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Großbritannien vor Brexit-Abstimmung: Nordirland und die Angst vor neuen, alten Grenzen

Brexit oder nicht? Beim Referendum am Donnerstag wird auch die Frage entschieden, ob die einzige Landgrenze des Vereinten Königreiches mit der EU weiter grün bleibt. Unser Autor war auf einem Ortstermin.

Conor Patterson, Geschäftsführer der "Newry & Mourne Enterprise Agency": "Ein EU-Ausstieg wäre für die Menschen hier ein Desaster"

Conor Patterson, Geschäftsführer der "Newry & Mourne Enterprise Agency": "Ein EU-Ausstieg wäre für die Menschen hier ein Desaster"

Manchmal kann ich nicht mehr hören, nicht mehr sehen und lesen. Und schreiben eigentlich auch nicht mehr. Es ist zunehmend anstrengend. Von allen Seiten dröhnt es. Ich wünsche mich dann auf den Kontinent. Glücklicherweise gibt es einen kleinen Zipfel im Meer, der dem kontinentalen Gefühl verblüffend nahekommt, obschon ganz und gar Vereintes Königreich:  , klein und schön und voller Pro-Europäer. Eine Enklave der Vernunft. Auf der anderen Seite des Wassers, noch etwas nördlicher, liegt Schottland, auch eine Enklave der Vernunft. Man kann es auch so sagen: Die Kelten halten die Idee der Europäischen Union hoch.

Neulich traf ich einen Politologen in . Er heißt Simon Hix, unterrichtet an der "London School of Economics" und sagte den schönen Satz, dass am 23. Juni eben auch darüber entschieden wird, ob das weiße England wieder mal die Kelten überrennt. Aus seinen Worten sprach unausgesprochen: Hoffentlich nicht. Hix riet: "Fahr hin und guck’s dir an. Sie sind wohltuend anders."


In Nordirland gibt es flüssigen Sonnenschein

Also flog ich hin und stellte gleich nach der Landung in fest, dass sie wohltuend anders sind. Es geht schon damit los, dass sie den kleinen City-Flughafen in Belfast nach dem berühmtesten nordirischen Fußballspieler benannt haben, George Best. Der Name war in diesem Fall in vielerlei Hinsicht Programm. Best war nicht nur auf dem Platz der Beste, sondern bis zu seinem Tod mindestens so sehr auch außerhalb. Berühmt für Exzesse und daraus destillierte Lebensweisheiten. "Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst", sagte er einmal. Und ein anderes mal: "Ich könnte den anonymen Alkoholikern beitreten. Das Problem ist nur, ich kann nicht anonym bleiben." Er starb vor elf Jahren in London, es hieß, Alkohol habe dabei keine unerhebliche Rolle gespielt. Danach benannten sie den Flughafen nach ihm, und als wir ankamen in Belfast machte sich gerade die nordirische Nationalmannschaft auf den Weg nach Frankreich. Die Sonne schien ausnahmsweise, in Irland bezeichnen sie in Ermangelung des Originals den Regen als "liquid sunshine", flüssiger Sonnenschein. Reporter stellten Fragen nach den Gruppengegnern, aber eben auch danach, ob die Spieler ordnungsgemäß gewählt hätten. Briefwahl. Referendum. Hatten sie. Sagten sie. Es klang glaubwürdig.

Waliser, Schotten und Nordiren sind vergleichsweise überzeugte EU-Bürger. Die Waliser deshalb, weil die strukturschwächste Region Großbritanniens am stärksten von Brüsseler Subventionen profitiert. Die Schotten, weil sie sich geistig und kulturell immer schon am europäischen Festland orientierten. Und die Nordiren, weil sie seit nunmehr 20 Jahren den Geist des Friedens und der Freiheit atmen und die Grenzen verschwanden zwischen der Irischen Republik und dem Norden. Ein Landzipfel gezeichnet von Bürgerkrieg, den Iren wie Briten verblüffend verharmlosend "Troubles", Ärger, nennen. Als wär’s eine lästige Stubenfliege. Frieden jetzt und offiziell seit 1998, die alten Grenzen grün wie die ganze Insel. Es wuchs zusammen, was zusammengehört.

Brexit befeuert Sorgen vor neuen, alten Grenzen

Ein möglicher Brexit befeuert in diesen Tagen Sorgen vor neuen, alten Grenzen auf jenen 500 Kilometern, die den Norden vom Süden trennen und früher zerrissen. Es war die Zeit der IRA, der Bomben, der langen Wartezeiten an den Checkpoints. Conor Patterson erlebte sie als Kind und Jugendlicher in Newry und Warrenpoint, heute zweitgrößter Hafen Nordirlands. Im August 1979 radelte er mit seinem Bruder, ein Konvoi britischer Soldaten begegnete ihnen, und ein paar Minuten später hörten sie einen Knall. 18 Soldaten und ein englischer Zivilist starben, blutigster Anschlag in der blutigen Geschichte des geteilten Landes. Das County Armagh galt als Festung der . Deshalb Wachposten und Befestigungen fast wie an der deutsch-deutschen Grenze; in der nahegelegenen Bucht von Warrenpoint ankerte eine britische Fregatte. Dies war die Realität vor gar nicht langer Zeit. Wie könnte Patterson vergessen, wie könnten die Iren im Norden und Süden vergessen?

