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Irak-Krise: Schiitisches Heiligtum in Nadschaf beschädigt

In der Pilgerstadt Nadschaf wurde bei Gefechten eines der wichtigsten schiitischen Heiligtümer beschossen. Ein Sprecher des Schiitenführers El Sadr machte US-Truppen dafür verantwortlich.

Bei Kämpfen in der irakischen Pilgerstadt Nadschaf ist am Freitag eines der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten beschädigt worden. In der goldenen Kuppel über dem Schrein von Imam Ali waren vier große Einschusslöcher zu sehen. Die Bilder wurden von arabischen Fernsehsendern in der gesamten Region ausgestrahlt. Ein Sprecher des Schiitenführers Muktada el Sadr machte die US-Truppen für den Schaden verantwortlich. US-Brigadegeneral Mark Kimmitt wies die Vorwürfe zurück und erklärte, die amerikanischen Truppen hätten den Schrein nicht angegriffen.

El Sadrs Sprecher Kais el Chasali legte einem AP-Reporter in Nadschaf eine Patronenhülse vor, die er auf dem Schrein gefunden habe. "Nur Amerikaner haben solche Kugeln", sagte er. Bei den Gefechten, die am Nachmittag allmählich abflauten, seien drei Mitglieder von El Sadrs Miliz El Mahdi ums Leben gekommen. Ein Krankenhaus meldete vier Tote und 22 Verletzte. Bei den meisten handele es sich um irakische Zivilisten.

El Sadr ruft zur Verteidigung von Nadschaf auf

In Bagdad riefen Anhänger El Sadrs alle Schiiten auf, nach Nadschaf zu fahren, um die Stadt zu verteidigen. In seiner Freitagspredigt in Kufa, der Nachbarstadt von Nadschaf, warf El Sadr den USA und Großbritannien vor, das Leiden irakischer Häftlinge in den Gefängnissen der Koalitionstruppen zu ignorieren. Er rief alle Iraker auf, sich zusammenzuschließen, und verurteilte diejenigen, die mit den Koalitionstruppen zusammenarbeiteten.

In Nassirijah drohte ein Vertreter El Sadrs mit Angriffen auf die dort stationierten italienischen Besatzungstruppen. Wenig später bezogen schiitische Milizionäre an einer Brücke und mehreren Polizeistationen Stellung, wie ein US-Militärsprecher in Bagdad mitteilte.Bei einem Bombenanschlag im Dorf Mukdadijah nordöstlich von Bagdad wurden am Freitag der Führer des Stammes Miahi und eine seiner Töchter getötet. Nach Angaben von Nachbarn arbeitete der Mann mit der US-geführten Koalition zusammen.

Truppenabzug nach Machtübergabe möglich

US-Zivilverwalter Paul Bremer erklärte unterdessen, die USA würden ihre Truppen aus Irak abziehen, falls die noch zu schaffende irakische Übergangsregierung dies verlange. „Ich glaube nicht, dass das passieren wird, aber wir bleiben natürlich nicht in Ländern, in denen wir nicht willkommen sind“, sagte Bremer.

International wurde der Ruf nach einer baldigen Verabschiedung einer neuen UN-Resolution für Irak immer lauter. Die britische Regierung hofft auf eine Sicherheitsratsresolution bis zum 10. Juni. Binnen zwei Wochen solle ein entsprechender Entwurf in Umlauf gebracht werden, sagte ein britischer Regierungsmitarbeiter am Freitag.

Auch Bundesverteidigungsminister Peter Struck und sein ungarischer Kollege Ferenc Juhasz forderten in Budapest ein starkes UN-Mandat für die Stabilisierung Iraks. Das russische Außenministerium knüpfte die Verabschiedung einer neuen UN-Resolution allerdings an Bedingungen. Zunächst müssten offene Fragen zu der geplanten Machtübergabe am 30. Juni geklärt werden, sagte der stellvertretende Außenminister Juri Fedotow. Der französische Außenminister Michel Barnier hatte zuvor gefordert, Washington müsse akzeptieren, dass die Besatzung am 30. Juni ende.

