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Flüchtlingscamp in Jordanien Wie Sigmar Gabriel demütig wurde


Das zweitgrößte Flüchtlingslager der Welt befindet sich in Jordanien, 80.000 Syrer leben in Zaatari. Sigmar Gabriel hat sich das Mahnmal aus Wellblech angesehen - und war sprachlos.
Ein Ortstermin von Ulrike Posche, Zaatari

Die Luft ist staubig. Es ist heiß schon in der Frühe um neun. Kleine Jungen in Badeschlappen umwuseln neugierig die schwarz glänzenden SUVs, mit denen die Delegation des deutschen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel nach Zaatari gekommen ist - ins größte Flüchtlingslager der arabischen Welt, ins zweitgrößte weltweit. Mehr als 80.000 syrische Flüchtlinge haben sich über die nahe Grenze hierher nach Jordanien gerettet, Männer, Frauen, Kinder. 70 bis 80 Neugeborene kommen in jeder Woche hinzu, in eine Hüttenkolonie, die sich bis zum Horizont erstreckt.

Zaatari Camp, vom Flüchtlingswerk UNHCR vor drei Jahren errichtet, ist eine gut gemanagte Stadt im nordjordanischen Wüstenland. Es ist ein Ort der Vertriebenen, ein Mahnmal aus Wellblech, Stein und Pappe. 80.000 Menschen an einem Ort! Die meisten sind ohne Hoffnung, ohne Perspektive. Sie haben Krieg und Flucht, Trauer und Leid erlebt. Es gibt nur ein Gefühl, das man haben kann, wenn man das jordanische Flüchtlingsproblem mit dem Flüchtlingsansturm in Deutschland vergleicht:

"Man wird demütig", sagt Sigmar Gabriel.

Eine Familie, zerfetzt von einer Rakete

Soeben hat er in der Baracke, die als "Zentrum für traumatisierte Kinder" dient, mit einer syrischen Familie gesprochen, die vor einem Jahr hier ankam. Eine Rakete, die unter dem fahrenden Auto der Familie explodiert war, hatte dem Vater ein Bein abgerissen, und das andere schwer verletzt. Sein 13-jähriger Sohn verlor beide Unterschenkel, eine Hand und ein Auge, dem zweiten Sohn "stand die Traumatisierung im Gesicht", so Gabriel.

Solche Begegnungen steckt auch ein hartgesottener deutscher Minister nicht einfach in seinen inneren Aktenordner. In solchen Momenten bekommt der Wunsch zu helfen ein nie mehr auszulöschendes Gesicht. Für ihn ist einmal mehr klar: "Deutschland muss mehr Hilfe organisieren."

Drei Milliarden Euro werden benötigt

Sigmar Gabriel wollte sich ein Bild über die "Push-Faktoren" machen, über die Situation der Flüchtlinge in den Nachbarländern Syriens, von denen sich immer mehr auf den Weg nach Europa machen, und täglich mehr machen wollen. Zwei Tage bevor am Donnerstag die Bundesregierung weitere Hilfen für Jordanien beschließen wird, steht er deshalb in schwarzem Anzug und Sonnenbrille hier im UNHCR-Lager.

1,5 Milliarden Euro soll die EU insgesamt zuschießen und - ginge es nach Gabriel und der Bundesregierung - so sollten auch die USA und Saudi Arabien schnell mit jeweils 1,5 Milliarden helfen.

Das haschemitische Königreich Jordanien hat knapp sieben Millionen Einwohner und 1,4 Millionen offiziell registrierte Flüchtlinge - über 630.000 allein aus Syrien. Und es werden zum Verdruss vieler Einheimischer ständig mehr. Längst klagen Studenten, Handwerker und Küchenhelfer, dass Syrer ihnen die einfachen Jobs wegnähmen, dass sie die Krankenhäuser belasteten und auch die Schulen.

