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stern-Reportage

Mossul: Die Geschichte einer Mutter, die ihre Tochter rettete und ihren Sohn verlor

Der Kampf um die IS-Hochburg Mossul nähert sich seinem Ende. Die mehrjährige Herrschaft der Islamisten hat eine vollkommen zerstörte Stadt hinterlassen und traumatisierte Menschen.

Von Raphael Geiger, Mossul

stern-Korrespondent in Mossul: Der Krieg ist noch immer allgegenwärtig

Auf der staubigen Straße nach Bagdad steht eine Frau, die zu schnell alt geworden ist. Furchen ziehen sich durch ihr Gesicht, als hätte sich die Gewalt eingegraben, und ihre Augen sagen: Ich traue dir nicht.

Samira* ist von ihrem Haus in der Nähe gekommen, vorbei an der Stelle mit der Mine, die noch nicht entschärft ist, vorbei an all den Häusern, die ein amerikanischer Luftschlag in eine Schutthalde verwandelt hat, vorbei an der Leiche eines IS-Kämpfers, die sie liegen gelassen haben, damit jeder den Toten noch einmal treten kann, auf ihn spucken kann. Samira ist gekommen, weil sie Hunger hat. Sie ist jetzt 45 und eine Bettlerin.

Jeden Morgen kommt sie, steht eine Stunde lang an der Kreuzung oder zwei und hofft, dass die schiitischen Milizen mit ihren weißen Pick-ups kommen, mit Wasser und Olivenöl, Fladenbrot, Tomaten.

Was bleibt von dieser Stadt?

Hier, an der Kreuzung, begann einmal Mossul. Die Straße lag auf Samiras Nachhauseweg, früher, wenn sie vom Picknicken kam draußen im Grünen, am Tigris. Sie trug vielleicht ihre Sonnenbrille in den Locken, das Leben war leicht, sie würde am nächsten Morgen wieder in die Schule fahren und Englisch unterrichten.

Unwirklich weit weg hört sich das an, während sie im Staub steht in ihrem schwarzen Mantel und mehr schreit als spricht, sie klagt an, sie beschwert sich. Dann wird sie wieder leiser, als wäre ihr der Ton peinlich, als wollte sie die kultivierte Person in sich nicht vergessen. Sie will sich erinnern, wer sie war und wer sie noch immer gern wäre.

Und nicht diese Mutter, die ihren Sohn für ihre Tochter eintauschte, ein Leben gegen ein Leben – denn das war ihr Deal mit dem "Islamischen Staat". Du willst deine Tochter zurück?, fragte der Richter, wie sich der IS-Mann nannte. Gut, wie viele Söhne hast du? Drei, antwortete Samira, einer ist noch klein. Gib uns einen der Söhne, sagte der Richter.

Der größte Teil von Mossul ist befreit, ist voller freier Menschen. Verstörter Menschen. Hungernder Menschen. Menschen, deren Leben wieder beginnen sollte, aber sie glauben an keinen Beginn. Wer kann, geht weg, es scheint absurd im Moment der Befreiung, aber viele sind skeptisch bis zur Hoffnungslosigkeit. Was soll hier noch werden?

Der Westen der Stadt, westlich vom Tigris, ist dichter besiedelt als der Osten. Den Osten befreiten die irakische Armee und die Anti-IS-Koalition noch im Januar, der IS zog sich zurück und machte den Westen zu einer Festung. Hier ist die Stadt gezeichnet vom Krieg. Man sieht, dass die Befreier schnell sein wollen. Es gibt Viertel, in denen steht kaum noch ein Haus. Es gibt Luftangriffe, bei denen Dutzende Menschen sterben, gerade in den letzten Tagen. Da war dieses Haus knapp hinter der Front, ein Fehler der US-Luftwaffe, eine Luft-Boden-Rakete. 130 Tote. Mindestens.

Samira trägt ein gelbes Kopftuch, als sie auf die Pick-ups mit Essen wartet, der IS ist vertrieben, sie muss nicht mehr ganz in Schwarz sein, sie darf auch ihr Gesicht zeigen. Schwarz, die Farbe, sagt Samira, sie mag sie nicht mehr sehen.

Freiheit ja – aber mit Schleier

Doch noch immer muss sie sich verhüllen, die Gesellschaft von Mossul ist über die Jahrzehnte konservativ geworden, vor allem seit dem Irak-Krieg 2003. Immer mehr Männer mit islamischen Ideen aus dem 7. Jahrhundert waren danach in die Stadt geströmt, um zu predigen über die Ungläubigen, die Sünden, den Widerstand. Viele Jahre taten sie das. Das verschwindet nicht einfach so.

Samira, eine junge Frau mit Lust aufs Leben, heiratete einen Mann, der sie genau dafür liebte. Sie durfte leben, wie sie mochte, aber nur zu Hause. Sobald sie auf die Straße trat, galten die Regeln der Konservativen, der Sittenwächter.

Ihr Mossul ging unter, die Millionenstadt, dieser Ort für sunnitische Muslime und für Christen, für Kurden und für Jesiden, das alles klingt so weit weg wie Samiras Jugend. Sie sah machtlos zu, wie nichts blieb, wie es war. Wie es enger wurde, Jahr für Jahr, das Feiern nachts aufhörte, die Menschen zu Hause blieben, die Kleidervorschriften immer strenger wurden.

Es war, Samira konnte es nicht wissen, nur das Vorspiel. Sie konnte nicht wissen, dass ein Russe in ihre Stadt kommen würde, zusammen mit vielen anderen bärtigen Männern, und dass dieser Russe durch ihr Viertel fahren und kontrollieren würde, ob die Hosen der Männer kurz genug waren: bis zum Knöchel, und ihre Bärte voll genug.

Und dass dieser Russe ihre Tochter packen würde, 15 Jahre alt, um sie für sich zu beanspruchen, als seine Ehefrau.

An diesem Morgen nach der Befreiung kommt kein Pick-up mit Essen an die Kreuzung zu Samira. Sie geht mit leeren Händen nach Hause. Milliarden haben die USA und auch Deutschland investiert in diesen Krieg gegen die Terroristen, vor allem Donald Trump will in Mossul schnell gewinnen. Er hat dafür schon die Einsatzregeln für Luftangriffe gelockert, er schickt amerikanische Soldaten an der Seite der Iraker in den Häuserkampf. Vor der Stadt steht modernste Artillerie.

Nur hat, scheint es, niemand daran gedacht, dass die Menschen am Tag nach der Befreiung etwas essen müssen und etwas trinken, dass sie Strom und Wasser brauchen. Dass sie sich wieder wie Menschen fühlen wollen nach dem Horror der vergangenen Jahre, dass sie nicht, wie Samira, jeden Morgen zur Kreuzung gehen wollen in der Hoffnung auf die schiitischen Milizen, die als Einzige hierherkommen mit dem Nötigsten.

Zu sehen sind zwei Frauen, die aus einem Fenster gucken.

Samira und ihre Tochter Abla. Aus Angst vor Rache möchten sie unerkannt bleiben.


Samira war eine Studentin, eine junge Lehrerin; dann war sie nur noch Frau, mit immer weniger Rechten, die Frau eines Mannes. Und jetzt ist sie die, die morgens losgeht und hofft, dass sie etwas Fladenbrot mit nach Hause bringt.

Sie fühlt sich nicht mehr wie ein Mensch, sie fragt sich: Wie ist es so weit gekommen? Was ist aus mir geworden und aus uns allen? Warum hat das Böse über uns gesiegt? Wo ist meine alte Stadt, mein altes Leben?

Wo ist mein Sohn?, fragt sie sich, die eine Frage, die alles überwiegt, in ihrem Kopf vom Aufwachen bis zum Schlafengehen. Und dann erzählt sie.

stern-Korrespondent in Mossul: Der Krieg ist noch immer allgegenwärtig

Abu Qaswara und die Sittenpolizei

Von diesem einen Tag vor über einem Jahr, an dem sie ins Marktviertel von Mossul gingen, Samira und ihr Mann und ihre Tochter, sie brauchten Geld und wollten ihren Silberschmuck einschmelzen lassen. Es war Ramadan, der Fastenmonat, dazu die Julihitze, Samira war schwach, für einen Moment vergaß sie die Regeln, sie bedeckte ihr Gesicht nicht.

