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John F. Kerry: Der Mann, der Bush schlagen kann

Noch vor vier Wochen glaubte keiner an ihn. Jetzt ist John Forbes Kerry der Star der Demokraten. Ein Mann, so ganz anders als der heutige US-Präsident. Weltoffen und belesen. Ein Kriegsheld, der den Krieg verabscheut.

Es ist ein windiger, kalter Abend im Norden Virginias, die Zeitungen berichten von schwarzen Tagen im Leben des George W. Bush, und im Seitentrakt einer Universität legt ein großer, schlanker Mann mit den Initialen JFK die Zeitungen lächelnd beiseite und geht Richtung Auditorium. Seine Schritte sind lang und seine Bewegungen kantig. Seine Stimme ist so tief und sonor wie die eines Radiomoderators, sein graues Haar so dicht, dass nur eine Drahtbürste es zähmen kann. Wenn er lacht, durchziehen tiefe Furchen sein Gesicht. Er lacht oft in diesen Tagen.

Dann im Auditorium - die Berater haben ihn gewarnt - erwartet ihn die Ekstase. 4000 Gäste stehen dicht an dicht und wollen seinen Sieg feiern. Sie halten selbst gemalte Schilder hoch mit Parolen wie "Burn the Bush" und "Give us hope again". Eine Studentin wird einen Schwächeanfall erleiden, und einige Frauen und Kriegsveteranen blicken so glücksbeseelt, als erwarteten sie die Wiederkehr des Heilands. Dann setzt schmetternde Musik ein, "A Beautiful Day" von U2, kleine schwarze Mädchen winken mit amerikanischen Fähnchen, und als der Mann schließlich die Bühne betritt, gehen die Worte, die Virginias Gouverneur ins Mikrofon schreit, im Jubel unter: "Welcome the next President of the United States of America: John Kerry."

Patrizier aus dem Nordosten

Kerry hat gerade die Vorwahlen in Virginia und Tennessee gewonnen. Er hat seine Konkurrenten deklassiert. Er, der 60-jährige Patrizier aus dem Nordosten, hat erstmals im Süden gesiegt, bei den Kohlekumpels und Tabakbauern. Er, dem vor Wochen niemand eine Chance gab, würde Präsident Bush im direkten Duell nun deutlich schlagen, besagen die Umfragen. Nur ein politischer Skandal kann ihn jetzt noch stoppen, den surfenden, snowboardenden, dichtenden Kriegshelden und Anti-Kriegshelden, den Hobbypiloten, Biker und Jäger. Oder eine außereheliche Affäre.

Seine Berater haben ihm gesagt, er müsse lockerer werden, und so tänzelt Kerry jetzt auf der Bühne ein bisschen wie ein Boxer. Seine Berater haben ihm empfohlen, die Leute mal in den Arm zu nehmen, und so umarmt er den Kriegsveteranen und den Feuerwehrmann und den koreanischen Studenten und hört gar nicht auf zu umarmen. Er müsse mehr Kumpel sein und weniger Aristokrat, haben sie ihm geraten, mehr Clinton und weniger Kerry. Vor allem dürfe er sich in seinen Reden nicht mehr in Nebensätzen und akademischen Wortungetümen verheddern.

Kerry redet. Seine Rede ist zu etwas wie einem Klassiker geworden. Erst kommen die Strophen. Er wettert gegen die "waghalsigste Außenpolitik in der jüngeren amerikanischen Geschichte" und die "schlechteste Jobbilanz seit der Weltwirtschaftskrise". Dann kommen die Refrains: "Es ist Zeit, dass wir George Bush zurückschicken, wo er hingehört - nach Crawford, Texas." Jubel. "Wenn George Bush nationale Sicherheit zum Thema machen will, dann haben wir drei Worte, die er versteht - Bring it on." Riesenjubel. Die Zuschauer skandieren. "Bring it on." Sie hören nicht mehr auf. "Bring it on."

Wie groß sind die Chancen von John Kerry, Georg W. Bush bei den Wahlen im November zu schlagen?

Es bedeutet so viel wie: Den Kampf nehmen wir auf. Kerry blickt sich um, in den überfüllten ersten Rang, in den überfüllten zweiten, in die Fähnchenmeere und kann es, wie er später sagen wird, selbst nicht fassen. Irgendetwas Magisches ist passiert.