Patterson steht nun dort, wo einst die Sprengsätze detonierten, nordirische Erde unter seinen Füßen, die Republik nur einen Steinwurf entfernt auf dem anderen Ufer des Newry-Flusses. Er wirbt seit Jahren hauptberuflich für den Standort Grenzland als Geschäftsführer der "Newry & Mourne Enterprise Agency", einer Wirtschaftskooperative. Trägt im Herzen, Europa auf der Zunge und im Portemonnaie. In seinem silbernen Volvo sammelt er in der Ablage der Fahrerseite Euro-Münzen, auf der Beifahrerseite britische Pfund. Ist mal hüben, mal drüben. Gestern erst drüben in Omeath, Süden, weil das Guinness auf der anderen Seite ein Prozent stärker schmeckt. Er sagt: "Ein -Ausstieg wäre für die Menschen hier ein Desaster." Im Hafen von Warrenpoint gehen 45 Prozent des Handels auf den kleinen Grenzverkehr zurück, 30 der 200 Hafenarbeiter pendeln jeden Tag aus der Republik. "All das riskieren durch ein Kreuz an der falschen Stelle? Ein Schritt vorwärts in die Vergangenheit?" Nirgendwo ist die auf den britischen Inseln so nah, so spürbar und so stark wie hier.

Die Bucht von Warrenpoint mit dem Fluss Newry bildet die Grenze zwischen Nordirland und der Republik.

Die Bucht von Warrenpoint mit dem Fluss Newry bildet die Grenze: Nordirland auf der Linken, die Republik auf der rechten Seite.

"Ich bin Brite, ich bin Ire und Europäer"

Durch die Dörfer Pettigo und Tullyhommon auf der Westseite der Insel verlief einst die Grenze über den winzigen Fluss Termon. County Donegal im Süden und County Fermanagh im Norden. Heute sind sie so gut wie eins; die subventionierte mit rund 8,5 Millionen Euro ein Kultur- und Sportzentrum fürs Doppeldorf mit Kindergarten, Spiel- und Kunstrasenplatz, das eigentlich viel zu groß ist für 500 Menschen. Verirrten sich "Leave"-Leute nach Pettigo und Tullyhommon, würden sie ganz gewiss ätzen über diesen wunderbaren Exzess aus Steuergeldern, "brauchen sie das?" Vielleicht brauchen sie es nicht, aber das Ganze nennt sich "Peace Project". Also bitte.

Die aus Nordirland stammende Staatsekretärin Theresa Villiers schlug sich ausgerechnet auf die Seite der Brexit-Anhänger. Sie sagte, das Gerede von neuen Grenzen sei Unfug und schiere Angstmacherei. Für Iren im Norden wie im Süden hörte sich das ein bisschen an wie Walter Ulbrichts "niemand hat die Absicht …" Vielleicht hat auch niemand die Absicht, neue Mauern zu bauen. Aber allein der Gedanke beunruhigt die Leute. Grenzen waren früher. In Irland nennen sie Brexit-Betonköpfe wie Villiers "stuck in peat bog", Torfschädel, wie man im "Brittons" lernt, dem schönsten Pub von Pettigo und Tullyhommon. Bezahlt wird entweder mit Euro oder Pfund, völlig wurscht, und Hauptsache "Sláinte", "Cheers".

Durch das Dorf Pettigo auf der Westseite der Insel verlief einst die Grenze über den Fluss Termon.

Durch das Dorf Pettigo auf der Westseite der Insel verlief einst die Grenze über den winzigen Fluss Termon.

Auf der anderen Seite der Brücke, wo die Geschwindigkeit bereits in britischen Meilen gemessen wird, schraubt der alte Mervyn Johnston an einem grünen Mini. Seine Werkstatt war mal das Postgebäude, die IRA sprengte es 1973 in die Luft. Danach baute Mervyn seine Garage - und überstand fünf Bombenanschläge. Mervyn war bei der Armee, Protestant, damit Feind der IRA und zugleich natürlicher Freund der übrigen Dörfler, bei allem eben auch Ire. Es wurde gemeinsam geschmuggelt und gemeinsam getrunken. Die Bomben? "Ach", sagt er, "das ist Geschichte." Er redet nicht gerne von der Vergangenheit. Für 18 Monate zog er damals in den blutigen Siebzigern auf die Isle of Man, als es wirklich zu gefährlich war für die Familie. Kehrte aber zurück nach Tullyhommon, weil es Heimat war. Blickt über die Brücke, einst schwer bewachter Grenzposten, heute Symbol des Miteinanders. Er sagt: "Ich bin Brite, ich bin Ire und Europäer." Johnston stimmt selbstverständlich für den Verbleib in der EU. Dreiviertel der 1,8 Millionen Nordiren stimmen voraussichtlich wie er.

Mit diesem insgesamt doch wohligen Gefühl verlässt man das puztige Doppeldorf Tullyhommon und Pettigo, fährt zurück nach Belfast und trinkt im " "-Flughafen noch ein Guinness im Gedenken an den bekanntesten Nordiren. Den sie liebten im Norden und im Süden wegen seiner Ballfertigkeit und gesamtirischen Weisheiten. Das Beste von Best deshalb zum Schluss: "1969 habe ich die Frauen und das Trinken aufgegeben. Es waren die schlimmsten 20 Minuten meines Lebens."

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