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Geheimer Trip: Nordkoreas Staatschef verschwunden

Mit einem Sonderzug ins Nirgendwo: Am Dienstag hat Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il die Grenze zu China überquert, seitdem ist er verschwunden. Nun machen wilde Gerüchte über die Pleite des Diktators die Runde.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il ist in China verschwunden. Sein luxuriöser Sonderzug, der am Vortag die Grenze bei Dandong überquert hatte, war am Mittwoch nirgends zu finden. "Wir wissen nicht, wo er geblieben ist", sagte ein südkoreanischer Militärattaché, der selbst vom eigenen Geheimdienst im Stich gelassen wurde. Obwohl der Zug von Nordostchina in Richtung Peking gefahren war, was auch zwei Bahnhöfe bestätigten, tauchte Kim Jong Il nicht in der Hauptstadt auf. Wilde Spekulationen brachen los.

Jemand behauptete zu wissen, der Militärführer sei über China nach Russland gefahren. "Halte ich für ausgeschlossen", kommentierte ein Diplomat. Macht auch wenig Sinn, da es eine direkte Bahnstrecke von Pjöngjang nach Moskau gibt. Dann wollte Südkoreas Nachrichtenagentur Yonhap erfahren haben, der Despot habe erstmals seine tief sitzende Flugangst überwunden und sei mit dem Flugzeug nach Schanghai. Offen blieb, warum dann sein Sonderzug ohne ihn durch China rollte. "Auf jeden Fall ist er nicht in Peking", schien sich der Diplomat sicher.

Eigentlich müsste Kim Jong Il auch nicht nach Peking oder Schanghai, sondern viel dringender nach Macao reisen, scherzten Beobachter: In der ehemaligen portugiesischen Enklave wurde ihm der Geldhahn zugedreht. Seit 1999 gehört Macao wieder zu China, verwaltet sich aber autonom als Sonderregion. Macao ist nicht nur berüchtigt für seine Casinos und mafiösen Strukturen, sondern zieht auch viele zwielichtige Gestalten aus Nordkorea magisch an. Nicht umsonst gibt es einen Direktflug nach Pjöngjang. Investoren aus Macao betreiben im Herzen des stalinistischen Staates gar ein Casino.

USA bringen King Jong Il in Geldnot

Kim Jong Ils Geldprobleme hatten im September begonnen, als die USA Strafmaßnahmen gegen die Banco Delta Asia in Macao verhängten: Die Bank soll Nordkorea bei der Verbreitung gefälschter US-Dollars geholfen haben. Die USA wollen solches Falschgeld im Wert von 45 Millionen US-Dollar sichergestellt haben.

Die Bank schloss alle Konten von Kunden aus Nordkorea, darunter 20 Banken, elf Handelsfirmen und neun Privatpersonen, wie die "Washington Post" berichtete. Die Behörden nahmen Ermittlungen auf, die einen Sturm auf die Bank auslösten, so dass Macaos Regierung das Finanzinstitut übernehmen musste. Es wird vermutet, dass die Banco Delta Asia bis dahin beträchtliche Gelder der in Saus und Braus lebenden Familie von Kim Jong Il verwaltet hat.

Nordkoreanische Vermögen eingefroren

Die USA froren zudem die Vermögen von acht nordkoreanischen Unternehmen ein, die an der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen beteiligt sein sollen. Beide Stöße traf das System mitten ins Herz. Die USA wollten Nordkorea zerstören, "in dem sein Blut daran gehindert wird zu fließen", klagte das Außenministerium in Pjöngjang. Wenn die Sanktionen nicht aufgehoben würden, werde Nordkorea nicht mehr mit den USA, China, Südkorea, Japan und Russland über einen Ausstieg aus seinem Atomwaffenprogramm verhandeln.

"Neue, komplizierte Faktoren", stellte besorgt Chinas Regierung fest, mit der Kim Jong Il bei seinem überraschenden Geheimbesuch über seine Zwangslage reden will, wie Experten meinen. Doch dürfte er abblitzen. "Wir unterstützen die Ermittlungen der Behörden in Macao", sagte der Sprecher des Außenministeriums in Peking, Kong Quan. China sei entschieden gegen Geldwäsche. Eventuelle kriminelle Vergehen würden "nach dem Gesetz behandelt".

Andreas Landwehr/DPA / DPA