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UN-Helfer berichtet aus Jemen: "Ich habe Kinder und Bilder gesehen, die ich niemals vergessen werde"

Muhannad Hadi kennt Not und Elend. Der Regionaldirektor des Welternährungsprogramms arbeitet seit 25 Jahren für die Vereinten Nationen. Doch was er im kriegsgeplagten Jemen ansehen musste, hat ihn schwer getroffen.

Ein Baby mit seiner Mutter in einem Krankenhaus in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa

Ein Baby mit seiner Mutter in einem Krankenhaus in der Hauptstadt Sanaa: Im Jemen sind laut Unicef 370.000 Kinder akut vom Hungertod bedroht

Der Bürgerkrieg im Jemen bekommt angesichts der vielen Konflikte in der arabischen Welt wenig Aufmerksamkeit. Doch die Menschen in dem Land brauchen dringend Hilfe. In eindringlichen Appellen haben hohe UN-Mitarbeiter dem Sicherheitsrat in New York nun die katastrophale Lage in der Region geschildert.

"Wir sind nur einen Schritt von einer Hungersnot entfernt", warnte der UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien den Sicherheitsrat am Montag telefonisch aus Bahrain. Sollten die Konfliktparteien im Land nicht bald ein Friedensabkommen schließen, drohten ernste Konsequenzen für die gesamte Region. 80 Prozent der Bevölkerung, also rund 21,2 Millionen Menschen, seien auf humanitäre Hilfe angewiesen. Über zwei Millionen Jemeniten litten an Unterernährung. Laut Unicef sind 370.000 Kinder akut vom Hungertod bedroht.

"So schwach, dass es nicht mal mehr weinen kann"

Besonders bewegend berichtete der Regionaldirektor des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen, Muhannad Hadi, von einer siebentägigen Reise in das Krisengebiet: Es sei eine Sache, die Meldungen über die Not der Bevölkerung zu lesen, aber eine andere Sache, hinzugehen und mit einer Mutter oder einem Vater zu sprechen, die ihren Kindern am Ende des Tages nichts zu essen geben könnten, erklärte Hadi. "Ich habe Gesichter von Kindern gesehen, die sich mir als Symbolbilder der jemenitischen Krise ins Gedächtnis eingebrannt haben. Ich habe Kinder und Bilder gesehen, wie ich sie in den 25 Jahren meiner Arbeit für das Welternährungsprogramm noch nie gesehen habe. Ich werde die Kinder, die ich gesehen habe, niemals vergessen."

Der Hunger im Jemen erreiche epidemische Ausmaße, warnte Hadi. Beim Besuch eines Krankenhaus in der Hafenstadt Houdeidah habe er von Gefühlen überwältigt nicht gewusst, mit wem er mehr Mitleid haben sollte. "Einem unterernährten Kind, das auf einem Bett sitzt, so schwach, so müde, dass es nicht mal mehr weinen kann, oder einer Mutter, die neben ihm sitzt, so hungrig, so schwach, dass sie ihrem Kind nicht einmal mehr helfen kann. Das - nicht nur als humanitärer Helfer, sondern als Vater - hat mich schwer getroffen." Zum ersten Mal sei er hilflos gewesen, unfähig, auch nur unterstützende Worte anzubieten, geschweige denn das Versprechen, die Hilfe und den Beistand des Welternährungsprogramms für die Notleidenden zu verstärken.

USA fordern unverzüglichen Waffenstillstand

UN-Nothilfekoordinator O'Brien mahnte, der Jemen stehe kurz vor dem Zusammenbruch. Es sei höchste Zeit, dass die Konfliktparteien das jemenitische Volk an die erste Stelle setzten und einen Friedenspakt erzielten, um zu retten, was von der Infrastruktur, der Wirtschaft und den Sozialdiensten im Land noch übrig sei.

Die USA riefen ihren Verbündeten Saudi-Arabien vor dem Sicherheitsrat dazu auf, seine Luftschläge im Jemen einzustellen. Vor allem die Angriffe, "die Schulen, Krankenhäuser und andere zivile Objekte treffen, müssen aufhören", sagte die UN-Botschafterin der Vereinigten Staaten, Samantha Power. Die Angriffe hätten oft Infrastruktur getroffen, die wichtig für die Versorgung der Bevölkerung mit Hilfsgütern sei.

Power forderte die Konfliktparteien zu einem unverzüglichen Waffenstillstand auf. "Wir brauchen eine sofortige Einstellung der Kampfhandlungen, eine Welle der humanitären Unterstützung - die es in diesem Konflikt noch nie gab - und eine umgehende Wiederaufnahme von Gesprächen". "Nach 19 Monaten ohne Waffenruhe sollte es klar sein, dass es absolut keine militärische Lösung in diesem Konflikt gibt."

Luftangriffe fordern tausende zivile Todesopfer

Die saudisch geführte Militärkoalition unterstützt die international anerkannte Regierung des Jemen in ihrem Kampf gegen die Huthi-Rebellen. Bei ihren Luftangriffen, ausgeführt mit Unterstützung der USA, starben aber immer wieder viele Zivilisten. In dem 19 Monate dauernden Konflikt wurden nach UN-Angaben mehr als 4000 Zivilisten getötet, 7200 weitere wurden verletzt.

Im Jemen bekriegen schiitische Huthi-Rebellen den Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi. Im März 2015 griffen Saudi-Arabien und andere sunnitisch regierte Golfstaaten an der Seite Hadis mit ihren Luftwaffen in die Kämpfe ein. Sie werden von den USA unterstützt. Die Huthis werden vom Iran unterstützt - Saudi-Arabiens Erzfeind.

mit DPA/AFP