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Nach Bluttat in El Paso: Das steckt hinter "8chan", der "Hass-Kloake" für Extremisten

Offenbar zum dritten Mal in diesem Jahr hat ein Massenmörder seine Tat auf "8chan" angekündigt. Dem Schmelztiegel für Rechtsradikale soll der Saft abgestellt werden. Die Gefahr, die von der Online-Plattform ausgeht, dürfte damit nicht gebannt sein.

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Es war der 27. April 2019, der letzte Tag des Pessachfestes. Rund 100 Menschen feierten in der Chabad-Synagoge im kalifornischen Poway. Gegen 11.23 Uhr betrat ein 19-Jähriger das Gotteshaus – und eröffnete mit einem Sturmgewehr das Feuer. Eine Person kam ums Leben, drei weitere wurden verletzt.

Die Nutzer von "8chan" verurteilten den Angriff, wie das Portal "Belltower.News" beobachtete. Der Grund: Es gab zu wenige Opfer.

Genau wie der Rechtsterrorist Brenton T., der im März bei einem Terroranschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland 51 Menschen tötete, veröffentlichte der Mörder von Polway auf "8chan" ein rassistisches Manifest und kündigte seine Tat in dem Forum an. "Get the high score", also "knack' den Highscore", sollen ihn die Nutzer angefeuert haben. Es sollten noch mehr Menschen als in Christchurch sterben. 

Auf "8chan" wird Terror zum Spiel. Und es findet offenbar immer mehr Mitspieler. Zum dritten Mal in diesem Jahr scheint ein Massenmörder seine Tat auf "8chan" angekündigt zu haben. Auch der Todesschütze von El Paso soll vor der Bluttat ein rassistisches Manifest auf der Plattform veröffentlicht haben. Seine "Antwort auf die hispanische Invasion in Texas" am Samstag kostete 20 Menschen das Leben. 

Die umstrittene Online-Plattform ist am Montagvormittag weitgehend offline gegangen. Der IT-Sicherheitsdienstleister Cloudflare, der unter anderem Websites vor Cyberangriffen schützt, kündigte an, die Geschäftsbeziehungen mit sofortiger Wirkung zu beenden. Mittlerweile ist das Bilder- und Diskussionsforum, das grundsätzlich mit jedem Webbrowser zugänglich ist, wieder online.

Die Gefahr, die von der Plattform ausgeht, dürfte so oder so noch lange nicht gebannt sein.

"8chan", ein "Morast aus Hassrede"

Die Plattform habe sich zu einer "Hass-Kloake" entwickelt, schrieb Cloudflare-Chef Matthew Prince in einem Blogeintrag. Einer der Grundsätze von "8chan" ist, dass die Betreiber die von großteils anonymen Nutzern geposteten Inhalte nicht kontrollieren oder löschen. Hass und Terror werden zelebriert, doch es wird auch ironisiert und provoziert. Eine explosive Mischung: Nicht alles ist ernst gemeint, anderes durchaus – die Beiträge verwässern sich gegenseitig. Zumal jeder in dem Forum unter "Anonymous" posten kann, ohne sich anzumelden. 

Kurz: "8chan" ist ein Ort, an dem so gut wie keine Regeln gelten.  

Was der umstrittene Software-Entwickler Fredrick Brennan einst als extreme Form von Meinungsfreiheit erdacht haben will – die Idee kam ihm angeblich nach einem Drogenrausch – versammelte die radikalsten Winkel des Netzes. Seit ihrer Gründung 2013 habe sich die Plattform zu einem "Morast aus Hassrede" entwickelt, schreibt etwa der "Guardian". Die "New York Times" erkennt ein "Megafon für Massenmörder" und eine "Rekrutierungsplattform für weiße Nationalisten".

Nach dem Massaker in El Paso sagt auch der Gründer: "Schaltet die Seite ab. Sie tut der Welt nichts Gutes".

