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Kampf gegen IS: Die Kurden sind nicht bloß Opfer

Die Sehnsucht nach einem Ende von Diskriminierung und Verfolgung ist bei allen Kurden gleich groß. Doch die Meinungen, wie ein eigener Staat auszusehen hätte, gehen weit auseinander.

Ein Kommentar von Hans-Hermann Klare

Kurden warten an der türkisch-syrischen Grenze darauf, im Schutz der Dunkelheit die Grenze in Richtung der seit Wochen umkämpften syrischen Stadt Kobane überqueren zu können

Kurden warten an der türkisch-syrischen Grenze darauf, im Schutz der Dunkelheit die Grenze in Richtung der seit Wochen umkämpften syrischen Stadt Kobane überqueren zu können

Mal wieder sieht die Welt entsetzt zu. Dieses Mal, wie die letzten kurdischen Zivilisten versuchen, aus der Stadt Kobane zu entkommen. Und wir malen uns aus, was die Kämpfer des Islamischen Staates denen wohl antun mögen, die es nicht über die Grenze in die Türkei schaffen. Mal wieder sehen wir das "Volk im Schatten der Geschichte" als das große Opfer der Region.

Und wir werden erinnert an die Fotos der mindestens 5000 Kurden, die Saddam Hussein 1988 im Norden des Irak vergasen ließ, aus Rache für ihre Unterstützung des Iran im Krieg der beiden Staaten in den achtziger Jahre. Oder wir müssen an die Tausenden von Kurden denken, die über Jahre in den Gefängnissen der Türkei verschwanden und dort gefoltert wurden, weil sie für ihr Recht auf eine eigene Sprache und ihre Selbstbestimmung demonstriert oder auch zur Waffe gegriffen hatten.

Und doch werden wir das Drama, das sich gerade im Grenzgebiet von Syrien, Irak und Türkei abspielt, nicht begreifen, wenn wir die Menschen dort allein als Opfer sehen, nicht auch als Akteure in der Region. Wenn wir in unseren Diskussionen wieder und wieder darüber streiten, was DIE Kurden gerade erleben oder wie man DEN Kurden helfen sollte. Denn DIE Kurden gibt es heute womöglich weniger denn je. Die 25 Millionen Kurden auf der Welt mögen sich in der Sehnsucht nach einem Ende von Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung einig sein, nach einer Heimstatt für ihr Volk – so ähnlich wie einst die Juden. Aber darin, wie dieser Staat auszusehen hätte und wer dort regieren sollte, darüber haben sie ganz verschiedene Vorstellungen. Zu unterschiedlich sind ihre Interessen.

Unterschiedliche Interessen unter Kurden

Unter den Kurden etwa der Türkei – das ist gut die Hälfte aller Kurden in der Region – gibt es solche, die mit den Fortschritten und Verhandlungen um mehr Autonomie und das Recht auf die eigene Sprache in der Türkei zufrieden sind. Sie hoffen, im Dialog mit der Regierung in Ankara zu mehr Autonomie zu gelangen. Andere hingegen halten alle Zugeständnisse des Präsidenten Erdogan für bloße Taktik und wollen weiter Krieg gegen die Türken führen. Sie bedauern, dass ihnen mit dem Vormarsch der IS-Islamisten ein Rückzugsgebiet für ihre Kämpfer genommen worden ist.

Unter den syrischen Kurden wiederum gibt es solche, die sich dem sunnitischen Widerstand gegen Bashar al Assad angeschlossen haben, während sie einst mit der Duldung des syrischen Präsidenten ihren Kampf gegen die Türkei geführt haben. Dazu gehören inzwischen allem Anschein nach auch sunnitische Fundamentalisten. Die sind deshalb nicht unbedingt Anhänger des IS, aber – anders als die Mitglieder der PKK – Kämpfer für einen fundamentalistischen Gottesstaat.

Dann sind da noch die Kurden des Iraks. Ihnen schickt Deutschland gerade Waffen. Viele von ihnen wollen das nach dem Krieg von 2003 Erreichte nicht aufs Spiel setzen: eine faktische Autonomie, eine wirtschaftliche Entwicklung, welche die Region im Norden zum reichsten Teil des Landes gemacht hat. Seit es den kurdischen Führern des Nordirak gelang, auch noch Kirkuk und seine Ölfelder ihrer autonomen Region einzuverleiben, fehlt nur noch eine ordentliche Pipeline, um wirtschaftlich unabhängig zu werden.

Neuorganisation der Region löst Probleme nicht

Um die Sache noch komplizierter zu machen: Entlang der an Clans und Großfamilien orientierten Loyalitäten geraten selbst Kurden in Konflikt miteinander, die eigentlich gemeinsame Sache machen müssten. Ein gutes Beispiel dafür ist der Krieg zweier kurdischer Fraktionen nach dem Golfkrieg von 1991 um die Macht unter den Kurden des Irak. Vier Jahre lang, von 1994 bis 1998, zogen die Kämpfer der Demokratischen Partei Kurdistans unter Massoud Barzani in die Schlacht gegen ihre Volksgenossen von der Patriotischen Front Kurdistans unter Jalal Talabani, bis beide Seiten sich schließlich auf eine Machtverteilung einigten. Beide spielen bis heute eine große Rolle im Norden des Iraks. Ebenso ihre weit verzweigten Familien.

Am spannendsten dürfte der Konflikt sein, der um die Rolle der Türkei innerhalb der Kurden ausgetragen werden wird. Da sind einmal jene Kräfte, die von Syrien aus jahrelang gegen die Türkei Krieg führten. Hier lag das Rückzugsgebiet der PKK und ihrer Führung. Da sind andererseits die reichen Verwandten, die mächtigen Kurdenführer des Nordiraks. Für sie führt der Weg zur Unabhängigkeit über eine Kooperation mit der Türkei im Ölgeschäft.

Nach dem Ende des Osmanischen Reichs haben die Europäer den Kurden einst in Sevres 1920 einen eigenen Staat versprochen. Was damals nur gerecht und billig erschien, als Franzosen und Briten den Nahen Osten neu zu ordnen suchten, wurde aus vielerlei Gründen nie Wirklichkeit. Doch damit befeuerten die Siegermächte des ersten Weltkriegs erst den kurdischen Nationalismus.

Auch heute glauben viele, eine Neuorganisation der Region entlang ethnischer und religiöser Trennlinien wäre die Lösung für die Konflikte des Mittleren Ostens. Tatsächlich könnte es dazu kommen. Es wäre jedoch ein Fehler zu glauben, man hätte die Probleme damit in den Griff bekommen. Das ginge wohl kaum ohne ethnische Säuberungen ab, also ohne Vertreibungen in großem Stil. Denn außer der Sehnsucht, kein Angehöriger einer anderen Religion oder einer anderen Ethnie möge ihnen hineinreden, verbindet viele Gruppen des Mittleren Ostens oft kaum etwas miteinander. Das gilt erst recht für die Kurden. Und wäre verdammt wenig als Grundlage für einen stabilen Staat, zumal in einer so instabilen Region.