Günter Verheugen Ein deutscher Kommissar puzzelt Europa zusammen


Seit 1999 ist Günter Verheugen einer von 20 EU-Kommissaren und zuständig für die Erweiterung der Union. Als gewissenhafter Politik-Manager ohne Eitelkeit war er schon in der Bundespolitik bekannt.

Als EU-Kommissar Günter Verheugen vor zwei Jahren gefragt wurde, ob die Polen bereits auf ihren bevorstehenden EU-Beitritt anstoßen könnten, riet er ihnen lachend, es bei einem Glas zu belassen und dann wieder an die Arbeit zu gehen. Polnische EU-Kritiker nahmen ihm das krumm und mobilisierten einmal mehr den Nationalstolz gegen das angeblich aus Brüssel drohende Unheil.

Das Beispiel zeigt, wie glatt das Parkett ist, auf dem sich der SPD-Politiker bewegt. Seit September 1999 ist er einer von 20 EU-Kommissaren - zuständig für die Erweiterung der Union. Unter seiner Aufsicht wird mit den Beitrittsländern verhandelt. Kaum ein anderer dürfte die Situation der EU-Beitrittsländer und -Bewerber so genau kennen wie er.

"Für neue Herausforderungen offen"

Günter Verheugen ist ein zufriedener Mann. Entspannt lehnt sich der EU-Erweiterungskommissar im Ledersessel in seinem Brüsseler Büro zurück und bilanziert: "Schauen Sie, ich bin jetzt 60 Jahre alt geworden, das ist immer ein guter Anlass, ein wenig über sein Leben nachzudenken." Es ist viel spekuliert worden darüber, was der Mann nach Ablauf seiner Brüsseler Amtszeit Ende Oktober tun wird. Er selbst beteiligt sich daran nicht. Er sei aber "auch für neue Herausforderungen offen", sagt Verheugen.

Zu seinem 60. Geburtstag hat sich der am 27. April 1944 in Bad Kreuznach geborene Verheugen ohnehin selbst das schönste Geschenk gemacht. Denn nur vier Tage später nimmt die Europäische Union acht osteuropäische Staaten sowie Malta und Zypern auf. Verheugen hatte als Erweiterungskommissar in den vergangenen viereinhalb Jahren maßgeblichen Anteil daran, dass das historische Projekt zur Überwindung der Teilung Europas Wirklichkeit geworden ist. So war denn auch der "bewegendste, der emotionalste Moment" für ihn als EU-Kommissar die Unterzeichnung der Beitrittsverträge im April 2003 in Athen.

Wenn Verheugen über Europa spricht, schwingt Begeisterung in seinem Ton mit. Für ihn, der die Nachkriegszeit im rheinischen Brühl lebhaft in Erinnerung hat, ist es leicht, sich leidenschaftlich zu einem geeinten Europa zu bekennen. Umso mehr alarmiert es ihn, wenn erstmals seit Beginn der europäischen Integration eine Mehrheit der Deutschen die Meinung äußert, die EU-Mitgliedschaft sei keine gute Sache. Gerade die EU-Erweiterung sei ein "gigantisches Friedensprojekt", das nicht mit Geld aufzuwiegen sei, hält er Skeptikern entgegen.

Profilierter Außenpolitiker

Für Europa hat sich Verheugen schon interessiert, bevor ihn Bundeskanzler Gerhard Schröder 1999 nach Brüssel schickte. Nach dem Amtsantritt der rot-grünen Regierung 1998 wurde er Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt mit Zuständigkeit für Europapolitik. Schon lange galt er damals als profilierter Außenpolitiker, der sich unter anderem mit der Integration der französischen Atomwaffen in die europäische Sicherheitspolitik oder mit dem NATO-Einsatz im Kosovo beschäftigte. Bereits 1994 war er als SPD-Bundesgeschäftsführer und stellvertretender Fraktionschef für die Koordinierung der Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik zuständig.

Als gewissenhafter Politik-Manager, der die eigene Eitelkeit nicht zur obersten Richtschnur macht, war Verheugen schon in der Bundespolitik bekannt. Seine Laufbahn begann er 1960 in der FDP. Als politischer Ziehsohn des früheren FDP-Vorsitzenden Hans-Dietrich Genscher machte er schnell Karriere. Genscher folgte er 1969 als Referent für Öffentlichkeitsarbeit in das Innenministerium, 1974 als Leiter eines Arbeitsstabes in das Außenministerium. 1977 wurde Verheugen Bundesgeschäftsführer der FDP und nur ein Jahr später Generalsekretär.

Von der Liberalen zu den Sozialdemokraten

Als die sozial-liberale Koalition 1982 zerbrach, vollzog Verheugen die Wende nicht mit. Er trat noch im gleichen Jahr zur SPD über, die diesen Schritt mit einem sicheren Listenplatz in Bayern honorierte. 1983 zog er in den Bundestag ein, und machte in der SPD schnell Karriere. Dort beschäftigten ihn schon bald parteiinterne Debatten zum Golfkrieg 1991 und zum Einsatz der Bundeswehr außerhalb der NATO. 1992 wurde er Vorsitzender des Bundestagssonderausschusses zum Vertrag von Maastricht, der die Europäische Währungsunion besiegelte.

Als er das Amt des SPD-Bundesgeschäftsführers inmitten innerparteilicher Wirren zurückgab, beklagte er sich aber auch über Feindseligkeiten. Traditions-Sozis wollten sich nie so recht an den von außen gekommenen Geschäftsmanns-Typen gewöhnen. Nach dem rot-grünen Wahlsieg 1998 war für Verheugen auch kein richtiges Ministeramt in Gerhard Schröders Kabinett frei.

Nur kurze Zeit die Nummer zwei hinter Joschka Fischer

Als Staatsminister im Auswärtigen Amt musste Verheugen aber nur kurze Zeit die Nummer zwei hinter Joschka Fischer spielen, dann wurden in Brüssel frische Kräfte gesucht. Die alte EU-Kommission war im Sumpf von Vetternwirtschaft und Korruptionsvorwürfen versackt. Im September 1999 kam Verheugen in das neue Team. Seitdem fügt er das Puzzle Europa zu einem größeren Bild der Europäischen Union zusammen.

Auch wenn die neue Runde der EU-Erweiterung am 1. Mai über die Bühne sein wird - für Verheugen sind damit noch nicht alle Aufgaben erledigt. Im Herbst muss er eine Beurteilung abgeben, ob die Türkei reif für Beitrittsverhandlungen ist. Dabei erinnert er gerne daran, dass Ankara seit 1963 fast jährlich Beitrittsversprechungen erhalten habe. Infolge der jahrelangen Bemühungen um Mitgliedschaft sei das Land am Bosporus bereits ein anderes geworden. Angesichts der neuen Terror-Bedrohungen sieht er in einer EU-Mitgliedschaft der Türkei außerdem eine "enorme Bedeutung" für die Sicherheit Europas und das Verhältnis zwischen westlicher Demokratie und islamischer Welt.

Vertrauen des Kanzlers

Ganz offensichtlich genießt der Mann auch das absolute Vertrauen von Kanzler Schröder. Die Spekulationen um seine Zukunft reißen deshalb nicht ab. Einerseits wird er als möglicher Superkommissar für Wirtschaftsfragen in der neuen Kommission gehandelt, die am 1. November antritt. Andere sehen ihn eher nach Berlin zurückkehren, um dort bei einer Kabinettsumbildung einen Ministerposten zu übernehmen. Auf diese Spekulationen habe er immer nur geantwortet, "dass ich jede Entscheidung respektieren werde".

Alexander Ratz/AP AP DPA

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