Irakische Kulturgüter Kampf gegen Plünderungen


Mit einer Resolution des Weltsicherheitsrats will die UNESCO den weltweiten Ausverkauf der bei Plünderungen gestohlenen irakischen Kulturgüter stoppen.

Die Weltkulturorganisation UNESCO sowie Ermittler von FBI und Interpol wollen den Verkauf gestohlener irakischer Kunst aus geplünderten Museen verhindern. Der UNESCO-Generaldirektor Koïchiro Matsuura forderte am Donnerstag den UN-Sicherheitsrat auf, eine Resolution zum Schutz der Kulturgüter zu verabschieden. Unterdessen schickten die USA FBI-Beamte in den Irak; Interpol will sobald als möglich Spezialisten entsenden. Für den 5. und 6. Mai hat Interpol zudem eine Konferenz am Sitz der internationalen Polizeiorganisation in Lyon einberufen, auf der ein schnelles und effektives Vorgehen beschlossen werden soll. Einige der gestohlenen Kunstobjekte sind nach UNESCO-Angaben bereits in Paris aufgetaucht.

Ein Kultur-Spitzenberater von US-Präsident George W. Bush reichte unterdessen unter Protest seinen Rücktritt ein. Der Berater Martin Sullivan, Chef des Ausschusses für Kulturschätze, erhob schwere Vorwürfe gegen die US-Regierung: Sie habe nicht genügend zum Schutz des Nationalmuseums in Bagdad getan.

Beute nach Möglichkeit wiederbeschaffen

Die Bundespolizei FBI schickte jetzt ein Spezialistenteam in den Irak, nachdem US-Soldaten Plünderungen großen Ausmaßes geduldet hatten, was international Kritik hervorrief. Nach dem Willen von FBI-Direktor Robert Mueller sollen die Beamten die Diebstähle aufklären und die Beute nach Möglichkeit wiederbeschaffen.

Die UNESCO fordert nun ein internationales Importverbot für irakische Kulturgüter. Nach dem Willen von UNESCO-Chef Matsuura soll der Weltsicherheitsrat ein "zeitlich begrenztes" Ankaufs- und Importverbot erwirken. Der genaue Termin für die Entsendung einer UNESCO-Kommission, die die entstandenen Schäden einschätzen soll, ist noch offen.

Schutzmaßnahmen für die Kulturgüter des Irak sind offenbar dringend: Nach dem Golfkrieg von 1991 sollen tausende von Kunstwerken aus dem Land geschmuggelt worden sein, berichtete jüngst die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Kurz darauf seien die Kulturgüter auf dem internationalen Kunstmarkt angeboten worden - bis Mitte der 90er Jahre. "Man wird sehen, was nächstes Jahr alles in den Auktionshäusern auftauchen wird, in der Schweiz, in London und New York", zitierte die FAZ die Direktorin des American Institute of Archeology, Prof. Jane Waldbaum.

Plünderungen durch professionelle Diebesbanden

Verloren ging bereits möglicherweise eine Sammlung von etwa 80.000 sumerischen Tontafeln mit Bilderschrift, glaubt der amerikanische Irak-Spezialist McGuire Gibson von der Universität Chicago. Auch die 4.000 Jahre alte silberne "Harfe von Ur" sei verschwunden sowie eine wertvolle sumerische Vase aus Uruk und Bronze-Statuetten aus der akkadischen Epoche, meinte zudem ein irakischer Experte.

Die Plünderungen seien höchstwahrscheinlich von professionellen Diebesbanden aus dem Ausland organisiert worden, sagte Gibson. «Sie wussten, was sie wollten, sie hatten Schlüssel und haben nur Originale mitgenommen.» Die Iraker seien selbst kaum in der Lage, den Transport der Objekte außer Landes zu organisieren. Daneben hätten sich aber auch «zornige Jugendliche und einfache Leute» an den Diebstählen beteiligt. Im Bagdader Nationalmuseum waren mehr als 170.000 Gegenstände aus Mesopotamien ausgestellt, wo vor über 5.000 Jahren die Reiche der Sumerer, Akkader und Babylonier entstanden. Das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris wird auch die «Wiege der Menschheit» genannt.

Die UNESCO und andere Institutionen hatten nach eigenen Angaben der US-Regierung und dem Pentagon bereits im Januar detaillierte Listen mit 4.000 archäologischen Fundstätten übergeben. Auf einer Übersicht der bedeutendsten 150 Stätten stand das Irak-Museum demnach an oberster Stelle. Noch in der Woche der Eroberung Bagdads wiesen Museumsexperten immer wieder auf die Wichtigkeit des Irak-Museums hin. Zu dessen Schutz hätten ein Panzer und wenige Soldaten ausgereicht, meint der Wissenschaftler Clemens Reichel von der Universität Chicago.

Interpol such nach gestohlenen irakischen Kulturgütern

Die Hochschule hat bereits eine Liste mit Abbildungen von mehr als 2.000 Kulturobjekten aus dem Irak zur Veröffentlichung im Internet erstellt. Auch an Grenzbeamte seien Listen mit den wichtigsten Objekten ausgeteilt worden, damit sie gegen Schmuggel vorgehen können.

Die internationale Polizeibehörde Interpol hat heute eine weltweite Fahndung nach den bei Plünderungen irakischer Museen gestohlenen Kulturgütern gestartet. Die Behörde habe eine Sondereinheit gebildet, die die Plünderer und die gestohlenen Kunstgegenstände aufspüren solle, teilte Interpol mit. Beamte würden sobald wie möglich nach Bagdad reisen, um festzustellen, was genau während des Zusammenbruchs der Herrschaft von Präsident Saddam Hussein gestohlen wurde.

"Interpol fordert Organisationen und Institutionen, die sich mit der Erhaltung und dem Handel von Kunstgegenständen befassen auf, kategorisch alle ihnen angebotenen Kulturgüter aus dem Irak abzulehnen", sagte der Interpol-Experte für geraubte Kunst- und Kulturgüter, Karl-Heinz Kind. Bei Zweifel über die Herkunft bestimmter Stücke sollten diese Organisationen Kontakt mit Interpol aufnehmen und Expertenrat zur Identifizierung von zum Kauf angebotener Gegenstände einholen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker