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Jelzin-Nachruf: "Menschliche Maschine ohne Bremsen"

Er war ein Rebell aus Berufung, ein trinkfester Dickschädel, der mit großen Gesten das Unmögliche wagte. Am Ende aber scheiterte Boris Jelzin - für die zähe Arbeit eines Reformers fehlten ihm Visionen und Geduld. Ein Nachruf der langjährigen Moskau-Korrespondentin Katja Gloger.

Zuerst das Jackett, den Schlips, das Hemd. Dann Schuhe und Socken. Es war an einem späten Nachmittag im Mai 1991. Erst zwei Wochen zuvor war das Eis gebrochen, immer noch trieben die Schollen über den Tom-Fluss. Hier, im westsibirischen Kohlegebiet Kemerowo, streikten die Bergarbeiter gegen die Kommunistische Partei, und sie wollten ihren Protest bei diesem Boris Jelzin abladen. Und der lieferte ihnen ein Spektakel ganz besonderer Art: "Ich muss mich wohl reinwaschen bei Euch", rief er. Dann ließ Russlands zukünftiger Präsident die Hosen runter.

Er sprang in den eiskalten Fluss. Die Menge johlte, Jelzin tauchte, kämpfte sich zurück ans Ufer, die Kumpel tobten vor Begeisterung. Einer rannte los, ein Handtuch zu besorgen, ein anderer rief nach Wodka. Und dann redete Boris Jelzin von mehr Selbstständigkeit, von Demokratie und von höheren Löhnen und von der Freiheit. Die Bergarbeiter beendeten ihren Streik. Und einen Monat später wurde Boris Nikolajewitsch Jelzin der erste demokratisch gewählte Präsident Russlands. Mit ihm sollte eine neue Zeit beginnen. Diese Hoffnungen hat Boris Jelzin ebenso schnell erfüllt wie gründlich enttäuscht.

Verfangen in den Tentakeln der Macht

Er hat Unmögliches gewagt und geschafft: das Ende der Sowjetunion, ohne Blutvergießen. Freiheit. Und die ersten demokratischen Wahlen in der Geschichte Russlands. Er wollte ein neues, ein normales Leben für die geplagten Menschen in seinem Land. Doch er ließ es zu, dass unter ihm "Demokratie" zum Schimpfwort wurde, zum Synonym für Armut und Mafia.

Er musste zerstören, gab dem bürokratischen Sowjetsystem den Todesstoß. Aber als er ganz oben angekommen war, als Präsident im Kreml, da gab es niemanden mehr, gegen den er rebellieren konnte. Er verfing sich in den Tentakeln der Macht. Seine Vision von Russlands Zukunft beschränkte sich auf "besseres und ruhigeres Leben“, und es sollte so aussehen wie im Konsumparadies Amerika: "Als ich sah, dass die Regale mit Hunderten, ja Tausenden von Dosen, Packungen und Waren jeglicher Art voll gestopft waren", erinnerte er sich einmal an den Besuch in einem Supermarkt während seiner ersten USA-Reise 1989, "da überfiel mich, offen gesagt, eine tiefe Verzweiflung über das Schicksal des russischen Volkes."

Ein echter Russe

Für die zähe Arbeit eines Reformers fehlten ihm Vision und Geduld. Demokratie war ihm Mittel zum Zweck, nie echte Herzensangelegenheit. Glaubte, er müsse sich nur selbst verausgaben, möglichst unbeugsam gegenüber sich selbst sein, um sein Land von der kommunistischen Diktatur zu erlösen. Und dann würde sich schon alles richten. Er überlebte mehrere schwere Herzinfarkte. Am Ende seiner letzten Amtszeit war er so voll gepumpt mit Medikamenten, dass er kaum noch gehen konnte. Am Ende kürte er auch noch seinen Nachfolger selbst - den blassen KGBler Wladimir Putin. Und der machte dem bisschen russischer Demokratie endgültig den Garaus.

Er war ein Rebell aus Berufung, am liebsten wagte er mit großer Geste das Unmögliche. Er liebte das Befehlen, und am stärksten war er immer dann, wenn er aufbegehren durfte. "Ein Mann muss leben wie eine große lodernde Flamme und leuchten so hell, wie er kann", sagte er einmal. "Am Ende brennt er aus. Aber das ist besser als eine kleine, armselige Flamme." Nach diesem Motto lebte er. Ein echter Russe.

Schwere Kindheit

Ganz anders als der geschmeidige Apparatschik Michail Gorbatschow kam dieser Mann aus Sibirien daher wie ein Russe aus dem Märchenbuch. Bärbeißig und mutig und am stärksten immer dann, wenn alles ausweglos erschien. Dickschädelig, hochfahrend, trinkfest, unwiderstehlich. "Eine menschliche Maschine ohne Bremsen", nannte ihn einer, der ihn kannte. Ebenso charmanter Abenteurer wie böser Bube, ebenso dünnhäutig wie misstrauisch und verletzlich. Er war ein geborener Chef - doch zugleich verfolgte ihn die "Angst vor Blamage", wie er einmal schrieb, sein Leben lang, bis in seine Alpträume.

Er wird am 1. Februar 1931 im winzigen Dorf Butka im Ural geboren. Hungersnöte. Stalins Tyrannei. Windschiefe Hütten, Schlammwege, kein Strom. Bei der Taufe vergisst der volltrunkene Pope das Baby im Taufbecken, es ertrinkt beinahe. Boris ist drei Jahre alt, als sein Vater, ein Arbeiter, mitten in der Nacht abgeholt wird. Man hatte ihn denunziert - er hatte auf das christliche Osterfest angestoßen, ein besonders schweres Vergehen. Drei Jahre Arbeitslager. "Mein Vater hat darüber nie mit mir gesprochen. Gespräche über dieses Thema waren nie erlaubt."

Er will alles, ihm gelingt alles

Seine Familie lebt ein typisches sowjetisches Leben in dieser elenden Zeit: "Wir kauften eine Ziege“, schrieb Jelzin in seiner Autobiographie. "Mein Bruder und meine Schwester waren schon auf der Welt. Wir schliefen, zusammen mit der Ziege, auf dem Fußboden. Im Winter wussten wir nicht, wohin vor Kälte, denn wir hatten keine warme Kleidung. Die Ziege rettete uns: wir schmiegten uns an sie, sie war warm wie ein Ofen."

Doch er ist immer der Beste in seiner Klasse. Immer sorgt er für ordentlich Unruhe. Er schlägt Grammophonnadeln von unten in den Stuhl der Lehrerin. Einmal bringt er die gesamte Klasse dazu, aus dem Fenster des ersten Stocks zu springen. Ein anderes Mal versucht er, eine Granate, die er in einem Munitionsdepot gestohlen hatte, mit einem Hammer zu öffnen - dabei verliert er zwei Finger.

Er will Alles. Ihm gelingt fast Alles. Er macht Langlauf, Gymnastik, Leichtathletik, Zehnkampf, Boxen, Ringkampf und spielt leidenschaftlich Volleyball, bis zu sechs Stunden am Tag. Trampt durch die ganze Sowjetunion, er ist begabt, er darf studieren. Der Bauingenieur will Karriere machen - dazu aber muss er damals Parteimitglied sein. Und wenn es um Macht und Einfluss geht - da ist auch ein Querkopf wie Jelzin durchaus pragmatisch. Er liebt die Macht. Leidenschaftlich.

Torkelnd durch Moskau

Schon mit 32 Jahren ist er Direktor des Swerdlowsker Wohnungsbaukombinats in Sibirien. Ihm unterstehen 20000 Menschen. Er lässt seine Untergebenen manchmal nächtelang schuften, doch er arbeitet auch selbst bis zum Umfallen. Das bringt ihm den Respekt seiner Leute. "Wer besser arbeitet", propagiert er, "lebt besser." Er hat Elan, er ist jung, er will etwas verändern. Er steigt auf in der Partei-Hierarchie, schafft es ins Zentralkomitee - und dann, 1985, lässt ihn der frisch ernannte Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow gar ins Allerheiligste: ins Politbüro. Dort soll er die Riege der alten, müden Männer verjüngen - aber das System soll er gefälligst nicht in Frage stellen. Doch genau das will Jelzin, schon aus Prinzip. Er hält sich zwei Jahre, dann fliegt er raus. Gorbatschow lässt ihn davonjagen wie einen räudigen Hund, nennt ihn einen "politischen Analphabeten." Das wird ihm Jelzin nie vergessen - und er wird sich bitter an Gorbatschow rächen.

Er fällt tief, er trinkt, er torkelt durch Moskau, er will sein Leben beenden, doch dann fängt er sich. Nutzt den wachsenden Unmut des Perestrojka-Chaos, um sich als russischer Volksheld zu profilieren. Und damit avanciert Boris Jelzin zum Hoffnungsträger einer demokratischen Bewegung. Er steigt auf, wie Phönix aus der Asche.

Die Sowjetunion wird abgewickelt

Auf so einen wie ihn haben die Russen nur gewartet. Sie lieben Märtyrer, ohnehin glauben sie an Wunder. Und Jelzin klimpert die demokratische Klaviatur: "Nehmt Euch soviel Macht, wie Ihr vertragen könnt", ermuntert er die nationalen Minderheiten. "Erklären wir der Führung des Landes den Krieg", ruft er streikenden Bergarbeitern zu. Er spielt mit dem Feuer - doch er siegt. Am 12. Juni 1991 wird Jelzin der erste demokratisch gewählte russische Präsident.

Und nur zwei Monate später beweist er wirklich Mut und Entschlossenheit, als die reaktionären Militärs und das KGB ihren Putschversuch gegen Gorbatschow wagen. Vor laufenden Fernsehkameras klettert Boris Jelzin auf einen Panzer und ruft auf zum Widerstand. Und das Land folgt ihm. In diesen drei entscheidenden Tagen im August 1991 gibt Boris Jelzin seinem Volk das Gefühl der Würde zurück. In diesen drei Tagen ist er ein wirklicher "Held unserer Zeit."

Wenige Monate später ist sein Erzfeind Gorbatschow Geschichte, die Sowjetunion wird abgewickelt. Es ist Jelzins größter Triumph - und zugleich der Beginn seines größten Scheiterns.

Jelzin überlebt dritten Herzinfarkt

Er herrscht im Kreml. Doch er, der geborene Rebell, kann nicht reformieren. Er kann immer nur alles auf eine Karte setzen, aber den mühsamen Weg der Modernisierung, den kann er nicht gehen. Er bürdet seinem Volk wahnwitzige ökonomische Schocktherapien auf, die Menschen stürzen über Nacht in tiefe Armut. Seine aberwitzige Privatisierungskampagne wird ein Erfolg - für die "Mafija" und für parasitäre Bürokraten, die innerhalb kürzester Zeit zu Milliardären werden. Zu Dollar-Milliardären. Das Volk geht leer aus.

Jetzt sprechen die Menschen von "Jelzins Regime". Von "Dermokratija", der "Scheißdemokratie". Sie leben in einem rechtlosen Reich. Und ihr Präsident? Der Held von 1991? Er lässt das Parlament auflösen, marschiert in den blutigen Tschetschenienkrieg, der Zehntausende das Leben kosten wird, umgibt sich mit ebenso trinkfesten wie korrupten so genannten Freunden von KGB und Militär. Seine Tochter Tatjana wird wie durch ein Wunder sehr reich, und dann lässt er sich noch einmal wählen, mit Hilfe des Geldes der "Oligarchen", während des Wahlkampfes überlebt er seinen dritten Herzinfarkt.Doch die Vertrauten, die ihm zur Diktatur raten, die entlässt er. Instinktiv weiß er wohl, es wäre Russlands Ende. Er sucht seinen Nachfolger persönlich aus. Wladimir Putin, den unauffälligen, zurückhaltenden ehemaligen KGB-Offizier, stets bescheiden und respektvoll. Er, der sich erlaubt nichts, keine Bemerkungen über den Alten, keinerlei Fehltritte. Er, der stets loyal ist. Der immer Erfolge zeigen kann. Er wird aufgenommen in den Kreis der "Familie."

Normales Leben für die Menschen in Russland

"Sie werden es schon schaffen", ermuntert der schwerkranke Boris Jelzin seinen Nachfolger, während er unter großer Geheimhaltung seinen Rücktritt vorbereitet. Selbst die so genannten "starken Minister" von Geheimdienst, Militär und Polizei erfahren erst am Morgen des 31. Dezember 1999, dass Wladimir Putin als amtierender Präsident die Macht übernehmen wird.

Dann durfte, musste er privatisieren. Lebte in seiner Staats-Datscha vor den Toren Moskaus, verbrachte Ferien im Domizil seiner Tochter an der Cote d´Azur. Man ließ ihn und seine geschäftstüchtige Familie in Ruhe. Und einmal im Jahr wurde er in Kreml eingeladen, zur Unabhängigkeitsfeier Russlands. Dann zwinkerte er alten Bekannten zu und hob sein Glas mit süßem Champagner.

Boris Nikolajewitsch Jelzin wollte, ganz aufrichtig, ungeheuerlich Viel: ein normales Leben für die Menschen in Russland. Er wollte, kompromisslos, ein Ende des sowjetischen Sklavenlebens. Er zeigte seinem Land ein Stück des Weges aus dem Dunkel der Vergangenheit. Konnte man mehr von ihm erhoffen?