Ein Van kam auf sie zu, ein Hyundai Starex der Hisba, der Sittenpolizei. "Verbot der Sünde" stand darauf. Der Wagen hielt neben ihnen, heraus kam ein hagerer Mann mit einem rot gefärbten Bart, der sich Abu Qaswara nannte. Er stürmte auf sie zu. Warum sie sich nicht bedecke, schrie er.

Samira kannte Abu Qaswara, alle kannten ihn, er kam aus Russland, ein Konvertit, einer, der als Christ geboren war und sich für den strengen Islam begeisterte. Einer von denen, die mit der Eroberung von Mossul 2014 in die Stadt kamen und ihr Kalifat errichteten. Die Menschen in einem Swimmingpool ertränkten und den Todeskampf mit einer Unterwasserkamera filmten.

Es hieß, der IS-Führung liege an den öffentlichen Enthauptungen und dem Abhacken von Armen vor allem wegen Männern wie Abu Qaswara, ausländischen Dschihadisten, die der IS bei Laune halten wollte. Sie erwarteten, dass ihr Kalifat echt war, dass die Behörden wirklich die Regeln durchsetzten, an die sie glaubten.

Abu Qaswara sah an diesem Tag im Ramadan Samiras Tochter, Abla, sie war 15. Er sah sie lange an, von oben bis unten, dann sagte er: Ich will sie.

Was dann geschah, weiß Samira nur noch in Bruchstücken. Sie sah ihren Mann zusammensacken, er fiel zu Boden, bewusstlos. Sie sah sich selbst auf Abu Qaswara zustürmen, um ihn zu schlagen, und sie sah Abla, die war schneller. Abla schlug Abu Qaswara ins Gesicht. Samira traf ihn am Hinterkopf.

Sie dachte, sagt Samira, ihr Mann sei tot. Passanten blieben stehen neben ihnen, als Abu Qaswara und seine Männer den Vater wegtrugen und Samira und Abla packten. Samira glaubt, sie habe die Passanten noch rufen hören: Tut ihnen nichts! Bringt sie nicht weg! Dann schloss sich die Tür des Vans.


Die Männer verbanden ihnen allen die Augen. Als Samira wieder sah, war sie in einem Gefängnis der Sittenpolizei, einem Raum mit vielleicht 40, 50 anderen Frauen, neben sich ihre Tochter. In einer Ecke stand ein Fernseher, der den ganzen Tag Filme zeigte von der Front, den heldenhaften Soldaten des Kalifats und besonders denen, die sich von der Welt verabschiedeten, bevor sie sich in ein Auto setzten und vor den feindlichen Linien in die Luft sprengten.

Sie zeigt, als sie davon erzählt, eine Narbe an ihrem Handgelenk, eine der Frauen der Sittenpolizei biss ihr zur Strafe so lange in den Arm, bis da eine blutende Wunde klaffte.

Was ist aus mir geworden, fragte sich Samira, aus uns? Es war, als wäre sie in einem Horrorfilm aufgewacht, es war surreal, aber es passierte, es war wahr.

Eine junge Frau war da inhaftiert, die gerade ein Kind geboren hatte, sie war nicht verheiratet. Samira setzte sich mit Abla in eine hintere Ecke des Raums, als wäre das weit weg. Trotzdem bekam sie mit, dass die Frau abgeführt wurde, sie brachten sie auf einen Platz und ließen sie steinigen.

Irgendwann kam Samira frei, aber nicht Abla, weil die Abu Qaswara von vorn ins Gesicht geschlagen hatte und auch weil Abu Qaswara noch nicht von ihr abgelassen hatte. Er wollte sie, sobald sie freikam, als Frau zu sich bringen lassen.

Alle sind auf der Suche

Durch die Trümmer dieses ganzen Wahns ziehen heute Karawanen an Menschen, es sieht aus wie eine Völkerwanderung, manche gehen aus der Stadt hinaus in ein Flüchtlingslager, andere kommen von dort und wollen zurück in ihr Zuhause, sie tragen ihre Sachen in Plastiktüten mit sich, ihre Kleider sind staubig, und sie sehen aus, als hätten sie lange nichts getrunken.

Samiras Viertel gleicht einem Bahnhof des Lebens, alle sind auf der Suche. Er sei seit vier Stunden unterwegs, sagt ein älterer Mann, sein Gesicht ist faltig, er weiß nicht, wann er zuletzt etwas gegessen hat. Wenigstens hat es in Mossul in den vergangenen Tagen viel geregnet, sagt er, dann stellt er eine Schale in den Regen und trinkt davon.

Ein Mädchen hat seine Schwester an der Hand genommen, sie tragen rosa Pyjamas, als sie über die Trümmer balancieren. Überall hier verstecken sich Sprengfallen, niemand scheint daran zu denken.

Eine schwarz verhüllte Frau geht durch das zerbombte Haus ihrer Schwester, auf der Suche nach irgendetwas, etwas Brauchbarem. Ein Luftangriff hat die Familie, die hier lebte, begraben, niemand hat überlebt. Die Amerikaner bombardierten das Haus, weil sich IS-Leute auf dem Dach positioniert hatten. Inzwischen, sagen Überlebende, treibt der IS mehrere Familien in einem Haus zusammen und kämpft dann von diesem Haus aus.

Hunderte sterben so. Straßenzüge werden verwüstet. Angehörige ziehen durch die Trümmer, manche, weil sie die Toten sehen möchten und begraben, andere, weil sie hoffen, etwas zu finden, was ihnen fehlt, eine Decke oder eine Jacke vielleicht.

Die Männer, die jetzt noch für den IS kämpfen, unter Belagerung, wissen, dass sie sterben werden, es gibt keinen Ausweg mehr. So viele Menschen wie möglich sollen mit ihnen in den Tod gehen. Und die Welt soll aufgebracht werden gegen die USA, weil die zu leichtfertig bombardieren, zu schnell. Der IS will wenigstens den Propagandakrieg gewinnen, der Abscheu über die vielen zivilen Opfer soll alle Freude über die Befreiung überlagern.

Die Tochter im Tausch für einen der Söhne

Der IS wollte ein Staat sein, mit einem Steueramt, einer Müllabfuhr. Als Erstes führte er ein Justizsystem ein. Richter urteilten nach der Scharia, nicht nur in Strafsachen, auch bei Geld- oder Familienstreitigkeiten. Ein Richter entschied auch darüber, ob Abu Qaswara sich Abla nehmen durfte.

Samira und ihr Mann waren wieder zu Hause, aber ohne die Tochter, und Samira nahm ihren Mut zusammen und ging zu dem zuständigen Richter. Sie wurde zu ihm vorgelassen. Ein Syrer, das war gut, mit ihm konnte sie reden, auf Arabisch. Sie sprach über arabische Werte. Abla, sagte sie, ist ein Mädchen, sie muss bei uns sein, in der Familie. Außerdem sei sie psychisch krank, sagte Samira, eine Notlüge, sie brauche jeden Tag Hilfe, sie kann keine Ehefrau sein. Gib mir meine Tochter, flehte sie. Bitte!

Am Abend erzählte Samira zu Hause, was passiert war: dass der Richter einen Sohn verlangte. Die Tochter gegen einen Sohn. Aber bitte, mein Herr, nicht für den Krieg, hatte Samira den Richter gebeten. Dann als Arbeiter, sagte der Richter. Er meinte: als Sklave.

Samira war blass. Sie saß da in ihrem Wohnzimmer auf dem Sofa und wusste nicht weiter, und niemand konnte ihr helfen. Gib den Sohn, und du siehst ihn vielleicht nie wieder. Gib ihn nicht, und deine Tochter ist vielleicht ihr Leben lang einem Vergewaltiger ausgeliefert. Ich gehe, sagte Habib.

Ihr Zweitältester, 18 Jahre alt. Es wurde dunkel und wieder hell, und ganz früh am Morgen hielt ein Pickup vor ihrem Haus. Wir holen Habib, sagte der Mann. Samiras Sohn ging in seinem Chelsea-Trikot und der Adidas-Trainingshose aus dem Haus, mit nichts bei sich. Eine Umarmung.

Komm heil wieder, mein Junge. Sie versuchte nicht zu weinen.

Gebt auf euch acht.

Es ging schnell, noch vor Mittag lief die Mutter zum Gefängnis der Sittenpolizei und brachte Abla nach Hause. Ich liebe dich, sagte sie zu ihr. Dein Bruder hat sich für dich geopfert, sagte sie. Und dann konnte sie nicht mehr. Sie weinte.

Samira geht durch ihr Haus, heute, nach der Befreiung, als wäre sie eine Fremde in den eigenen Wänden. Im Treppenhaus sind die Fenster zerbrochen, hier positionierte sich Abu Qaswara, als die Front näher kam. Er suchte sich ihr Haus aus als seine Stellung, sagt Samira, seine Rache dafür, dass er Abla nicht bekommen hatte. Sein Ende sollte auch ihres sein, auf jeden Fall sollte ihr Haus entstellt werden.

Die Zimmer sind jetzt übersät mit Einschusslöchern, nachts kommt die Kälte durch die kaputten Fenster, sie leben noch immer ohne Strom. Einen Ziegelstein haben sie in einen Olivenöl-Kanister gesteckt, ein Loch seitlich, eines oben, innen etwas brennendes Gestrüpp, so entsteht Hitze. So kochen wir jetzt, sagt Samira, sie muss lachen.

Sie hatten Glück, so seltsam es klingt: Keine amerikanische Hellfire-Rakete traf ihr Haus.

Sie zeigt ihr altes Fotoalbum, die 80er und 90er Jahre, Ausflüge aufs Land, sogar eine Reise nach Jordanien. Ihre Hochzeit 1990, ihr Mann im Anzug, sie in einem engen weißen Brautkleid. Er war Ingenieur, ein stattlicher Mann, fast 100 Kilo schwer. Heute wiegt er 63. Samira zeigt eine Tasse, auf die ein Familienfoto gedruckt ist. 1999, ihr Mann trägt ein blaues Hemd, sie ein Kleid, ihre blonden Haare sind nach hinten gekämmt. Sie wirken zufrieden. Menschen im Irak, die so aussehen, so leben und so denken wie Europäer.

Als die Schusswechsel näher kamen, fand Samiras Mann ein Flugblatt auf dem Dach, auf dem stand in roter Schrift: Wir sind die irakische Armee, wir beschützen euch. Bleibt in euren Häusern, haltet euch von den Fenstern fern. Sie kauerten sich in ihren Flur, während Abu Qaswara vom Dach aus auf die Befreier schoss. Entweder, dachten sie, trifft uns eine Rakete, oder der Russe kommt und erschießt uns alle, bevor er flieht.

Eine Front ist laut, es ist schwer zu sagen, ob vor dem nächsten Haus geschossen wird oder einen Block weiter. Auf einmal wurde es still, erzählt Samira, sie schlichen zum Fenster und sahen schwarze Humvees auf der Straße, die irakische Armee. Als Erster ging der Vater die Treppe hoch, so leise es ging, überall waren Scherben, und oben auf dem Dach lag die Leiche von Abu Qaswara.

Ich wollte ihm gern mit einer Spritze das Blut aus dem Arm ziehen, sagt der Vater, und dann davon trinken.

Die alte Wut – und die neue

In Mossul spürt man keine Euphorie; wenn es sie geben sollte, versteckt sie sich. Da ist Misstrauen, weil ständig IS-Schläferzellen entdeckt werden und weil man sich das Misstrauen in den vergangenen Jahren angewöhnt hat – ein Fremder war meist eher schlecht als gut. Da ist überall Trauer, natürlich, weil fast jeder in Mossul jemanden verloren hat, einen Sohn, einen Vater, eine Tante oder eine ganze Familie. Da ist Wut, die alte, auf die sadistischen Verbrecher, denen sie ausgeliefert waren, und die neue auf die Befreier, die lieber zu schnell bombardieren als zu zögerlich und die sich nicht mehr um die Menschen kümmern, wenn die Front weitergezogen ist.

Wenn die Pick-ups vorbeifahren, mit den Hilfsgütern auf der Ladefläche, rennen die Jungen los, den Wagen hinterher, sie rennen durch den Staub und versuchen als Erste vor den Wagen zu stehen, wenn die halten. Sie drängeln sich, sie haben vor Hunger ihren Stolz vergessen, sie drängen Frauen wie Samira zur Seite. Sie haben diesen Tunnelblick auf die Ladefläche, haben alles um sie herum vergessen.

Als ihr Sohn Habib ein Flüchtlingscamp südlich von Mossul erreichte, sagt Samira, musste er sich mit Dutzenden anderen jungen Männern auf die Erde setzen. Verwandte haben ihr davon erzählt, die in das Camp geflüchtet waren. Es ist das Letzte, was sie von ihrem Sohn weiß.

Soldaten gingen zusammen mit einem vermummten Mann die Reihen ab, vor manchen blieb der Vermummte stehen. Er war ein Zivilist aus Mossul, ein Informant, der den irakischen Soldaten sagen sollte, ob einer der Flüchtlinge beim IS gewesen war. Die Iraker fürchten sich vor Terroristen, die sich den Bart abrasieren und sich unter die Flüchtlinge mischen.

Der hier, sagte der Informant, er deutete auf Habib. Dabei hatte Habib nicht gekämpft, sagt Samira. Sie fand heraus, dass ihr Sohn für den IS als Tellerwäscher gearbeitet hatte, in einem Restaurant. Ein Sklave: ohne Freiheit, ohne Rechte, ohne Lohn. Kein IS-Mann, ein IS-Opfer.

Vielleicht wusste der Informant das nicht. Oder er wollte sich rächen, warum auch immer. Oder er wollte den irakischen Soldaten zeigen, dass er nützlich ist. Die Soldaten packten Habib und brachten ihn weg. Samira weiß nicht, wo er gefangen gehalten wird und wie es ihm geht, sie weiß nicht, was er gefragt wird im Verhör und was er antwortet.

Die Frage nach Habib bleibt

Samira schluchzt, sie fleht: Warum fragt die Armee nicht Leute aus unserem Viertel, alle kannten Habib, alle wissen, was geschehen ist, sie könnten Habib entlasten. Samira ging zum Stützpunkt der irakischen Eliteeinheit in ihrer Nähe, der Goldenen Division, sie bat deren Kommandeur um Hilfe. Der wollte helfen, sagt sie, sie glaubte ihm, aber er konnte nichts tun.

Habib ist ein kleiner Fall, einer von Tausenden. Er kann verschwinden. Er kann wieder auftauchen. Wahrscheinlich kommt er irgendwann frei, dann fährt er nach Hause, zu seiner Mutter Samira, zu seinem Vater und zu seiner Schwester, für die er sich geopfert hat. Aber er wird dann ein anderer sein.

Sie alle sind andere geworden, die Menschen in Mossul. Samira und ihre Familie sind nicht mehr die, die sie damals waren, als sie ein Foto von sich auf eine Tasse drucken ließen. Die Geschichte ist wie eine Walze durch ihr Leben gezogen. Sie haben überlebt, aber sie sind gezeichnet. Sie sind dünn geworden und alt.

Samira steigt hinauf auf das Flachdach ihres Hauses, es ist hoch genug, dass sie Mossul überblicken kann. Sie sieht das Minarett der Moschee, in der Abu Bakr Al-Baghdadi damals das Kalifat ausrief, dort ist jetzt die Frontlinie. Sie hört die Detonationen, wenn eine amerikanische Rakete einschlägt oder ein Selbstmordattentäter sich in die Luft sprengt, sie sieht immer zwei oder drei schwarze Rauchsäulen aufsteigen aus ihrer Stadt.

Sie bleibt meistens nicht lange auf dem Dach. Hier gibt es kein Leben mehr, sagt Samira.