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Gordon Brown: Küsse und ein Schicksalsschlag

Der neue britische Premier Gordon Brown ist das exakte Gegenteil seines Amtsvorgängers Tony Blair. Dem Zahnarztlächeln Blairs setzt er verknitterte Anzüge und verrutschte Socken entgegen. Erst ein Schicksalsschlag ließen den steifen Politiker in den Augen seiner Mitbürger zu einem Menschen werden.

Von Cornelia Fuchs

Gordon Brown holt nicht Luft, er schnappt sie sich. Dabei fällt sein Unterkiefer herunter, sein Mund öffnet sich, und er atmet schnell und tief ein. Als habe er Angst, es sei nicht genug Sauerstoff im Raum. Brown erklärt Journalisten gerade, dass es ihm gelungen sei, die Schuldenlast Großbritanniens um knapp ein Sechstel zu verringern. Das Pfund ist stark. Seine Entscheidung, gegen heftigen Widerstand vor Jahren die Bank of England unabhängig zu machen, hat dem Land zehn Jahre Aufschwung beschert. Gordon Brown gilt als bester Schatzkanzler aller Zeiten. Und doch holt er immer tiefer Luft, je länger er redet. Als fürchte er, jemand könne ihm den nächsten Atemzug verweigern.

Nichts wirkt leicht an diesem schwer gebauten 1,80-Meter-Mann mit dem Hang zu verknitterten Anzügen und verrutschten Socken. Und im Gegensatz zu Tony Blair mit dem Zahnarztlächeln erscheint der 56- jährige Brown wie der griesgrämige Kollege, der zu lange warten musste, bis er an die Reihe kam. Auf der Parteikonferenz 2003 konnte jeder diesen Frust des Gordon Brown zum ersten Mal sehen: Während Blair nach einer emotionalen Rede sieben Minuten lang frenetisch beklatscht wurde, saß Brown in der ersten Reihe zwischen den Jubelnden, die Hände gefaltet, die Augen auf den Boden gerichtet. Wie ein verstockter Schuljunge saß er da und musste erleben, dass Blair ihn wieder einmal übertrumpfte. Seine eigene Rede hatte nur zwei Minuten Applaus erhalten.

Der natürliche Führer der jungen Generation

Der Mann, der sein neues Amt als Premierminister antritt, hat in den vergangenen Jahren im Schatten von Blair gearbeitet. Und hat doch nie in dessen Schatten gestanden. Dazu war er einfach zu wichtig. Umso mehr fand er es zutiefst unfair, nicht dort zu sitzen, wo Tony Blair Weltgeschichte schrieb: in Downing Street No. 10. Denn es war Brown, der die Partei einst auf ihre neue Rolle in der politischen Mitte vorbereitet und ihr den Sozialismus ausgetrieben hatte. Er war der natürliche Führer der jungen Generation. Blair aber hatte ihm das Amt des Premiers gestohlen.

Dazu ist Brown viel zu sehr von seinem Intellekt bestimmt - anders als der Instinktpolitiker Blair. Schon mit 16 Jahren begann Gordon Brown mit einem Geschichtsstudium an der Universität in Edinburgh. Er war stets der Beste seines Jahrgangs - und ein exzellenter Sportler. Sein Traum war, Fußballprofi zu werden. Doch 1967, noch im ersten Semester, verschlechterte sich plötzlich sein Augenlicht dramatisch.

In der Dunkelheit zum Politiker

Die Netzhaut auf beiden Augen hatte begonnen, sich abzulösen. Grund dafür waren wahrscheinlich Tritte gegen den Kopf beim Rugby. Auf dem linken Auge erblindete Brown. Sechs Monate musste er im Dunkeln liegen, um sein rechtes Augenlicht zu retten. In dieser Dunkelheit wurde Brown zum Politiker. Anders als Blair, den der frühe Tod der Mutter zum gläubigen Christen gemacht hatte, zweifelte Brown seither an seinem Glauben. Und er spürte, dass er keine Zeit mehr verlieren durfte. Mit 21 wurde er der jüngste Rektor der Universität Edinburgh.

Der unorthodoxe Student mit dem schmutzigen Burberry-Mantel und der Plastiktüte voller wichtiger Papiere, die er überall mit hinschleppte, war bekannt für seine Unordnung und prima Partys. Frauen duldete er bestenfalls. Prinzessin Margarita von Rumänien lebte jahrelang mit ihm zusammen. Sie trennte sich jedoch, als Brown 1979 den Wahlkampf für ein Abgeordnetenmandat antrat und Wutanfälle bekam, wenn sie bei gemeinsamen Ausflügen am Wochenende das Telefon abstellen wollte. Brown hatte später zwar stets Freundinnen, manchmal sogar mehrere zur selben Zeit, niemals jedoch ließ er sich mit ihnen sehen.

