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TV-Duell in Großbritannien: Streiten sich zwei über den Brexit, und der Gewinner ist das Publikum

Kurz vor der Brexit-Abstimmung diskutierten der britische Premier David Cameron und Rechtsaußen Nigel Farage über die Frage: bleiben oder gehen? Die Zuschauer, also die Wähler, machten bei der TV-Debatte den besten Eindruck.

Von Michael Streck, London

Brexit Debatte Farage vor Publikum

Nigel Farage ging bei Brexit-Debatte auf die Zuschauer zu, doch die ließen sich nicht ins Bockshorn jagen

Als nach einer Stunde alles vorüber und alles gesagt war und die Spin-Masters hinter den Studio-Kulissen je nach Lager David Cameron oder Nigel Farage zum Sieger der TV-Debatte hochjazzten, sprach der Fernsehmoderator Tom Bradby den weisesten und besten Satz des Abends: Man frage sich, ob es für die Wähler am 23. Juni nicht besser wäre, wenn sie für die glänzend vorbereiteten Fragesteller aus dem Publikum votieren dürften. Das, schob er pflichtbewusst nach, dürften sie leider nicht.


Bradbys Kommentar sagte viel über das Vorausgegangene: Zwei Wochen vor dem Drinbleiben-oder-Verlassen-Referendum in Großbritannien rüsten beide Seiten zum letzten Gefecht mit zunehmend scharfer Wortwahl, allerdings nur selten mit erhellenden Argumenten. Bei der dienstäglichen Veranstaltung des Senders ITV trat Nigel Farage, Chef der streng anti-europäischen UKIP-Partei, gegen den Premierminister an. Das heißt: Ein Duell war auch das nicht, weil sich die beiden nacheinander den kritischen Fragen des in der Tat gut vorbereiteten Auditoriums stellen mussten.

Immerhin die Wähler hielten sich an Fakten

Die Wähler machten den besten Eindruck. Sie hielten sich an Fakten, und also wurde es für beide Politiker zeitweise recht ungemütlich. Vor allem für den Rechtspopulisten Farage, der übers Wochenende wieder einmal einen Flächenbrand losgetreten hatte. Großbritannien erwarte bei unkontrolliertem Zuzug Verhältnisse wie zu Silvester in Köln. "Rassistisch, fremdenfeindlich und gefährlich", nannte eine junge Frau diese Äußerung, und der rhetorisch an sich gewiefte Europa-Abgeordnete kam darüber mächtig ins Schleudern, riet "calm down", "beruhigen Sie sich", und versuchte klarzustellen, dass er das so gar nicht gesagt habe. Das Übliche.


Farage hatte sich für seine Verhältnisse seriös auf die Fragestunde vorbereitet und eine Woche lang keinen Alkohol getrunken. Für den passionierten Bier-Freund eine Art Selbstkasteiung. Einen großen Unterschied generierte die selbst verordnete Abstinenz aber nicht. Mittenmang wedelte er mit einem Pass in die Kameras und erklärte, lediglich ein britisches Dokument könne künftig den Einwandererstrom ins Königreich eindämmen, andernfalls schwelle die Bevölkerung Großbritanniens bis zum Jahr 2040 auf 80 Millionen Insel-Bewohner an.

Brexit? Neue Argumente: Fehlanzeige

So geht es seit Wochen: Das "Out"-Lager rekurriert auf Immigration, die "In"-Fraktion auf die Wirtschaft. Cameron nutzte seine halbe Stunde denn auch zur Wiederholung des Bekannten. "Wie ein Finanzberater, der dir Policen verkaufen will, die du nicht brauchst", notierte der "Guardian", wiederholte der Premierminister fast störrisch jene Argumente, die inzwischen fast jeder Brite kennen müsste: Dass ein Austritt die Wirtschaft des Landes beschädigen werde, dass es unverantwortlich sei, die Warnungen von OECD, Internationalem Währungsfonds und der Bank of England zu ignorieren. Und dass Großbritannien keine Nation der "Quitters" sei, sondern eine der "Kämpfer".

Cameron bei Brexit-TV-Debatte

David Cameron fiel bei der Brexit-Debatte leider auch nicht mehr ein, als die stattsam bekannten Argumente zu wiederholen


So weit, so überschaubar. Er hinterließ diesmal allerdings einen etwas besseren Eindruck als am vergangenen Donnerstag. Da wurde er noch vom Sky-Journalisten Faisal Islam und einer Zuschauerin in die Ringecke getrieben, aus der er sich nicht mehr richtig befreien konnte.
Dennoch bleiben auch nach der jüngsten Debatte mehr Fragen als Antworten. Das Brexit-Lager hat es verstanden, die Diskussion vom aussichtslosen Terrain der Wirtschaft auf das emotional besetzte Feld der Zuwanderung zu puschen. In den Umfragen holen die "Outisten" nicht nur auf, sondern liegen in einigen Erhebungen sogar vor den favorisierten Pro-Europäern mit Cameron an deren Spitze. Der wich auch nun immer wieder kunstvoll aus. "Immigration ist eine Herausforderung", sagte er, "aber ich glaube es ist eine Herausforderung, die wir nicht meistern können, in dem wir unsere Wirtschaft beschädigen".

Das "In"-Lager könnte mal mehr liefern

In den verbleibenden zwei Wochen bis zum Referendum muss das "In"-Lager gewiss mehr liefern und sich in dieser Sache positionieren. Cameron scheut sich ganz offenbar, auf die positiven Aspekte der Einwanderung zu setzen. Er hält das für toxisch. Wenige Stunden vor dem Fernsehauftritt lud er sogar überraschend zu einer Pressekonferenz - und bezichtigte dort die Konkurrenz der Lügen, Unwahrheiten und des Unfug-Verkaufens. Es wirkte ein bisschen verzweifelt.
Die Brexit-Leute konterten daraufhin ihrerseits mit Lügen-Vorwürfen und forderten Cameron zu einem direkten Fernseh-Duell auf. Womöglich würden sich beide Seiten dort mit ihren Halbwahrheiten neutralisieren.

Hier können Sie die Debatte ansehen (englisch)


Die Briten, so viel lässt sich mit Gewissheit sagen, sind des Schaulaufens inzwischen überdrüssig. Sie wollen Informationen und keine Spiegelfechterei. Und wenn sie die Fakten von den Protagonisten aus beiden Lagern nicht bekommen, informieren sie sich selbst und konfrontieren sie dann damit. Gewinner des Abends insofern: die Demokratie.