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Nach dem Euro-Gipfel Griechen schwingen die Nazi-Keule


Die Griechen packen die Nazi-Keule aus: Seit dem Euro-Gipfel kocht die Stimmung gegen die Deutschen im Allgemeinen und ihrer Kanzlerin im Speziellen hoch. Deutsche meiden Athens City.
Von Andreas Albes, Athen

Deutsche Panzer bringen neues Memorandum: Harte Sparmaßnahmen und ständige Beobachtung." So lautete am Freitag die Schlagzeile der Athener Tageszeitung "Eleftherotypia" nach dem Euro-Gipfel. Die Kommentatoren von "Ethnos" schrieben: "Merkels Erpressung: Schuldenschnitt und Gefangennahme Griechenlands." Und das Blatt "Avriani" barmte : "Ein Verbrechen an den Menschen – das ist die Lösung der Deutschen und des IWF. Das Land wird zur Kolonie, und die Griechen werden zu Sklaven mit Gehältern wie in Bulgarien."

Man hätte von den Griechen auch andere Reaktionen erwarten können, nachdem Europas Regierungschefs beschlossen haben, dem Land 100 Milliarden Euro seiner Schulden zu erlassen. Doch je härter die Krise den Staat trifft, desto mehr fühlen sich die Menschen als Opfer europäischer Politik. Und die wird nach Überzeugung einer Mehrheit vor allem in Berlin gemacht. Die Deutschen sind verantwortlich dafür, dass die Regierung in Athen eisern sparen muss, dass Gehälter gekürzt und Pensionsansprüche gestrichen werden.

Angela Merkel hat sich den Hass fast der ganzen Nation zugezogen, nachdem sie im Mai auf einer CDU-Veranstaltung im Hochsauerland sagte, die Griechen würden zu viel Urlaub machen und zu früh in Rente gehen. Selbst Sportzeitungen dreschen seitdem auf die Kanzlerin ein. Bevor Borussia Dortmund vergangene Woche zum Champions League-Spiel gegen Olympiakos Piräus anreiste, veröffentlichte das Blatt "Gavros" auf seiner Titelseite eine Fotomontage von Angela Merkel mit SS-Mütze. Dazu den Text: "Lasst uns die Deutschen vernichten, um den Griechen ein Lächeln zu schenken und das Vierte Ökonomische Reich zu demütigen." Und als das Endergebnis – 3:1 für Olympiakos – auf der Anzeigetafel blinkte, skandierten 33.000 Kehlen: "So werdet ihr von euren Schuldnern gefickt. Angela Merkel, du Tochter einer Hure!"

Deutscher Wohlstand dank griechischer Kunden

Auch renommierte Journalisten beteiligen sich an der Anti-Deutschland-Kampagne. Der Autor Giorgos Kyrtsos, der in den USA studiert hat, schrieb den Kommentar "Beginn des vierten Reichs". Seine Theorie: Die Bundesrepublik hat die Entwicklung der Europäischen Union vorangetrieben, um sich von ihrer NS-Vergangenheit zu lösen. Dabei sei die Hilfe Athens willkommen gewesen. "Jetzt jedoch unterdrückt Berlin wirtschaftlich schwache Staaten wie Griechenland. Es macht sie zu EU-Mitgliedern zweiter Klasse und zwingt sie zu bedingungslosem Gehorsam."

Eine weitere beliebte Theorie ist, dass die Deutschen ihren Wohlstand vor allem griechischen Kunden zu verdanken haben. Es sei ungerecht, die Rückzahlung der Schulden sowie strikte Sparmaßnahmen fordern, wo doch das meiste Geld in teure deutsche Exportprodukte geflossen sei. "Ohne uns Griechen", so hört man auf der Straße, "ginge es Deutschland nicht so gut." Wie wichtig der griechische Markt mit seinen nicht einmal elf Millionen Einwohnern für die deutsche Wirtschaft tatsächlich ist, wird dabei nicht hinterfragt.

