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Homosexualität in Russland: Stephen Fry fordert Olympia-Boykott in Sotschi

Stephen Fry ist Englands Vorzeige-Intellektueller. In einem offenen Brief an David Cameron fordert er einen Boykott der Olympischen Spiele in Russland und sieht Parallelen zu Berlin 1936.

Von Oliver Noffke

Er ist schwul, Jude und Großbritanniens intellektueller Rebell. Stephen Fry ist bekannt als Autor, Schauspieler, meinungsstarker Journalist, Moderator und aufgrund von Comedy-Formaten wie "Fry and Laurie" wird er für seinen schwarzen, typisch britischen Humor auch vom Mainstream gefeiert.

In einem offenen Brief an Premierminister David Cameron und das britische olympische Komitee fordert er, man solle die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi komplett boykottieren. Nachdem Russland angekündigt hat, dass international kritisierte Gesetz zum "Schutz der Jugendlichen vor der Darstellungen nicht-traditioneller sexueller Orientierungen" während der Spiele auch auf Ausländer anzuwenden, zieht Fry einen deutlichen Vergleich mit der Situation für Juden in Nazi-Deutschland vor den Spielen in Berlin 1936. Denn das Gesetz habe keinen anderen Zweck, als die Rechte einer Minderheit auszuhebeln und sie zum Prügelknaben für Verfehlungen in Russland zu machen.

"Gesegnet mit dem Instinkt, Sündenböcke zu finden"

Gezielt geht Fry auf das klassische Gegenargument zu Boykotten ein, wonach der Sport nicht als politisches Druckmittel missbraucht werden soll. Seiner Ansicht nach waren die Olympischen Spiele einst auch ein traditionelles Messen verschiedener Kulturen und da Sport selbst ein Kulturgut sei, welches nicht in einer Blase losgelöst vom Rest der Gesellschaft existiere, wäre es töricht und dumm zu denken, Sport hätte keine politische Dimension.

Auch ein persönliches Aufeinandertreffen mit Wladimir Putin schildert er kurz. Diesen habe er am Rande einer Demonstrationsveranstaltung in St. Petersburg interviewen wollen. Er beschreibt die Person Putin als einen dummen Mann, aber wie so viele Tyrannen "gesegnet mit einem Instinkt dafür, Sündenböcke für die Unzufriedenheit des Volks zu finden".

Neonazis nutzen Gesetz zur Menschenjagd

Frys prägnante Argumentation verdeutlicht erschreckende Parallelen zur aktuellen Situation der russischen Homosexuellen. Denn tatsächlich schützt das Gesetz nicht Jugendliche - wovor auch? -, sondern beraubt Lesben und Schwule jeder Möglichkeit, offen an gesellschaftlichen und politischen Debatten teilzunehmen und für ihre Rechte einzustehen.

Erst Anfang der Woche berichtete "tagesschau.de" wie Neonazis das Gesetz missbrauchen, indem sie unverhohlen Jagd auf Schwule machen, sie demütigen, prügeln, dabei filmen und die Videos anschließend auf dem sozialen Netzwerk VK.com verbreiten. Für die Betreiber der russischen Facebook-Variante soll das Vorgehen der Rechtsradikalen demnach völlig legitim und durch das Gesetz gedeckt sein.

Boykott oder gleich ein Ausschluss Russlands?

Eine Reaktion von Premierminister Cameron oder dem britischen Olympischen Komitee steht bisher aus. In der Presse findet Frys offener Brief allerdings Unterstützung. Der "Guardian" schreibt, dass Fry historisch gesehen völlig Recht habe. 1964 habe das IOC richtig gehandelt, schreibt die Zeitung, als es Südafrika aufgrund der Apartheid von den Spielen ausschloss und erst 1992 wieder zuließ.

Die US-amerikanische "Huffington Post" hält einen Boykott für den falschen Weg. Stattdessen sollte Russland von den eigenen Spielen ausgeschlossen werden. Schließlich wurde auch Afghanistan 2000 wegen Menschenrechtsverletzungen ausgeschlossen. Warum solle also ausgerechnet der Gastgeber eine Sonderbehandlung erhalten? Dies entspricht prinzipiell auch der Position Frys, der vorschlägt, dass die Spiele besser an einem anderen Ort stattfinden sollten. Wie realistisch es ist in weniger als acht Monaten ein entsprechendes Event in "Utah oder Lillehammer" zu organisieren, sei einmal dahingestellt.

Stephen Fry wählt selten den leichten Weg. Kaum ein Zweiter im britischen Showbusiness hat sich jemals ähnlich offen und positiv mit klassischer deutscher Literatur auseinandergesetzt. Die sorgsam gehegten Lieblingsklischees der Briten über autobauende deutsche "Krauts" in deren Gegenwart man bloß nicht "den Krieg" erwähnen sollte, entlarvt er als realitätsfern. Für seine Ansichten zu Politik, Geschichte und Religion ist er auch schon scharf kritisiert worden. Mit einem Kommentar über eine, seiner Meinung nach, Tradition des "rechtsgerichteten Katholizismus" in Polen und die Standortwahl für das Konzentrationslagers Auschwitz provozierte er vor Jahren eine offizielle Beschwerde der polnischen Botschaft in London. Anschließend entschuldigte er sich dafür demütig, aber wortgewandt.

Oliver Noffke