Mia und Ronan Farrow über Darfur "Im Sudan geschieht gerade eine Art Holocaust"


Als Unicef-Botschafter sind die Schauspielerin Mia Farrow und ihr Sohn Ronan in das Bürgerkriegsgebiet Darfur gereist. Anlässlich des Weltflüchtlingstags berichten sie im Interview mit stern.de über die humanitäre Katastrophe, die sie mit eigenen Augen gesehen haben.

Sie waren fünf Tage in Darfur. Was sind die Eindrücke, die hängen geblieben sind nach ihrem Besuch?

Ronan: Die Infrastruktur ist völlig überlastet, noch viel schlimmer als vor 18 Monaten, als wir das erste Mal da waren. Die Flüchtlingscamps bieten nicht genug Kapazitäten für die hunderttausend Menschen. Es ist noch unsicherer geworden und zerreißt einem das Herz, wenn man sieht, wie die Menschen leben und wie sie täglich Angst um ihr Leben haben müssen.

Mia: Aber wir haben auch Verbesserungen gesehen. Die Hilfsorganisationen wie Unicef haben wirklich dazu beigetragen, Leben zu retten. Sie versorgen zwei Millionen Menschen, die in Flüchtlingslagern leben. Sie haben Trinkwasserbrunnen gebohrt, um eine gigantische Cholera-Epidemie zu vermeiden. Trotzdem gibt es Cholera, und überall wo wir hingegangen sind, war der Ruf nach Wasser laut. Es mangelt an allem - Nahrung, Medikamenten. In einem Camp bei Al Salam haben wir einen Arzt gesehen, der sich um 40.000 Menschen kümmert. Es gibt keine erste Hilfe, keine Möglichkeit zu operieren. Es ist eine menschliche Tragödie, die jeder Beschreibung spottet.

Wir haben gesehen, wie die Hilfsorganisationen unter unglaublich schwierigen und gefährlichen Umständen arbeiten, unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Sie werden bestohlen und überfallen. Viele der Leute mussten zurückgehen, und wir handeln in Zeitlupe. Irgendwann werden wir zurückschauen und bereuen, dass wir das zugelassen haben. Dabei ist hier völlig klar, was wir tun müssen, sowohl auf der humanitären Ebene als auch auf der politischen.

Was kann ich als Westeuropäer oder nordamerikanischer Bürger denn noch tun, außer richtig zu wählen oder Geld zu spenden?

Ronan: Ich würde die Bedeutung von Geld nicht unterschätzen.

Mia: Ein Euro kann ein Kind eine Woche lang ernähren. Fragen Sie ihre Medien, sie wollen mehr über das Problem Darfur wissen. Mit Wissen wächst auch Verantwortung.

Ronan: In den Vereinigten Staaten gibt es immer mehr junge Leute, die dieses Problem laut herausschreien, Vertreter der Politik für die Probleme verantwortlich machen und von Abgeordneten fordern, sich um den Schutz für die Menschen in Darfur zu bemühen. Es gibt eine Art Bürgerbewegung. Jeder einzelne Mensch kann etwas beitragen.

Mia: Die UN muss da jetzt schnell rein. Es geht nicht nur darum, Menschen mit dem Nötigsten zu versuchen, es geht um eine politische Lösung. Eine afrikanische Lösung für ein afrikanisches Problem will die Regierung des Sudan haben, und alle anderen auch.

Sie sind keine Politiker, aber Ronans Karriere geht in diese Richtung: Etwa als Assistent beim Unicef-Botschafter Richard Holbrooke. Streben Sie eigentlich ein politisches Amt an?

Ronan: Ich will mein Leben schon dafür nutzen, die Welt ein wenig besser zu machen. Jeder kleine Beitrag zählt. Gerade überbringen wir die Geschichten von Menschen, mit denen wir in Darfur gesprochen haben. Besonders die der jungen Menschen, der Kindersoldaten, die ihre Familien verloren haben.

Was haben diese Menschen Ihnen erzählt?

Ronan: Ich erzähle Ihnen eine Geschichte, eine von vielen, die sich in ihrer Tragik ähneln. Die Dörfer werden von arabischen Reitermilizen, den Janjaweeds angegriffen. Die kommen auf Kamelen und Pferden. Ein 13-jähriger Junge, mit dem ich gesprochen habe, lebte in einer Rebellenfestung. Als er eines Morgens aufwachte, hörte er Pistolenschüsse. Die Häuser des Dorfes wurden in Brand gesetzt, Frauen vergewaltigt. Seine ganze Familie wurde gefoltert und getötet. Er konnte überleben, weil er sich unter Leichen versteckte und sich tot stellte. Als er da lag, schlugen Bomben neben ihm ein. Als alles vorbei war, ging er sieben Stunden durch die Wüste, und die ersten Menschen, die er traf, waren Männer der Rebellenbewegung SLA (Sudan Liberation Army). Und so kämpfte er für sie, seit er 13 ist.

Mia: Niemand wird zugeben, dass er Kindersoldaten in seinen Reihen hat. Alle sagen, sie bieten den Kinder Schutz. Unicef arbeitet hart daran, diese Kinder zu befreien.

Ronan: Oft werden die Kinder auch einfach gegen ihren Willen den Familien entrissen, sie werden entführt und müssen kämpfen. Das passiert im Sudan und auch im Tschad. Aber viele der Kinder wollen auch kämpfen. Der Junge, von dem ich erzählt habe, wollte sein Volk verteidigen. Das ist ein herzzerreißendes Beispiel dafür, dass die Welt unfähig ist, Kinder davor zu bewahren, Waffen in die Hand zu nehmen.