Tony Blair spielte die Karte des Familienvaters

Er verstand einfach nicht, dass ein Politiker nicht nur ein genialer Stratege, sondern auch ein Mensch sein muss in den Augen seiner Wähler. Tony Blair dagegen spielte die Karte des liebevollen Familienvaters aus, mit drei Kindern und einer erfolgreichen Frau, die ihn zu Hause auch den Abwasch machen ließ. Das brachte Stimmen. Brown aber weigerte sich, über Privates zu reden. So entstand das Gerücht, der eiserne Junggeselle sei schwul.

Am 12. Mai 1994 starb der damalige Labour- Führer John Smith völlig unerwartet an Herzversagen. Blair witterte seine Chance und begann sofort, seine Anhänger um sich zu scharen. Er wollte der neue Vorsitzende werden, auch wenn dies hieß, seinen Freund Gordon auszuspielen. Für den ging Loyalität über alles. Darum war er in den Jahren zuvor keinem Streit mit Gewerkschaften und alten Parteikadern aus dem Weg gegangen, um Labour für Blair und sich auf die Zukunft vorzubereiten.

Brown kam zu spät

Die beiden trafen sich im Londoner Restaurant Granita. Blair saß ganz allein im hinteren Teil des Lokals, als Brown ankam, wie immer zu spät. Gedrängt von einem übereifrigen Blair und gedemütigt von schlechten Umfragewerten für sich, versprach Brown, bei der Wahl des Parteivorsitzenden nicht gegen Blair anzutreten. Dafür gab der Brown freie Hand für fast die gesamte Innenpolitik. Und er versprach ihm angeblich, in seiner zweiten Amtszeit zurückzutreten, um den Platz für einen Premier Brown zu räumen.

Mit Tony Blair gewann Labour im Frühjahr 1997 triumphal. Als Brown am Tag nach dem Sieg ins Finanzministerium einzog, applaudierten die Beamten im Treppenhaus. Alles war eingerichtet für einen fulminanten Start des neuen Schatzkanzlers. Doch Brown konnte die Kaltherzigkeit Blairs nicht verwinden. Je mehr der neue Premier strahlte und von Erfolg zu Erfolg schritt, umso mehr wurde Brown zu einem grummeligen, kurz angebundenen Mann, der nie lachte und sich mit seinen Vertrauten zu geheimen Besprechungen in Hotelzimmer zurückzog. Berühmt waren seine Wutanfälle. Dabei flogen Computer durch die Gegend. Lord Turnbull, jahrelang Leiter des öffentlichen Dienstes, nannte Gordon Brown einen "Stalinisten", der keine Rücksicht nahm auf Untergebene.

Und nicht nur das: Gordon Brown düpierte auch seinen eigentlichen Vorgesetzten, den Premierminister. Vor allem, als dieser entgegen der angeblichen Absprache keinerlei Anzeichen erkennen ließ, zurückzutreten, begann Brown, den Bruderkrieg auszuweiten. Es gab Zeiten, in denen Blair ihn um Informationen aus dem Finanzministerium anbetteln musste. Brown rückte sie erst in der allerletzten Minute heraus. Jede politische Entscheidung wurde zu einer Machtfrage zwischen Tony und Gordon.

Die Pläne seines Lieblingsfeindes

Vor allem Blairs Traum von einem geeinten Europa unter seiner Führung machte Brown zunichte. Dabei hatte er 1990 - noch in der Opposition - den Beitritt Großbritanniens zum europäischen Wechselkurs- Mechanismus unterstützt. Doch nun versetzte er den Euro-Plänen seines Lieblingsfeindes mit einer 2000-Seiten dicken Wirtschaftsanalyse den Todesstoß. Blair konnte den Argumenten von Browns Wirtschaftsexperten nichts entgegensetzen.

Brown triumphierte. Aber er hatte auch ein Eigentor geschossen. Seine brüske Art, mit den europäischen Finanzministern zu konferieren, isolierte ihn in Brüssel. "Er behandelt uns wie Dreck", sollen Kommissionsmitglieder über Brown gesagt haben, der stets spät zu den Treffen kam und selten zum Mittagessen blieb. Brown wusste, dass er dringend etwas an seinem Image ändern musste. Nach Jahren der Geheimniskrämerei heiratete er im August 2000 Sarah Macaulay, die Frau, die auch nach Affären mit anderen Geliebten an seiner Seite geblieben war. Brown hatte sie jahrelang verleugnet und sie oft tagelang auf seinen Anruf warten lassen. Das sollte nun anders werden.