Bergs Familie legt Beweise für US-Haft vor

Die Familie des in Irak ermordeten Amerikaners Nicholas Berg hat ihre Vorwürfe bekräftigt, nach denen US-Soldaten den 26-Jährigen vor der Tat festgehalten hätten. Die Angehörigen legten E-Mails vor, die am 1. und 2. April mit der Konsulatsbeamtin Beth A. Payne in Bagdad ausgetauscht worden sein sollen. Darin bestätigte Payne, dass sich Berg in US-Gewahrsam in der Stadt Mossul befinde und sie eine militärische Kontaktperson suche.

Nach Angaben von US-Behörden befand sich Berg jedoch nie in amerikanischer Haft, sondern wurde am 24. März von der irakischen Polizei eingesperrt. Außenamtssprecherin Kelly Shannon sagte, dass Paynes E-Mail falsch sei. Sie basiere auf Informationen der Übergangsverwaltung, die erst am 7. April mitgeteilt hätte, dass sich Berg in irakischer Haft befunden habe. Payne habe nach der Freilassung diese Informationen nicht an seine Familie weitergeleitet. "Wir dachten, er sei auf dem Weg (nach Hause)", sagte Shannon.

Widersprüchliche Aussagen zur Festnahme

Am Donnerstag hatte ein US-Offizier bekräftigt, dass die Festnahme durch die irakische Polizei erfolgt sei. Dagegen erklärte der Polizeichef von Mossul, Mohammed Chair el Barhaui: "Die irakische Polizei hat den getöteten Amerikaner nie festgenommen."

Bergs Familie wirft den US-Streitkräften vor, mit der angeblichen Festnahme seine Ausreise aus Irak verhindert zu haben. Der junge Geschäftsmann, der in Irak Antennenanlagen reparierte, meldete sich zuletzt am 9. April bei seinen Eltern und sagte, er werde über Jordanien in die USA zurückkehren. Kurz darauf verschwand er. Am vergangenen Samstag wurde seine enthauptete Leiche an einer Landstraße bei Bagdad gefunden.Am Dienstag wurde das Video mit Bergs Enthauptung auf einer Website veröffentlicht. Die Täter bezeichneten die Köpfung als Rache für die Misshandlungen von Irakern in US-Gefangenschaft. Nach CIA-Erkenntnissen wurde Berg mit "hoher Wahrscheinlichkeit" von dem Terroristen Abu Mussab el Sarkaui enthauptet.

Erste Aussagen eines US-Soldaten zu den Foltern

Nach Aussage eines angeklagten US-Soldaten sind die Misshandlungen von irakischen Gefangenen nicht von Vorgesetzten erlaubt worden. "Wenn sie gesehen hätten, was gelaufen ist, hätte man teuer dafür bezahlen müssen", sagte Jeremy Sivits Vernehmungsprotokollen zufolge, die in mehreren amerikanischen Zeitungen veröffentlicht wurden.

Andere ehemalige Wärter hatten angegeben, auf Weisung von Vorgesetzten oder des Militärgeheimdienstes gehandelt zu haben. Anwälte der von Sivits belasteten Kameraden zweifelten an dessen Aussagen. Sie seien unglaubwürdig, weil er ein Kronzeuge sei. "Er tut das, um seine eigenen Untaten und sein bösartiges Verhalten zu vertuschen", sagte ein Anwalt der "Washington Post".

Nach Sivits Worten wurden Gefangene in Abu Ghraib geschlagen, getreten und sexuell erniedrigt. Ihm sei gesagt worden, niemandem von den Misshandlungen zu erzählen. Sivits machte im Abu-Ghraib-Gefängnis Fotos von Misshandlungen und ist der erste Soldat, der sich in dem Fall vor einem Militärgericht verantworten muss. Wegen seiner Zusammenarbeit mit Strafverfolgern kann er auf ein milderes Urteil hoffen.

AP / AP / DPA