Griechen stürmen Sitz der Task Force

Die Troika, jene Behörde aus EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank, die als Erfinder der verhassten Sparmaßnahmen gilt, ist nach Meinung vieler Griechen unter deutscher Kontrolle. Jetzt ist noch eine zweite Institution hinzugekommen, die ebenso verabscheut wird – die sogenannte Task Force. Sie ist so etwas wie die Exekutive der Troika und soll dafür sorgen, dass die griechische Regierung ihre Versprechen auch umsetzt: Dass der gigantische Beamtenapparat reduziert wird, dass Steuern eingetrieben werden, dass die Korruption bekämpft wird. Der Chef dieser Task Force ist nun ausgerechnet ein Deutscher: Horst Reichenbach, ein EU-Technokrat mit bestem Ruf, aber – wie gesagt – eben ein Deutscher.

Als seine Behörde ihr Büro in Athen bezog, titelte die rechtspopulistische Tageszeitung "Demokratia": "Das neue Hauptquartier der Gestapo." Daneben ein Foto des mehrstöckigen Gebäudes und ein roter Pfeil, der die genaue Lage der Räume anzeigt. Ungebetener Besuch ließ nicht lange auf sich warten. Am Tag vor dem großen Generalstreik vor einer Woche stürmten rund 40 Demonstranten den Sitz der Task Force. Reichenbach war zum Glück nicht da. Elf Mann besetzten die Büros und verjagten die Mitarbeiter, 30 weitere postierten sich auf der Straße vor dem Eingang. Sie blieben die ganze Nacht. Verwüstet wurde nichts. Am nächsten Morgen hing nur ein Plakat an der Wand: "Bezahlt für eure Krise alleine!"

Deutsche meiden Syntagma-Platz

Was passiert wäre, hätten die Eindringlinge Horst Reichenbach zu fassen bekommen, möchte man sich nicht ausmalen. Am Mittwoch gab er eine Pressekonferenz vor den griechischen Medien. Ob er der neue De-Facto-Regierungschef sei, wurde er gefragt. Und ob seine Anwesenheit in Athen nun das endgültige Ende der griechischen Souveränität bedeutet. Reichenbach antwortete so langsam als müsste er sich jedes Wort einzeln überlegen: "Ich bin auf Einladung von Ministerpräsident Papandreou hier. Wenn das nicht so wäre, würde ich mich wesentlich weniger zufrieden fühlen." Ein Reporter wollte wissen: "Wie fühlt man sich, als Gauleiter bezeichnet zu werden?" Er musste die Frage dreimal stellen, bevor Reichenbach reagierte: "Ich habe die meiste Zeit meines Lebens im Ausland gearbeitet und kann solche Kommentare deshalb nicht verstehen."

Zwar beteuern deutsche Unternehmer in Griechenland, dass sie nichts von den Anfeindungen zu spüren bekommen. Doch deutsche Beamte und deutsche Mitarbeiter der EU machen um das Stadtzentrum mit den ständigen Demonstrationen auf dem Syntagma-Platz lieber einen Bogen. "Nachher brüllt noch jemand: Schaut mal, da ist doch ein Deutscher", sagt einer.

Die griechischen Medien heizen die Stimmung weiter an. Und immer mit der Nazi-Keule. Eine Karikatur zeigt einen Wehrmachtssoldaten, der sagt: "Wer unter 1000 Euro verdient, trägt einen gelben Stern." Oder: Ein Skelett in schwarzer SS-Uniform und Angela Merkel begrüßen sich mit "Sieg Heil!", im Hintergrund ist der Eingang zum KZ Auschwitz zu sehen. Darüber steht: "Monetarismus macht frei."

Am Freitag wird der "Ochi"-Tag (Nein-Tag) begangen, der zweithöchste Nationalfeiertag. Er erinnert an die Weigerung der Griechen, sich Mussolini zu unterwerfen, was den Eintritt Athens in den Zweiten Weltkrieg bedeutete. Der Feiertag kommt für die Medien genau zur rechten Zeit. Die Tageszeitung "Dimokratia" erinnerte an die damaligen Geschehnisse mit den Worten: "Wir haben alles gegeben, um Europa zu befreien, und sie zahlen es uns heim mit Rachemaßnahmen und neuer Okkupation."


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