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Gustavo Petro An Kolumbiens Spitze steht nun ein Ex-Guerillero. Mit ihm könnte die linke Macht in Lateinamerika zurückkehren

Gustavo Petro feiert den Wahlsieg vor Anhängern
Zum ersten Mal weht in Kolumbien der Wind von links: Gustavo Petro feiert den Wahlsieg vor Anhängern
© Daniel Munoz / AFP
Mit dem Ex-Guerillero Gustavo Petro bekommt Kolumbien zum ersten Mal einen linken Präsidenten. Es könnte das nächste Kapitel einer politischen Renaissance in Lateinamerika einleiten. Doch der Kontinent ist zwischen den Extremen gefangen. 

Ein ehemaliger Guerillakämpfer zieht in den Präsidentenpalast ein. Es ist ein historischer Richtungswechsel – noch nie konnte ein Linker die Präsidentschaftswahlen im sonst konservativen Kolumbien für sich entscheiden. Gustavo Petro, früher Bürgermeister der Hauptstadt Bogotá, setzte sich mit 50,5 Prozent der Stimmen haarscharf gegen seinen millionenschweren, rechtsgerichteten Rivalen Rodolfo Hernández durch. Nach den Kandidaturen 2010 und 2018 war es Petros dritter Anlauf.

An seiner Seite wird mit der designierten Vizepräsidentin Francia Márquez eine afro-kolumbianische Menschenrechtsaktivistin und Umweltschützerin mit an die Staatsspitze rücken. Sie kämpfte in der von der Gewalt besonders betroffenen Region Cauca gegen illegale Goldsuche und musste bereits mehrmals um ihr Leben fürchten.

Für die einen bedeutet der Sieg des 62-jährigen Petro Hoffnung. Sie sehen in ihm einen Kämpfer gegen die weit verbreite Korruption und die massive soziale Ungleichheit in Südamerikas zweitbevölkerungsreichstem Land. Die anderen, vor allem diejenigen, die bislang die Zügel in Händen hielten, fürchten den sozialistischen Umbruch und katastrophale Folgen für die Volkswirtschaft. Petros Erfolg könnte die nächste Welle einer anschwellenden rosaroten Flutsein, die über einen tief gespaltenen Kontinent hinweggespült.  

Gustavo Petro: der Präsident, der eins illegale Waffen hortete

Lange bevor Petro eine ernstzunehmende Größe auf der politischen Bühne wurde, machte er sich laut "New York Times" einen Namen als Mitglied der städtischen Guerillatruppe M-19. Die Vereinigung entstand 1970 als Reaktion auf die angeblich manipulierten Präsidentschaftswahlen. "Die M-19 wurde mit Waffengewalt gegründet, um eine Demokratie aufzubauen", sagte Petro in einem Interview mit der US-Zeitung. Die Gruppe war allerdings weit weniger bedeutend als die marxistische FARC, die aus den Tiefen des kolumbianischen Dschungels heraus operierte.

In ihren Anfangstagen habe sie versucht, sich mit Lebensmitteldiebstählen eine Art "Robin-Hood-Image" aufzubauen. Echte Aufmerksamkeit erregte M-19 jedoch, als sie 1974 das Schwert des Unabhängigkeitskämpfers Simón Bolívar aus einem Museum stahl – ein symbolischer Akt der Rebellion. Blutig wurde es im Jahr 1985, als die Gruppierung, die bis dahin als gemäßigt galt, während der Belagerung des kolumbianischen Justizgebäudes in einen Schusswechsel mit Polizei und Militär geriet. 94 Menschen starben bei den Gefechten. Fünf Jahre später wandelte sich die Guerillabewegung nach einem Friedensabkommen schließlich zu einer regulären Partei um. Erst als solche gelang es ihr, tatsächlich politischen Einfluss geltend zu machen.

Und Gustavo Petro? Der stieß im Alter von 17 Jahren zur M-19 und verbrachte rund zehn Jahre in deren Reihen. In dieser Zeit, so erklärt Sandra Borda, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität der Anden in Bogotá, der "New York Times", hortete er für sie vor allem gestohlene Waffen. Genau deswegen saß er auch hinter Gittern, als es 1985 zu den blutigen Gefechten kam. Eigenen Angaben zufolge wurde er im Gefängnis von den Behörden gefoltert. Der bald mächtigste Mann des Landes habe allerdings nie zu den Entscheidungsträgern der Rebellen gehört, ist sich Politikwissenschaftlerin Borda sicher.

Petro sieht sich als "Teil einer Politik des Lebens"

"Heute ist ein Tag der Freude für das Volk", schrieb Petro nach der Schließung der Wahllokale am Sonntag auf Twitter. Es sei "ein Sieg für Gott und für die Menschen". Im seinem Wahlkampf, der sich in erster Linie auf soziale Medien, insbesondere auf Tiktok konzentrierte, gelang es Petro vor allem die junge Generation für sich zu begeistern. Laut der spanischen Tageszeitung "El País" sehen diese in dem 62-Jährigen einen echten Anführer. Die Hoffnung, dass er das von Drogenhandel, Korruption und politischen Gewaltakten zerfressene Land einen kann, sei immens.

Petros Ambitionen stehen dem offenbar in nichts nach: Er wolle die grassierende soziale Ungleichheit bekämpfen, kostenlose Universitätsausbildungen anbieten, Rentenreformen durchbringen, der Korruption ein Ende setzen, den Tourismus fördern, die Ausbeutung von Rohstoffen bremsen und Unternehmen stärker besteuern. Zudem hat es sich der Ex-Guerillero laut BBC auch auf die Fahne geschrieben, den wackeligen Frieden mit der FARC, der 2016 nach mehr als 50 Jahren blutiger Kämpfe geschlossen wurde, vollständig umzusetzen. Schließlich sei er selbst trotz seiner paramilitärischen Vergangenheit nie ein Mann der Gewalt gewesen. "Ich habe nie auf einen Menschen geschossen, niemals. Vielleicht wäre ich von der Gewalt verschlungen worden", hatte Petro "El País" zufolge kürzlich erklärt.