Mit der Harley-Davidson in Jay Lenos "Tonight Show"

Anfang des Jahres noch lag John Forbes Kerry aussichtlos zurück im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Der Senator aus Massachussetts hatte keine Botschaft und keinen Draht zum Wähler, und als er glaubte, den Draht finden zu müssen, fuhr er mit einer Harley-Davidson in Jay Lenos "Tonight Show" ein. Er nahm eine Hypothek auf sein Haus auf, um seine Kampagne am Leben zu halten. Jetzt, nur sechs Wochen später, sieht er fast schon wie der Sieger aus. Wie konnte das passieren?

Es gibt verschiedene Antworten, wenn man sich umhört unter Demokraten, doch alles mündet in der Losung: "ABB". Anybody but Bush. Irgendeiner, nur nicht Bush. Sie können ihn nicht mehr ertragen, "diesen fremdgesteuerten Evangelisten", "diese tickende Zeitbombe". Keinen republikanischen Präsidenten - nicht mal Reagan und Nixon - haben sie so inbrünstig gehasst wie den Mann, der angetreten war, das Land wieder zu einen.

Also haben sie sich gefragt: Welcher der neun Kandidaten kann es mit Bush aufnehmen? Kerry mag nicht so kampfeslustig sein wie Howard Dean, aber er sieht aus wie ein Präsident und nicht wie ein Ringer. Er mag nicht so strahlen wie der jungenhafte John Edwards, aber in Zeiten des Terrors braucht man nicht nur Optimismus, sondern auch Erfahrung. Er mag kein General sein wie Wesley Clark, aber ein Kriegsheld ist er allemal. Und doch störte sie etwas: Kerry war ihnen zu distanziert. Zu ernst. Zu komplex. Er berührte sie nicht.

Eine Szene wie aus "Apocalypse Now"

Die Wende setzte in Iowa ein, zwei Tage vor den ersten Vorwahlen. Es war vor vier Wochen, an einem eisigen Tag in der Hauptstadt Des Moines. Da stand plötzlich Ex-Sheriff Jim Rassman aus Oregon auf der Bühne, mit lichten, blonden Haaren und dickem Bauch. Er erzählte seine Geschichte aus dem Vietnam-Krieg, die sich anhörte wie eine Szene aus "Apocalypse Now". Vor fast 35 Jahren, am 13. März 1969, hatte ein Angriff der Vietkong im Mekong-Delta Rassman von Bord seines Patrouillenbootes geschleudert. Da drehte der verwundete Kommandant eines anderen Schnellbootes bei und fischte Rassman aus den Fluten. "Ich verdanke ihm mein Leben", sagte Rassman in Des Moines. Ihm, dem Kommandanten, Lieutenant John Forbes Kerry. Rassman fiel Kerry in die Arme und hatte Tränen in den Augen. Auch Kerry hatte Tränen in den Augen. Dort oben auf der Bühne stand kein Kandidat mehr. Dort stand ein Held. Kerry gewann Iowa.

Die Geschichte erreichte schon bald jeden Wähler und jede Nachrichtensendung. "Die Zeit in Vietnam berührt Sie noch immer, nicht wahr?", fragte ihn ein Moderator auf ABC. "Ja, noch immer", antwortete Kerry und versuchte erneut, seine Tränen zurückzuhalten. Lange hat er unter diesem Krieg gelitten. Er hatte Alpträume und war in Therapie. Noch heute, berichtet seine Frau, schreit er in mancher Nacht: "Down, down, get down!" Dann stürzt er sich aus dem Ehebett und kracht ins Mobiliar.

Im ABC-Interview saß nicht mehr der Patrizier und Millionär, nicht mal der Held. Dort saß ein Mensch. Und dieser Mensch hatte eine Geschichte. Sein Leben ist der Stoff für einen Film. Einen Film über Krieg und Frieden, über den Geldadel von Boston, schöne Frauen und die frühe Faszination für John F. Kennedy.

Kerry schwärmt noch heute von Berlin

John Forbes Kerry wird im Dezember 1943 geboren, in einem Krankenhaus in Denver, wo sein Vater, damals Pilot der Luftwaffe, wegen Tuberkulose liegt. Seine Mutter kommt aus der Industriellenfamilie Forbes, eine wohlhabende, aber nicht reiche Frau. Als John elf ist, zieht die Familie für zwei Jahre nach Berlin, wo sein Vater als Diplomat arbeitet. Kerry schwärmt noch heute von der Zeit.