Gelder gekürzt, Gabriel sprachlos

Vor Kurzem sind zudem die Gelder für das UN-World-Food-Programm (WFP), das für die Versorgung der Menschen zuständig ist, enorm gekürzt worden. Die Nahrungsmittelhilfe für 200.000 Flüchtlinge musste eingestellt werden, sagt Jonathan Campbell vom UN-Flüchtlingshilfswerk. So wachse die Gefahr, dass Menschen die Camps in Scharen verlassen noch einmal um ein Vielfaches. "Wir würden vor einer dramatischen Lage stehen", ergänzt der Vizekanzler. Aber auch Deutschland, so erfährt er an diesem Morgen, habe seine Zuwendungen in diesem Jahr um die Hälfte reduziert - auf 7,5 Millionen Dollar. Gabriel ist sprachlos.

Doch seine Rundreise durch das Camp bringt ihn an diesem Dienstagvormittag noch mehrfach zum Staunen. So betreibt das Lager im Zentrum natürlich auch eine Krankenstation, ein Krankenhaus ohne Betten. 600 Menschen kommen täglich zur Behandlung. Infektionen, Augenkrankheiten, Wunden und Geburten. Ärzte, Schwestern, Pfleger helfen und heilen hier sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Syrische Flüchtlinge mit medizinischer Ausbildung können meist keine Expertisen vorweisen, so erklärt ein Mitarbeiter, deshalb arbeiteten hier bislang nur Jordanier.

Nur die Hälfte der Kinder geht zur Schule

Lediglich fünfzig Prozent aller Kinder gehen im Zaatari Camp zur Schule. Denn nicht alle wollen. "Why?", so habe ihn ein kleiner Junge gefragt, erzählt ein Mitarbeiter: "Wozu soll das gut sein?" Die Betreiber des Camps sprechen längst von einer "verlorenen Generation", wenn sie die anderen 50 Prozent meinen.

Vier Klassen hat die Schule. Am Vormittag sind die Mädchen dran. Fast 50 bis 80 Kinder pro Klasse, die Lehrerinnen verschleiert. Manche sogar tief, bis auf den Sehschlitz. Aber die Mädchen, die sehen aus wie überall auf der Welt. In rosa und pink, mit Glitzer, Haarspangen und rot lackierten Fingernägelchen sitzen sie in den Bänken und sprechen im Chor die frontalen Sätze der Lehrerin nach. Mit welchem Eifer, mit welcher Freude und mit welcher Disziplin hier gelernt wird! "Solche Klassen sind bei uns völlig undenkbar", sagt Delegationsmitglied Marie-Luise Beck von den Grünen, "da würden bei uns die Lehrer streiken."

"... und wir streiten über Cash oder Sachleistungen"

Zum Staunen geht es weiter, in den Supermarkt. Die Lagerleiter haben nichts davon gehalten, den Flüchtlingen starre Essenszuteilungen zu verordnen. Schon deshalb, weil gerade in der syrischen Kultur das Essen, die Küche eine so besondere und große Bedeutung habe. Selbst einkaufen zu gehen, so erklärt ein britischer UN-Mitarbeiter, das habe auch etwas mit Würde zu tun. Jede Familie erhält deshalb 120 Dollar im Monat – eingezahlt auf eine Kreditkarte mit biometrischer Iris-Scan-Funktion. Sobald das Geld verteilt ist, werden die Besitzer per SMS informiert, dass sie zu den Geldautomaten gehen können. Die Methode spare Verwaltungsaufwand, verhindere Diebstahl und Betrug, und zu all dem stärke sie auch die lokale Wirtschaft, die Bauern und Schafzüchter. Sie verbessere zudem die Beziehung zwischen Einheimischen und Flüchtlingen, sagen die Verantwortlichen.

"Und wir diskutieren über Cash oder Sachleistungen für die Flüchtlinge!", so der Minister, "da muss man nach Jordanien fahren, um auf gute Ideen zu kommen!"

"Thank you Germany"

Dann springen die rumturnenden Jungs von den schwarz glänzenden Fahrzeugen weg. Sigmar Gabriel bricht zur letzten Station seiner jordanischen Bildungsreise auf: Er muss zurück in die Hauptstadt Amman. König Abdullah II. wartet im Palast auf ihn.

An der Kasse des Zataari-Supermarkts hängt übrigens ein großes Schild: "THANK YOU GERMANY". In zwei Wochen kommt Außenminister Frank-Walter Steinmeier her.


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