Er selbst sehe sich nicht als Teil einer linksideologischen Strömung, unterteile "die Politik nicht mehr in links und rechts, wie es im 20. Jahrhundert der Fall war", sagte Petro gegenüber der Zeitung vor einigen Monaten. Stattdessen gebe es zwei große Bereiche: "die Politik des Lebens und die Politik des Todes". Petro rechne sich vielmehr einer "Politik des Lebens" hinzu.

Die rosafarbene Flut

In welcher Ecke oder Nicht-Ecke sich Petro auch immer verorten mag: Er könnte Symptom oder zumindest Vorbote einer linkspolitischen Renaissance sein. 

Zu Beginn des Jahrtausends hatte Lateinamerika eine "rosafarbene Flut" (die Farbe der von Parteien links des politischen Zentrums) erlebt, in deren Folge linke Kandidaten in vielen Staaten an die Macht kamen. Mitte der 2010er flaute der Erfolg jedoch wieder ab, konservative Kräfte eroberten Schlüsselstaaten wie Brasilien, Argentinien und Chile zurück.

Petros Sieg in Kolumbien, so schreibt die US-Nachrichtenwebseite "World Politics Review", bestärkt den Eindruck einer allmählichen Wiederbelebung der linken Macht. Ob 2019 in Argentinien, 2020 in Bolivien, 2021 in Peru oder kürzlich in Chile und Honduras: in den vergangenen Jahren entschieden überall auf dem Kontinent Linke die Wahlen für sich. Doch geben sich weiterhin rechtspopulistische Machthaber wie Jair Bolsonaro in Brasilien als Fels gegen die linke Brandung. 

Eines haben Linke und Rechte hier jedoch gemein: In der Regel versprechen sie viel und liefern wenig. Das Lieblingsthema beider Lage: der Kampf gegen die Korruption. Venezuela als letztes Überbleibsel der glorreichen Zeit des südamerikanischen Sozialismus macht da eine besonders schlechte Figur. Unter Nicolas Maduro ist die politische und wirtschaftliche Situation eskaliert. Das Land leidet unter extremen Versorgungsengpässe und Hyperinflation, Millionen sind bereits geflohen. Maduros von den USA unterstützter Gegenpart, Juan Guaidó, ist es auch nach vier Jahren nicht gelungen, das Land zu einen und aus der Krise zu führen.

Hoffnung auf bilaterale Beziehungen: gleiche Gesinnung, andere Prioritäten

Sollte in Brasilien Luiz Inácio Lula da Silva im Herbst Bolsonaro ablösen, würden sich die fünf mächtigsten lateinamerikanischen Regierungschefs (die von Brasilien, Mexiko, Argentinien, Kolumbien und Chile) grundsätzlich dasselbe ideologische Fahrwasser teilen. Das könnte eine Chance für konstruktive bilaterale Beziehungen sein, heißt es in einem Beitrag des US-Magazins "Americas Quarterly". Vor allem wirtschaftlich prekären Folgen der Corona-Pandemie dürfte es den vermeintlich Gleichgesinnten jedoch schwer machen, genügend Zeit für gemeinsame außenpolitische Glanzstücke aufzubringen. Ob womöglich bald unter Lula in Brasilien oder jetzt unter Petro in Kolumbien: die linken Regierungen werden einen Großteil ihrer Konzentration auf die Innenpolitik richten. Denn es gibt genug zu tun.

Ein anderer Stimmungskiller unter den linken Staatschefs, so "Americas Quarterly", ist der immer weiter zurückgehende Handel untereinander. Sei es zwischen Argentinien und Brasilien oder zwischen Chile und Uruguay – die interregionalen Exporte haben in den vergangenen Jahren massiv gelitten. Der gemeinsame Nenner: China. Denn ihre wirtschaftliche Zukunft sehen viele lateinamerikanische schon lange nicht mehr im Handel untereinander, sondern in Geschäften mit Fernost.

Es bleibt wohl vorerst dabei: Der Kontinent ist gespalten, zerstört von Drogenhandel, zerfressen von Korruption und leidet unter andauernden Machtkämpfen. Weder links noch rechts finden echte Lösungen statt – vielmehr profitiert das eine Lager vom Versagen des anderen. Lateinamerika sei "so polarisiert wie seit den Militärdiktaturen und Bürgerkriegen der 70er und 80er Jahre nicht mehr", beschrieb die Zeitschrift "Internationale Politik und Gesellschaft" (IPG) die Lage im vergangenen Jahr. Die politische Mitte habe keine Chance, sie werde zwischen den Extremen aufgerieben, in den Medien gehen die als konturlos empfundenen Christ- und Sozialdemokraten einfach unter. Wichtig seien sie lediglich als "Königsmacher" in den Parlamenten.

Vor allem junge Wähler seien politisch orientierungslos, was sie wiederum empfänglich für linke und rechte Autokraten mache. Am Ende leide darunter vor allem die Demokratie. Jeder vierte Lateinamerikaner halte die Autokratie laut einer Umfrage für die bessere Regierungsform, berichtete IPG. Der Grund: Sie trauen eher Autokraten vom Schlag Bolsonaro zu, wirklich etwas gegen Korruption ausrichten zu können. Nun liegt es an Kandidaten wie Gustavo Petro, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Quellen: "New York Times"; BBC; "El País"; "World Politics Review"; "Internationale Politik und Gesellschaft"; "Americas Quarterly"; dpa


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