Die Zeremonie fand in seinem Haus im schottischen North Queensferry statt. Für die wenigen eingeladenen Freunde hatte der Bräutigam Sekt bei der Supermarktkette "Sainsbury’s" besorgt, er war gerade im Angebot. Vor dem Haus tummelten sich Fotografen und Kamerateams. Schließlich beugte sich Brown dem Druck der Journalisten und posierte im Garten mit der Angetrauten. Er gab ihr sogar einen Kuss, so ungeschickt, dass die Zeitungen am nächsten Tage spekulierten. "Wie oft hat er das wohl schon gemacht?"

Sie starb in den Armen ihrer Eltern

Es brauchte ein Unglück, um Gordon Brown in den Augen der Öffentlichkeit zum Menschen werden zu lassen. Am 28. Dezember 2001 wurde seine Tochter Jennifer durch Kaiserschnitt geboren, sieben Wochen zu früh. Sie wog etwas mehr als 1000 Gramm. Brown war überwältigt. Er konnte kaum aufhören zu lachen, wenn er von seiner "wunderschönen Tochter" erzählte. Und sein Lächeln wirkte echt. Nur wenige Tage nach der Geburt entdeckten die Ärzte eine Blutung in Jennifers Gehirn. Sie starb in den Armen ihrer Eltern.

Brown bekam Tausende Briefe, mit Segenswünschen, Anfragen und Ermunterungen. Seine Umfragewerte schnellten nach oben. Die ganze Nation bangte mit, als im Oktober 2003 sein zweites Kind John geboren wurde. "Es ist wunderbar zu wissen, dass er gesund ist", sagte Brown. Doch die Katastrophen gingen weiter. Bei seinem dritten Kind, Fraser, diagnostizierten Ärzte kurz nach der Geburt im Juli 2006 Mukoviszidose, eine Krankheit, bei der ein Gendefekt den Schleim in der Lunge so verfestigt, dass er nicht abgetragen und Bakterien beherbergen kann. Brown nahm sich nach dieser Diagnose eine Auszeit von zehn Wochen. Und wie damals, als er untätig nach seinen Augenoperationen im Dunkeln liegen musste, verspürte er danach eine neue Dringlichkeit, sein Leben zu fokussieren. Es war Zeit, Premierminister zu werden.

Die Stimmung kippte

Ihm half dabei, dass die Stimmung kippte. Blairs kompromisslose Unterstützung der Amerikaner im Irak-Krieg stürzte die Labour-Partei in immer neue Umfragetiefs. Blair verkündete im Herbst 2006, dass er zurücktreten wolle. Es wurde der längste Abschied eines amtierenden Premiers in Großbritannien.

Scheinbar ruhig wartet Gordon Brown, bis Tony Blair in diesem Juni auch die letzte Ehrenrunde gedreht, Afrika und den G-8-Gipfel besucht hat. Währenddessen feilt er an der Verwandlung des Brummelbärs Brown. Er weiß, dass er als Eigenbrötler gilt, ein Kritiker hat ihm "die soziale Kompetenz einer nordischen Schnecke" attestiert. Gordon Brown hat daher in den vergangenen Wochen den Kontakt zu seinem Wahlvolk gesucht. Seine Anzüge sind schicker geworden, seine Fingernägel nicht mehr bis zum Nagelbett abgekaut.

Er distanziert sich von Blair

Und ganz vorsichtig beginnt er, sich von Blairs Politik zu distanzieren. Zwar hat er stets betont, dass er den Irak-Krieg unterstützt habe. Doch nach einem Besuch im irakischen Basra verkündet er, Geheimdienstanalysen wolle er in Zukunft von politischem Einfluss freihalten. Blair soll Dossiers über Massenvernichtungswaffen im Irak vor dem Krieg manipuliert haben.

Mit dem Abgang Tony Blairs scheint sich auch die schwarze Wolke über Gordon Browns Gemüt zu verflüchtigen. Er wirkt gelöst, fast wie befreit. Seit einigen Wochen liegt Brown in Umfragen vor dem Oppositionsführer David Cameron. Trotzdem finden ihn nur 27 Prozent sympathisch. Die nächsten Wahlen könnte er dennoch gewinnen. 1981 war Margaret Thatcher der unbeliebteste britische Premier aller Zeiten. Die Konservativen blieben weitere 16 Jahre im Amt.

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