Mia: Sie verstehen noch nicht mal, für wen oder was sie kämpfen. An jeder Front gibt es die tragische Konstellation, dass Kinder die Opfer sind. Sie erheben ihre Waffen in den Himmel.

Was sind ihre nächsten Pläne?

Ronan: Ich wäre extrem stolz, weiter für Unicef arbeiten zu dürfen. Diesen Herbst werde ich aber erst mal mein Jurastudium in Yale beginnen. Das wird mich die nächsten Jahre beschäftigen.

Sind sie stolz auf ihren Sohn?

Mia: Ja, sehr stolz. Er beendete das College mit 15 Jahren und arbeitete zwei Jahre lang für US-Botschafter Richard Holbrooke. Er hat ein gutes Gespür für die Machtverhältnisse in der internationalen Politik. Aber er soll sich einfach die Zeit nehmen, die er braucht um sich alles anzusehen und seine Entscheidungen zu fällen. Vor allem hat er Chancen, die den Kinder, die wir in den Camps getroffen haben, nie hatten. Deswegen sind wir alle gefragt, den Kindern Chancen zu bieten. Die Kinder in den Flüchtlingscamps wagen ja nicht mal zu träumen.

Ronan: Kinder haben das Grundrecht auf Wasser, Essen und Sicherheit. Sie sollten nicht tagtäglich um ihr Leben fürchten müssen. All das haben die Kinder im Sudan nicht, geschweige denn die Möglichkeit einer Ausbildung, daran denken sie noch nicht mal, sondern sie sind ständig mit Terror konfrontiert.

Mia: Die UN könnte was dagegen tun. Sie könnten die Afrikanische Union so unterstützen, dass sie ihrer Aufgabe nachgehen können um den Frieden in Darfur wieder herzustellen. Wenn das nicht bald geschieht, passiert hier das Gleiche wie in Somalia.

Warum haben sie gerade diese Region für ihr humanitäres Engagement ausgewählt?

Mia: Wir waren vor 18 Monaten schon mal in Darfur und haben mitbekommen, dass die Regierung Angriffe auf die Zivilbevölkerung plant. Die Fronten waren ziemlich klar zwischen "Bad guys" and den "Good guys" von der Afrikanischen Union. Wir wollten die Welt auf dieses Problem aufmerksam machen. Leider hat sich die Situation verschlechtert, es könnte zu einer Katastrophe kommen, wenn nicht bald etwas getan wird. Die Welt muss sich das ansehen. Der Konflikt ist lösbar. Es gibt genug Länder, in denen man nicht weiß, wie man einschreiten und helfen kann. Aber in Darfur kann man Menschenleben retten. Wachrütteln. Und das macht diese Region so einzigartig.

Ronan: Die Dimensionen des Konflikts sind auch einzigartig. Heute morgen waren wir am Holocaust-Denkmal. Ein äußerst anerkennenswerter Beitrag, um an die Opfer zu erinnern und die nächsten Generationen daran zu erinnern, so etwas nie wieder geschehen zu lassen. In Sudan geschieht gerade auch eine Art Holocaust, Menschenleben werden einfach ausradiert, während wir die Möglichkeiten hätten, das zu beenden.

Was werden sie als nächstes unternehmen?

Mia: Ronan wird so viel wie möglich über den Darfur-Konflikt schreiben, und wir gehen zusammen auf eine Vortragsreise in amerikanische Universitäten. Wir werden weiterhin die Hilfsorganisationen unterstützen, und versuchen, die politische Willensbildung dahingehen zu beeinflussen, dass endlich eingeschritten wird, solange es noch geht. Natürlich mit Fingerspitzengefühl, das Verhältnis zur sudanesischen Regierung ist bedenklich. Aber die Afrikanische Union muss unterstützt werden, damit sie dieses Problem lösen kann.

Ronan, Sie sind fast so etwas wie ein Genie. Führen Sie eigentlich auch so etwas wie ein normales Teenager-Leben? Gehen Sie auf Partys, hängen mit Freunden ab und flirten?

Mia: Soll ich mal kurz aus dem Zimmer gehen, Ronan? (lacht)

Ronan: (lacht ebenfalls) Aber ja, natürlich. Wie jeder andere Mensch auch, habe ich gerne Spaß mit meinen Freunden. Ich habe viele Freunde aus meiner Studienzeit.

Mia: Er war elf, als er aufs College ging, und sie haben ihn wie einen kleinen Bruder behandelt, alle haben sich um ihn gekümmert, das war sehr süß. Dann wurde er sehr ehrgeizig. Als er mit 15 fertig wurde, hatte er trotz des Altersunterschieds viele Freunde gefunden. Jetzt wird es wieder interessant. Denn auf der "Lawschool" liegt der Altersdurchschnitt bei Ende 20. Aber er ist in vieler Hinsicht reifer als sein biologisches Alter.

Haben Sie noch einen Schlussappell?

Mia: Die Möglichkeit, dass wir nach Darfur fahren konnten und die schrecklichen Zustände vor Ort mit eigenen Augen gesehen haben, verpflichtet uns moralisch alles zu tun, was in unserer Macht steht, damit die Situation verbessert wird. Wir brauchen die Unterstützung aller Menschen in Deutschland, in Europa und auch in Amerika, damit die Hilfsorganisationen weiter arbeiten können.

Ronan: Außerdem wollen wir klar machen, dass es überhaupt möglich ist. Jeder kann zur Verbesserung der Situation beitragen, einmal mit Spenden, damit die Hilfsorganisationen Menschenleben retten können, und dadurch, dass sie politische Willensbildung beeinflussen, indem sie an ihre Medien appellieren, immer wieder über den Konflikt zu berichten.

Interview: Kathrin Buchner

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker