Krieg im Kaukasus Fiasko der Strategen


Inzwischen wird auch in Abchasien geschossen. Russlands Regierungschef Wladimir Putin warnt vor Georgiens Nato-Beitritt. US-Präsident George Bush wiederum fordert von Russland die Einstellung der Kämpfe. Droht ein Flächenbrand im Kaukasus?
Eine Analyse von Tomasz Konicz

Im Konflikt um die abtrünnige georgische Region Südossetien eskaliert die Lage weiter. Die Führung Abchasiens, der zweiten, de facto unabhängigen Region auf georgischem Territorium, bestätigte Angriffe auf georgische Truppen im Kodori-Tal im äußersten Osten der international nicht anerkannten Republik. Die abchasische Regierung in Suchumi kontrolliert nicht das gesamte Territorium ihrer nach Unabhängigkeit strebenden Region. Das abchasische Kodori-Tal wird derzeit von Georgien überwacht - wie auch etwa 30 Prozent des südossetischen Territoriums vor dem Kriegsausbruch. Ziel der Kämpfe sei es, die im Kodori-Tal in den letzten Tagen zusammengezogenen, georgischen Militärverbände zu vertrieben, erklärten Militärsprecher in Suchumi.

Militärische Beistandsversprechen

Damit blieben die wiederholt an Abchasien gerichteten Aufforderungen Georgiens ungehört, sich im derzeit tobenden Krieg neutral zu verhalten. Suchumi entschied sich vielmehr dafür, seinen Bündnisverpflichtungen gegenüber Südossetien nachzukommen. Bereits im Juni 2006 kamen hochrangige Vertreter der von Russland unterstützten, abtrünnigen Territorien Transnistrien, Südossetien und Abchasien in Suchumi zusammen, um eine Intensivierung der militärischen Kooperation zu diskutieren. Dieser von Moskau initiierte Prozess zwischen den politischen Führungen der drei nach Unabhägigkeit strebenden Regionen, die ihre Souveränität Anfang der 90er Jahre mit russischer Unterstützung errangen, mündete in mehrmals erneuerten, militärischen Beitsandsversprechen der schlagkräftigen abchasischen Armee gegenüber Südossetien.

Tausende freiwillige Kämpfer

Dabei strömen schon seit Tagen tausende Freiwillige aus dem Nordkaukasus und dem südlichen Russland durch den vier Kilometer langen Roki-Tunnel in das Kampfgebiet. Es ist die einzige Verbindung zwischen den durch den großen Kaukasus getrennten Süd- und Nordossetien. An die 1000 Abchasier sollen sich über russisches Territorium auf den Weg gemacht haben. In Nordossetien können sich Männer im kampffähigen Alter in entsprechende Listen eintragen lassen, um dann per Bus ins Kriegsebiet befördert zu werden.

Laut Medienberichten überquerten täglich mehrere Busse Freiwilliger die Grenze nach Südossetien. Die erst 2005 per Duma-Gesetz offiziell als Hilfstruppen reanimierten, russischen Kosaken kündigten ebenfalls die Entsendung zahlreicher Kampfgruppen an. Ein Sprecher der Don-Kossaken gab am Freitag an, dass 100 Mann bereits nach Südossetien aufgebrochen seinen, die Terek-Kosaken kündigten eine ähnliche Mobilmachung an. Diese irregulären Verbände spielten schon während der kaukasischen Bürgerkriege Anfang der 90er Jahre eine wichtige Rolle.

Kalkül offenbar nicht aufgegangen

Das Kalkül der georgischen Führung, Südossetien im Handstreich zu erobern und der ganzen Militäroperation den Charakter einer innergeorgischen Polizeiaktion gegen "separatistische Banditen" zu verleihen, ist offensichtlich bereits jetzt nicht aufgegangen - statt dessen löste die georgische Offensive eine breite Mobilisierung im Nordkaukasus und eine umfangreiche russische Intervention aus. In Tiflis scheint man tatsächlich davon ausgegangen zu sein, dass Moskau von einer Intervention Abstand nehmen werde, wenn die eigenen Streitkräfte ihre Offensive nur rasch genug zum Abschluss führten.

Die Militäroperation droht nun zu einem vollständigen Fiasko für Präsident Saakaschwili zu werden, der wiederholt betont hat, die territoriale Integrität Georgiens notfalls auch mit militärischen Mittel wiederherzustellen. In der südossetischen Hauptstadt Zchinwali sind russische Eliteeinheiten eingerückt, die bereits jetzt die Stadt vollständig zurückerobert haben. Russland hat ein wichtiges Ziel erreicht: Ein Aufnahme Georgiens in die NATO rückt in weite Ferne. Zudem drohen Georgien weitere Gebietsverluste, wie das Kodori-Tal oder die vormals gehaltenen Gebiete in Südossetien.

Rhetorische Flankendeckung

Selbst die massiv aufgerüstete und modernisierte georgische Armee wird die russische Streitmacht nicht aus Zchinwali vertreiben können. Und auf ähnlich handfeste, militärische Unterstützung Washingtons, wie sie gerade Südossetien von Moskau erhält, braucht Präsident Saakaschwili nicht zu hoffen. Dabei scheint die Regierung in Tiflis mit solch einer US-Intervention fest gerechnet zu haben.

Mehrere Mitglieder der Bush-Administration gaben ihrem engsten Verbündeten im Kaukasus durchaus solide, rhetorische Flankendeckung. So warnte US-Präsident Bush die Russische Föderation vor einer "Eskalation" und forderte diese auf, die "Angriffe auf georgisches Gebiet" außerhalb der Konfliktzone einzustellen. Die US-Außenministerin Condoleezza Rice rief Russland sogar dazu auf, sein Truppen aus dem georgische Territorium abzuziehen. Doch das Risiko einer ernsthaften militärischen Intervention wird Washington mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht eingehen.

Fehleinschätzung machtpolitischer Konstellationen

Angesichts der dilettantischen Vorgehensweise der georgischen Streitkräfte und der damit einhergehenden, an Ignoranz grenzenden Fehleinschätzung der machtpolitischen Konstellation in der Region, ist es sogar fraglich, ob Tiflis seine Offensive überhaupt mit seinem engen US-amerikanischen Verbündeten abgesprochen hat - auch wenn die russischen Medien sich in solchen Spekulationen derzeit überbieten.

Ein wichtiges Indiz für einen Alleingang Georgiens bildet vor allem die Tatsache, dass die im Irak stationierten, georgischen Truppen nun abgezogen, und an die südossetische Front beordert werden sollen. Mit inzwischen 2000 Mann stellt Georgien das - nach USA und Großbritannien - drittstärkste Militärkontingent im Irak, und es ist schwer vorstellbar, dass die US-Militärführung im Zweistromland über diese Entwicklung erfreut ist.

Größter Empfänger amerikanischer Militärhilfe

Zu wertvoll ist Georgien auch als Teil des westlichen, bis ins aserbaidschanische Baku reichenden Energiekorridors, als Transitland der BTC-Ölpipeline, als dass Washington die georgische Führung sehenden Auges in ein derartiges, offensichtlich aussichtsloses Abenteuer hineinschlittern ließe. Dafür hat die Bush-Administration auch zu viel in den Aufbau der georgischen Streitkräfte investiert.

Im Rahmen mehrerer militärischer Kooperationsabkommen waren seit 2002 US-Ausbilder an der Schulung und Modernisierung der georgischen Streitkräfte beteiligt, das südkaukasische Land ist der größte Empfänger amerikanischer Militärhilfe in der Region. Tiflis beteiligt sich am NATO Programm "Partnerschaft für den Frieden" und wollte seine Aufnahme in das westliche Militärbündnis - mit amerikanischer Rückendeckung - im Dezember erneut auf die Tagesordnung der Allianz stellen. Inzwischen belaufen sich die Aufwendungen für das 37 000 Mann zählende, georgische Militär auf nahezu eine Milliarde US-Dollar, während es in 2006 noch bei 400 Millionen US-Dollar lag. Wir sprechen hier von einem 4,6 Millionen Einwohner zählenden Land, das 2007 einen Bruttosozialprodukt von gerade mal 20 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete.


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