verwandeln das Lager in eine Schlammlandschaft. Sie nennen Trujillo "El Viejo", den Alten. Er ist nicht nur Comandante der Frente 34, sondern einiger anderer Einheiten im Nordwesten. Er verwaltet ein Gebiet, das größer ist als das mancher Gouverneure.

Kaltes Bier und Rollkoffer

Trujillo trägt das Übliche – olivgrüne Uniform, Kampfstiefel, Pistole –, aber auch einen Gehstock, in seinen Knien sitzt Arthritis. Er ist seit einem halben Jahrhundert im Kampf, aber seine Sprache ist eher sanft. Er sagt schmunzelnd: "In meinem Alter sollte ich nicht mehr 20 Kilometer durch die Feuchtigkeit marschieren, oder?"

Er reicht uns kaltes Bier und Cola. Als Einziger hier hat er einen Kühlschrank. Er hat auch einen Rollkoffer, den er mit zu den Friedensverhandlungen nimmt. Das sind die Statussymbole der Farc. Kaltes Bier und Rollkoffer.

Neben seinem Zelt steht ein großes blaues Fass. Darin vergraben sie ihre Millionen im Dschungel. "Einmal hat die Armee vier Fässer gefunden", erzählt er angesäuert. "Die Soldaten haben es für Nutten und Schnaps ausgegeben. Dann kamen sie in den Knast."

Wir sehen Trujillo nun täglich, und jedes Mal rutscht etwas mehr aus seinem Leben raus. "Ich habe zwei Söhne im Krieg verloren", erzählt er, "einen im Kampf und einen beim Bombenbauen. Jetzt habe ich nur noch meinen Enkel in der Farc." Er flüstert nun fast. "Ich würde gern aufhören, verstehen Sie. Die wenigen Tage, die einem vom Leben bleiben. Ich würde gern die Welt kennenlernen."

Er redet wie jeder andere Rentner. Aber er ist Isaías Trujillo, einer der meistgesuchten Männer Kolumbiens – vor allem wegen Beteiligungen an Terrorattacken und Massakern. Es sind unbehagliche Momente. Der Comandante freut sich, dass ihm jemand zuhört. Das Ganze hat etwas von Gesprächstherapie. In der Frente 34, das merkt man, sitzt eine Menge Trauma. Genauso dringend wie Frieden brauchten sie Seelsorge.

Frauen aus der Umgebung frisieren die Guerilleras Brenda (im lila Shirt) und Ledys.

Frauen aus der Umgebung frisieren die Guerilleras Brenda (im lila Shirt) und Ledys. Bisher waren solche Nebensächlichkeiten verpönt.


Sein Enkel kommt vorbei, Hanibal, erst 23, ein breitschultriger Kerl im Muskelshirt. Der Letzte von fünf Familienmitgliedern in der Farc. Die beiden praktizieren hier ihre eigene Variante von generationenübergreifendem Wohnen. "Ich würde gern studieren", sagt Hanibal, auf die Zukunft angesprochen. "Ich würde gern mal eine richtige Stadt sehen, aber na ja." Er zuckt mit den Schultern. Familie verpflichtet, das weiß er – bei Rebellen wie Monarchen.

Trujillo checkt auf seinem Smartphone die Nachrichten aus Bogotá. Die siegreichen Gegner des Friedens wollen auf keinen Fall eine Straffreiheit für Guerilleros akzeptieren. "Gut, dann verlegen wir den Kampf tatsächlich in die Städte", kontert Trujillo verärgert. Allein die Frente 34 verfüge über hundert "Milicianos" in den Gemeinden: Schläferzellen, die sofort aktiviert werden könnten.

"Bis zum Triumph oder Tod"

Aber das bedeutet die Rückkehr zum Terrorismus, wenden wir ein.

"Ich gehe jedenfalls nicht in den Knast. Ich war nicht 46 Jahre im Krieg, um jetzt meine letzten Jahre hinter Gittern zu verbringen."

Drei Tage später lässt er ausrichten, dass unsere Zeit bei der Farc vorbei ist. Es gebe neue Spannungen. Die Waffenruhe läuft aus. Kameradin Vanessa kommt zum Abschied vorbei und fragt, ob wir nicht ihr Baby mitnehmen können zu ihrer Mutter nach Medellín. Ohne Frieden gebe es für sie keinen Weg zurück. Jeder zu Hause weiß, dass sie bei der Farc ist. Sie hat Todesangst, hier wie dort.

Celeni fragt zum Abschied, ob wir bei der Suche nach ihren Töchtern helfen können. Von der Älteren weiß sie, dass sie Internationale Beziehungen studiert, die Jüngere soll in der Stadt Yolombó leben.

Und Sie?

"Ich bleibe", sagt sie. "Bis zum Triumph oder Tod. Ich kann meine Familie nicht allein lassen."

Sie meint die Farc.

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(