Am vergangenen Samstag, vier Tage nach seinem Triumph von Virginia, erzählt Kerry dem stern aus seiner Jugend in Europa. Er ist auf Wahlkampftour in Milwaukee, Wisconsin. Es ist spät am Abend, die Berater melden die Siege 13 und 14 bei den Vorwahlen in Nevada und in der Hauptstadt. Kerry hat das Haus im Westen Berlins noch gut vor Augen, ebenso wie seine Expeditionen durch das Deutschland nach dem Krieg. "Ich bin Fahrrad gefahren, durch den Grunewald und zu den Trümmern von Hitlers Bunker. Im Sommer badeten wir im Wannsee. Es war ein großes Abenteuer. Die Stadt war im Wiederaufbau, das Brandenburger Tor noch zerstört. Einmal bin ich mit dem Fahrrad in den Ostsektor gefahren. Ich wollte wissen, wie es im Sozialismus so ist. Das hat mein Vater spitzgekriegt. Er hat mich hart rangenommen dafür."

Kerry erinnert sich noch gut an die Zeit im Internat in der Schweiz und die Ferien in der Bretagne, wie er Stiere jagte durch Pamplona und seinem Papagei Italienisch beibrachte. Er lacht viel und macht Scherze, wenn er aus seiner Jugend erzählt. Kerry hängt an Europa. Er will die Beziehungen wieder verbessern. "Das liegt mir wirklich am Herzen", sagt er. Und auf Deutsch fügt er hinzu: "Seien Sie sicher."

Bush glaubt, dass man in Mexiko Mexikanisch spricht

Kerrys Deutsch ist besser als Schröders Englisch. Er spricht außerdem fließend Französisch, und wenn ein schwedischer Gast auftaucht, wirft er ihm auch ein paar Happen Schwedisch zu. Das ist der Unterschied zum Präsidenten. Während Bush glaubt, dass man in Mexiko Mexikanisch spricht, könnte Kerry sich auch mit seinem Spanisch durchschlagen. Bush zitiert die Bibel, Kerry zitiert Pablo Neruda. Bush mag Heimatromane, Kerry mag Shakespeare. Bush liest keine Zeitung und ist stolz darauf, Kerry liest "Le Monde". Während Bush sich in Crawford, Texas (705 Einwohner, zwei Tankstellen, fünf Kirchen), zu Hause fühlt, kann Kerry die Welt sein Zuhause nennen. Ein Vorteil ist das nicht im Wahlkampf.

Mit 17 Jahren träumt Kerry erstmals davon, in die Politik einzusteigen. Er ist damals Schüler auf einem Elite-Internat in New Hampshire und kommt auf dem Weg zum Zahnarzt zufällig an einer Wahlkampfveranstaltung von John F. Kennedy im Boston Garden vorbei. Kerry ist hingerissen. Fortan unterschreibt er seine Briefe mit den Initialen JFK, und seine Klassenkameraden reden davon, wer später unter Präsident JFKerry Minister werden darf.

Zwei Jahre danach, im Sommer 1962, verliebt sich Kerry in Janet Auchincloss, die Halbschwester Jackie Kennedys. Er verbringt Wochenenden bei ihr auf dem Landsitz und wird eingeladen zu einer Segeltour mit dem Präsidenten. JFK trifft auf JFK. Sie sprechen nur kurz, über Yale und Harvard und die Liebe zur Politik. Wie sein Vorbild ist auch Kerry Katholik, aus Boston, aus der Oberschicht. Wie sein Vorbild wird auch Kerry später zur Marine gehen, wird Jura studieren und Senator von Massachussetts werden. Er wird gar so ähnlich sprechen wie der Präsident, mit einer Vorliebe für altmodische Redewendungen wie "May I say to you" und Abwandlungen berühmter Kennedysprüche: "Die Amerikaner sollten nicht nur für die Wirtschaft arbeiten, sondern die Wirtschaft auch für die Amerikaner."

Freiwillig nach Vietnam

Während viele Altersgenossen den Wehrdienst umgehen - George W. Bush, Howard Dean, Bill Clinton, Dick Cheney ("Ich hatte andere Prioritäten") -, meldet sich Kerry freiwillig für Vietnam. Dort erschießt er einen Feind mit einer M-16, wird dreimal verwundet und erlebt aus der Nähe, wie Kameraden und Kinder getötet werden. Kerry bekommt den Silver Star, den Bronze Star und drei Purple Hearts. Am vergangenen Freitag, bei einer Veranstaltung in Madison, Wisconsin, geht eine Mutter auf Kerry zu: "Ich vertraue Ihnen, Senator. Sie wissen, was Krieg ist. Sie werden meinen Sohn nicht leichtfertig in einen Krieg schicken." "Nein, bestimmt nicht", antwortet Kerry.

