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"Patriotisches Fotoshooting" Hacker wollen die Bomber von Mariupol entlarvt haben – indem sie die Frau des Kommandeurs austricksten

Blick auf die Ruinen des Mariupoler Theaters
Blick auf die Ruinen des Mariupoler Theaters. Mehr als 1000 Zivilisten sollen zum Zeitpunkt der Bombardierung in dem Gebäude Schutz gesucht haben
© Peter Kovalev / Tass
Der Luftangriff auf das Mariupoler Theater gilt als eines der schwersten mutmaßlichen Kriegsverbrechen Russlands in der Ukraine. Hacker wollen nun die Verantwortlichen gefunden haben – indem sie deren Frauen eine Falle stellten.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat bereits Hunderttausenden Menschen das Leben gekostet. Von den mehr als 400 Tagen des Sterbens gilt der 16. März 2022 als einer der dunkelsten.  

Im Zuge der erbitterten Kämpfe um die Hafenstadt Mariupol hatten die Invasoren auch ein Theater im Zentrum bombardiert, in dem mehr als 1000 Zivilisten Schutz gesucht hatten – darunter auch viele Kinder. Die Angreifer hatten die Kulturstätte offenbar ins Visier genommen, obwohl auf den Plätzen vor und hinter dem Gebäude in riesigen kyrillischen Lettern deutlich das Wort "Kinder" zu lesen war, die ein Bühnenbildner auf das Pflaster gemalt hatte. Laut einer Rekonstruktion der Nachrichtenagentur AP starben 600 Menschen – darunter viele Kinder. Die Zerstörung des Zivilgebäudes gilt heute als Sinnbild für die Brutalität, mit der Putins Truppen bei ihrem Feldzug vorgehen. Experten und Menschenrechtsorganisationen sprechen von einem der schlimmsten Kriegsverbrechen seit Invasionsbeginn.

Wer die Piloten waren, die an diesem Tag den Angriff flogen, wusste niemand – bisher.

Hackergruppe auf der Suche nach den Bombern von Mariupol

Wie das pro-ukrainische Online-Freiwilligenprojekt "Inform Napalm" berichtet, wollen ukrainische Hacker nun die Identität von zwölf russischen Kampfpiloten enthüllt haben, die an jenem 16. März für den Angriff auf das Mariupoler Theater verantwortlich waren – indem die Hacker angeblich die Frau des Kommandeurs austricksten. 

Die Hacktivistengruppe "Cyber Resistance", die sich auf den Zugriff russischer Netzwerke und vertraulicher Informationen spezialisiert hat, soll "Inform Napalm" E-Mails des Kampfpiloten, sowie dessen "private Korrespondenz", Adressen, Passfotos und vieles mehr zugespielt haben. Anhand dieser Informationen wiederum hat das Projekt einen ausführlichen Bericht erstellt, der das Vorgehen und die Ergebnisse der Hacker detailliert dokumentiert.

Auf Grundlage dieser Informationen behaupten die ukrainischen Hacker zunächst den Kommandeur des Geschwaders und daraufhin auch seine Ehefrau identifiziert zu haben. Im Anschluss gelang ihnen offenbar ein bemerkenswerter Bluff.

"Patriotisches Fotoshooting" – der offenbar perfekte Bluff

Die Hacker kontaktierten laut dem Bericht die Gattin des Kommandeurs und gaben vor, ein Offizier aus dem Regiment ihres Mannes zu sein. Um an die Identität der anderen Piloten zu kommen, wurden die Hacker kreativ. Sie hätten die Frau dazu überredet, gemeinsam mit den anderen Soldaten-Gattinnen ein privates "patriotisches Fotoshooting" in den Uniformen ihrer Ehemänner zu machen. Einem Bericht der "Kyviv Post" zufolge behaupteten die Hacker gegenüber der Frau des Kommandeurs, das Gruppenbild solle Teil eines Kalenders werden, "der die Moral von Militärfamilien und Armeeanhängern stärken sollte." Der Bluff ging offenbar auf. Das entsprechende Foto veröffentliche "Inform Napalm" diese Woche: 

Die zwölf Ehefrauen des Geschwaders, das für die Bombardierung des Mariupoler Theater verantwortlich sein soll
Die zwölf Ehefrauen des Geschwaders, das für die Bombardierung des Mariupoler Theater verantwortlich sein soll. Die Gattinnen tragen nicht nur die medaillenbedeckten Waffenröcke ihrer Ehemänner – im Hintergrund ist auch deutlich ein russischer Su-25-Kampfjet zu sehen.
© Screenshot Twitter / @InformNapalm

Anhand der Fotos war es den Hackern demnach dann ein Leichtes, die Identität jedes einzelnen Geschwader-Mitglieds zu bestimmen. Auch die Fotos einer Neujahrsfeier des Regiments, auf denen die Frauen gemeinsam mit ihren Ehemännern zu sehen sind, habe bei der Bestätigung geholfen.

Tatsächlich soll eben jene Einheit Medienberichten zufolge von einem Stützpunkt auf der Krim ausgehend mehrere Angriffe in der Südukraine geflogen haben. Zudem hatten auch russische Staatsmedien berichtet, dass Präsident Wladimir Putin diese Einheit für hervorragende Kampfleistungen ausgezeichnet habe – ohne jedoch deren Einsatzgebiet zu nennen. 

Wie das US-Magazin "Vice" schreibt, hat der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag inzwischen Ermittlungen eingeleitet. "Inform Napalm" zufolge stießen die Hacker in den Monaten, in denen sie den E-Mail-Verkehr des Kommandanten überwachten, auch auf "detaillierte Listen von Piloten, Leistungsbewertungsprotokolle von Offizieren, Memos, theoretische und praktische Berechnungen usw.", die man an den ukrainischen Geheimdienst weitergereicht habe. 

Quellen: "Inform Napalm"; "Kyiv Post"; "Vice"

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