Der Massenmörder von El Paso: "unser Mann"

Mehreren Medienberichten zufolge wird die Seite mit zahlreichen Fällen von "Swatting" in Verbindung gebracht. Dabei wird ein Notfall vorgetäuscht und infolgedessen etwa die Polizei oder eine Spezialeinheit zu einem bestimmten Menschen geschickt – ein vermeintlicher Streich, der tödlich enden kann.

Die "Washington Post" berichtete 2015, dass Diskussionen über Kindesmissbrauch erstellt worden seien – auch im Zuge dessen habe Google die Seite im August 2015 auf seine Blacklist gesetzt. Seitdem ist "8chan" über die Suchmaschine nicht mehr auffindbar.

Darüber hinaus gilt "8chan" als Brutstätte vieler Verschwörungstheorien, etwa der rechtsextremistischen "QAnon"-Theorie. Diese besagt unter anderem, dass es einen "tiefen Staat" gebe und US-Präsident Donald Trump hinter den Kulissen gegen diesen ankämpfe. Das FBI, die US-Bundespolizei, geht davon aus, dass jene Theorie womöglich Extremisten zu Gewalttaten in den USA animieren könnte.

Dabei scheint "8chan" wie kein anderes Online-Portal für Rassismus und Diskriminierung zu stehen. So gebe es laut "Belltower.News" neben Diskussionsforen zu sehr speziellen Themen auch das Board "Politically Incorrect" (/pol/), das einem "Tummelplatz von rechtsextremen Hassbotschaften" gleiche. Dort würden neonazistische Inhalte und Aufrufe zur Gewalt als "edgy", also aneckend, verstanden werden. Während die Inhalte unter dem Deckmantel der Anonymität und Meinungsfreiheit geduldet würden.

Am vergangenen Samstag sei der Todesschütze von El Paso in dem Forum als "unser Mann" gefeiert worden, berichtete der "Guardian". Nutzer hätten die Anzahl der Todesopfer zelebriert. Ähnliche Reaktionen lösten auch die Massenmörder von Christchurch und Poway aus, die ihre Taten bei "8chan" ankündigten. 

"Leider löst unser Handeln nicht das Problem"

Das Gefahrenpotenzial, das von der Online-Plattform ausgeht, dürfte mit dem Ausstieg des IT-Sicherheitsdienstleister Cloudfare nicht gebannt sein. Jim Watkins, ein Veteran der US-Armee, der "8chan" von den Philippinen aus betreibt, teilte bereits mit, einen anderen Dienstleister zu suchen. Die Seite ist mittlerweile wieder erreichbar, allerdings könne es in den nächsten 24 bis 48 Stunden zu weiteren Ausfällen kommen, heißt es auf der Webseite.

"8chan"-Gründer Frederick Brennan, der bereits in der Vergangenheit alle Beziehungen zu den Forenbetreibern abgebrochen hat, forderte die vollständige Schließung der Website. Bei jedem Schusswaffenangriff frage er sich, ob es einen Zusammenhang zu Beiträgen bei "8chan" gebe, sagte Brennan der "New York Times".     

Cloudfare zog nicht zum ersten Mal Konsequenzen aus einem mutmaßlich rassistisch motivierten Verbrechen. Vor zwei Jahren kündigte der IT-Dienstleister der Neonazi-Website "The Daily Stormer" die Zusammenarbeit, nachdem eine Frau während einer rechtsextremen Kundgebung in Charlottesville getötet worden war. "Heute ist der 'Daily Stormer' immer noch erreichbar und immer noch widerlich", erklärte Prince. Die Seite sei kein Problem mehr von Cloudfare, "aber weiterhin ein Problem des Internets".

Prince fügte hinzu: "Leider löst unser Handeln nicht das Problem der Verbreitung von Hass im Internet."

Quellen: "New York Times", "The Guardian", "Bellingcat", "Belltower.News" (Anschlag in Poway / Anschlag in Christchurch), "Süddeutsche Zeitung", "Washington Post", mit Material der Nachrichtenagenturen DPA und AFP

fs