Die Demokraten sehnen sich nach einem Helden. Wenn im Wahlkampf der Krieg gegen den Terror die tragende Rolle spielen sollte, können sie dem "Drückeberger" Bush den Vietnam-Veteranen Kerry entgegensetzen. Schon jetzt spielen sie diese Karte. In seinen Reden begrüßt Kerry zunächst die Veteranen, er salutiert und baut Wörter ein wie "Mission" und "Vaterlandsdienst". Der offizielle Slogan auf seinen Plakaten lautet: "Fighting for us. John Kerry."

Doch das Thema Vietnam könnte für ihn auch zur Bürde werden. Als er 1969 aus Vietnam zurückkehrt, organisiert er Protestmärsche und schleudert seine Ordensbänder auf die Stufen des Capitols. Vor dem Auswärtigen Ausschuss des Senats sagt er, gerade mal 27, einen Satz, mit dem er für nationales Aufsehen sorgt: "Wie fordert man einen Mann auf, der Letzte zu sein, der für einen Fehler sterben soll?"

Das Foto mit "Hanoi-Jane"

Die Republikaner haben Fotos aus jener Zeit aufgetrieben. Sie zeigen Kerry bei einer Friedensdemo hinter Jane Fonda, unter Konservativen verhasst als "Hanoi Jane", weil sie während des Krieges die Vietkong besucht hat. Die Fotos sollen Kerry als Freund von Vaterlandsverrätern diskreditieren. Die Demokraten schlagen bereits zurück.

Sie suchen fieberhaft nach belastenden Dokumenten aus Bushs Zeit in der Nationalgarde. Sie sollen ihn in die Nähe von Deserteuren rücken. Rechte Kolumnisten kontern, dass Kerry sich Botox in die Stirn spritzen ließ und französisch aussehe. Bush-Gegner wollen herausgefunden haben, dass der seine Freundin einst zur Abtreibungsklinik fuhr. Es ist Wahlkampf. Dreckig wird er sein.

Bushs Berater wollen aus Kerry einen ultraliberalen, prinzipienlosen Populisten machen, und in der Tat sah Kerry in seinen 20 Jahren im Senat nicht immer gut aus. Es ist schwer zu ergründen, wofür der neue Star der Demokraten wirklich steht. Unermüdlich betont er seinen Kampf gegen die Lobbyisten in Washington, hat aber nach Untersuchungen des unabhängigen Center for Responsive Politics so viel Geld von Lobbyisten angenommen wie kein anderer Senator. Kerry ist aus Prinzip gegen die Todesstrafe, hat seine Meinung im Fall von Terroristen aber plötzlich geändert. Kerry gab Präsident Bush grünes Licht für den Feldzug im Irak, präsentiert sich aber jetzt als vehementer Kriegsgegner. Kerry habe immer drei Positionen, sagen seine Gegner: 1) Pro, 2) Kontra, 3) Noch in Entwicklung.

Das Schlimmste aber: Kerry hat ein abenteuerlustiges Leben geführt. Das werden seine Gegner jetzt unter die Lupe nehmen. Was ihn da erwartet, erlebte Kerry am vergangenen Freitag in einer Messehalle im Süden von Madison. Er hatte einen schlechten Tag. Die Nebensätze sprudelten wieder. Irgendwann sagte er: "Schaut mir in mein Herz und prüft meinen Charakter." Plötzlich umlagerten ihn dutzende Reporter. "Senator", riefen sie, "was ist dran an der Affäre?" "Senator, bereiten Sie den hässlichen Vorwürfen ein Ende."

"Nichts ist dran. Das ist Müll"

Die konservative Internetseite "Drudge Report", die auch Clintons Lewinsky-Skandal ans Licht gebracht hatte, schrieb von einer zweijährigen Affäre Kerrys mit einer Praktikantin. Kerry sagte: "Nichts ist dran. Das ist Müll." Da waren die Reporter glücklich. Sie hatten eine Nachricht. Die konservativen Radiosender bliesen zum Großangriff auf "Playboy Kerry". "Wenn das stimmt", sagte die Talk-Legende Don Imus, "ist Kerry tot."

Der Angriff kommt zu einem passenden Zeitpunkt. Präsident Bush ist unter Druck wie noch nie in seiner Amtszeit. Wenn er Fragen zu Massenvernichtungswaffen im Irak beantworten muss, kommt er ins Trudeln. Die Arbeitslosigkeit ist unverändert hoch, das Haushaltsdefizit verheerend, und die Untersuchungskommissionen zum 11. September und den Geheimdienstpannen könnten in den nächsten Wochen unangenehme Ergebnisse bringen. Sein Popularitätswert ist unter 50 Prozent gefallen, und selbst namhafte Konservative wenden sich von ihm ab. Da kommen die Sex-Vorwürfe gegen Kerry gerade recht.

