HOME
Analyse

Hillary Clinton vs. Donald Trump: Der verwirrende Unterschied zwischen Medienbewertung und Umfragen

Für die deutschen Medien ist klar: Hillary Clinton hat das TV-Duell gegen Donald Trump gewonnen. Die Amerikaner sind etwas vorsichtiger. Vielleicht ist der Republikaner nicht der bessere Debattierer, hat aber die aktivere Fanbasis.

Hillary Clinton Donald Trump

Donald Trump und Hillary Clinton sind beim TV-Duell das erste Mal im Wahlkampf aufeinandergetroffen

Es ist die Frage aller Fragen nach jeder Präsidentschafts-TV-Debatte: Wer hat gewonnen? Die Antwort im Fall Hillary Clinton gegen Donald Trump lautet: Kommt drauf an, wen man fragt. Wer einen Blick auf europäische Medien wirft, bekommt den Eindruck, Clinton habe Trump regelrecht in Grund und Boden gestampft - "Spiegel Online" etwa titelt: "Clinton führt Trump vor". Die "Gazeta Wyborcza" aus Warschau schreibt, Clinton habe Trump so gut wie ausgeknockt und selbst die sonst eher spröde "Neue Zürcher Zeitung" ergreift feinsinnig, aber deutlich Partei für die Demokratin: "Aggressiver Trump, souveräne Clinton". Die Sache scheint also geritzt zu sein. Doch so einfach ist es nicht.

"Telegraph" erklärt trocken Donald Trump zum Sieger

Bei einem Blick über den Teich oder zumindest über den Ärmelkanal verschwimmen die Grenzen zwischen Sieger und Verlierer schnell. Der britische "Telegraph" zum Beispiel kürt trocken den Immobilienmilliardär zum Gewinner. Der erzkonservative und Trump-freundliche US-Sender Foxnews suggeriert gleich mit einer Kaskade von Beiträgen, dass Clinton im Grunde nichts gebacken bekommen habe. Und wer die Echt-Zeit-Kommentare auf Twitter gelesen hat (die im Zweifel mehr Einfluss auf die Wähler haben, als die Analysen der etablierten Medien) steht nach der Lektüre komplett auf dem Schlauch.


Mit großen Eifer posteten die Anhänger des Republikaners Live-Umfrage um Live-Umfrage, die allesamt Donald Trump in Führung sahen. Der Kandidat selbst twitterte triumphierend gleich eine Reihe von Abstimmungen, die zu seinen Gunsten ausfielen, darunter auch welche von linksliberalen Medien wie etwa dem "Time"-Magazin oder CNBC.


Dieses Ergebnis wirkt freilich beeindruckend, hat allerdings zwei Haken: Zum einen waren es nur Momentaufnahmen (aktuell liegt die weiterhin offene Abstimmung des "Time"-Magazin bei 50:50, die Tendenz bei CNBC ist unverändert) und zum anderen ist das Voting, wie alle Online-Voten, nicht nur nicht repräsentativ sondern auch leicht manipulierbar, weil jeder Nutzer mehrfach abstimmen kann. Und die vergangenen Monate haben gezeigt, dass die Fanbasis von Donald Trump zumindest im Internet deutlich aufgeputschter und aktiver ist als die Anhänger von Hillary Clinton.

Glaubt Trump, sich rechtfertigen zu müssen?

Dennoch ist es auffällig, wie unterschiedlich der Auftritt der beiden Kontrahenten wahrgenommen wird. Natürlich gehört zum Spielchen jeder TV-Debatte, die Deutungshoheit über deren Ausgang zu erlangen. Zu diesem Zweck sind Heerscharen von Mitarbeitern unterwegs, die Reporter bequatschen, als Experten ihre Einschätzungen abgeben und im Netz Stimmung für den einen oder gegen den anderen Kandidaten machen. Die Rezeption der Duelle ist beinahe wichtiger als das Duell selbst, zumal wenn, wie im Fall Clinton vs. Trump, keiner von beiden offensichtlich gepatzt hat. Und die fällt trotz eines leichten Vorteils für Clinton relativ und überraschend ausgeglichen aus. 

 Die beste Beurteilung darüber, wer nun Sieger und wer der Verlierer einer TV-Debatte ist, liefern wohl am ehesten die Kandidaten selbst. Auch wenn sich (natürlich) keiner von beiden hingestellt und seine Niederlage eingeräumt hat, war es Donald Trump, der offenbar das Gefühl hatte, er müsse sich rechtfertigen. Im Anschluss an die Debatte beklagte er, dass sein Mikrofon defekt gewesen sei. "Sie haben mir ein kaputtes Mikrofon gegeben und ich frage mich, ob das wohl absichtlich geschehen ist", so Trump zu Journalisten. Es klang wie eine fadenscheinige Ausrede für einen nicht gänzlich geglückten Auftritt. 

Der Erstrunden-Sieger muss nicht der Wahlsieger sein

Ob der erste gemeinsame TV-Auftritt den Wahlkampf wird beeinflussen können, lässt sich erst in ein, zwei Tagen sagen, wenn die repräsentativen Umfrageergebnisse der großen Institute veröffentlicht werden. Und selbst wenn sich dann herausstellt, dass die Mehrheit der Amerikaner Hillary Clinton als Siegerin des ersten Duell betrachten, muss das nichts heißen. Bei der letzten US-Präsidentenwahl schlug sich Barack-Obama-Herausforderer Mitt Romney in der ersten Runde auch besser als der Amtsinhaber. Doch am Ende stand dennoch Obama als Wahlsieger dar.