Doch Kerry wird kämpfen. Das ist seine Stärke. Er hat es als Staatsanwalt mit der Mafia aufgenommen, im Krieg mit den Vietkong und in den Straßen von Pamplona mit den Stieren. Als junger Senator hat er Mitte der 80er Jahre die Iran-Contra-Affäre mit aufgedeckt. Und wenn die Schmutzkampagne zu schmutzig wird, hat seine Frau angekündigt, wird sie ein paar Millionen für die Gegenattacke lockermachen.

Teresa Heinz Kerry ist eine der reichsten Frauen Amerikas

Teresa Heinz Kerry ist eine der reichsten Frauen Amerikas. Die 65-Jährige ist Haupterbin des Ketchup-Imperiums Heinz, nachdem ihr erster Mann, der republikanische Senator John Heinz, 1991 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Ihr Vermögen soll 550 Millionen Dollar betragen, die sie laut Ehevertrag aber nicht direkt in die Kampagne ihres Mannes stecken darf.

1992 entsandte der damalige Präsident George Bush senior die engagierte Umweltschützerin nach Rio de Janeiro zum Klimagipfel. Dort traf sie den engagierten Umweltschützer John Kerry. Er war seit vier Jahren von seiner unter Depressionen leidenden Frau geschieden und hatte einsame Jahre hinter sich - "Wanderjahre" nennt er sie - sowie einige Liebschaften mit meist jungen Schauspielerinnen. Da saßen sie nun an einem Tisch. Sie sprachen Französisch miteinander. Später zeigte er ihr im Mondlicht das Vietnam Memorial in Washington. 1995 heirateten sie. Dank Bush senior.

Teresa Heinz ist eine intelligente, bisweilen exzentrische Frau, und Kerrys Berater sind sich nicht sicher, ob sie ihrem Mann gut tut. Sie referiert gern über Grünen Tee und organische Kost und gibt freimütig zu, dass sie sich Botox spritzen ließ und Prozac nahm. Als Kerry sie einst fragte: "Na, wie gefällt dir Massachussetts?", sagte sie: "Ich liebe Massachussetts. Wie viel kostet es?" Auf die Frage nach ihrer Rolle im Wahlkampf antwortete sie scherzhaft: "Ich gehe da eben raus und bringe meinen Mann etwas in Schwierigkeiten."

"Die Amerikaner wollen eine Frau, die authentisch ist"

In einer Bibliothek in Fairfax, Virginia, empfängt sie den stern zum Gespräch. Sie trägt einen Cashmere-Schal und einen Blazer von Chanel, und wenn sie die Sonnenbrille über ihr Haar schiebt, erinnert das ein bisschen an Jackie O. Freuen Sie sich darauf, First Lady zu sein? "Nein", sagt sie, "ich werde weiter meine Arbeit machen." Aber erwarten die Amerikaner nicht eine brave, opferwillige First Lady wie Laura Bush? "Nein, die Amerikaner wollen eine Frau, die authentisch ist." Sie erzählt von ihrem Einsatz für alternative Energien und die Rechte der Frauen. Sie erzählt aus ihrer Kindheit als Tochter eines portugiesischen Arztes in Mosambik und von ihrem Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. Ihr Akzent ist undefinierbar und ihre Stimme leise, und wenn sie über die größte Gefahr für Amerika redet, nennt sie nicht den Terror, wie alle Politiker, sondern "die Defizite unseres Landes". Da unterbricht die Assistentin schnell das Gespräch.

Etwas später am Abend sieht man die Kerrys für einen Moment allein. Sie halten Händchen. Sie sehen frisch verliebt aus. Er würde gern mal wieder Gedichte schreiben und Beatles-Songs auf seiner Gitarre spielen und "nichts tun, einfach glücklich sein". Sie würde gern mal wieder mit ihrem Privatjet "Das fliegende Eichhörnchen" auf ihre kleine Farm nach Idaho düsen oder in ihr Ferienhaus auf Nantucket Island und nichts tun.

Da stehen sie, und man fragt sich, ob die Wähler so ein Paar ins Weiße Haus einziehen lassen. Den Patrizier und die Afrikanerin. Den geschiedenen Vater zweier Töchter und die verwitwete Mutter dreier Söhne. Den Surfer und die Philanthropin. Den Mann, der rechts lebt und für Amerikaner links redet, und sie, die sich von nichts beeindrucken lässt, nicht mal vom Glanz des Weißen Hauses. Vielleicht ist das etwas zu viel für Amerika.

Jan Christoph Wiechmann / print