VG-Wort Pixel

Putin-Kritiker Acht Stunden Staats-TV am Tag: Nawalny klagt im Interview über "psychologische Gewalt"

Alexej Nawalny, Oppositionsführer aus Russland, steht hinter einer Scheibe im Moskauer Bezirksgericht
Alexej Nawalny, Oppositionsführer aus Russland, steht hinter einer Scheibe im Moskauer Bezirksgericht (Archivfoto)
© Alexander Zemlianichenko/AP / DPA
Der russische Oppositionelle und Putin-Kritiker Alexej Nawalny hat in einem ersten Interview aus der Haft in einem Straflager die Zustände kritisiert. Er müsse täglich mehrere Stunden Staatsfernsehen schauen und sprach von "Gehirnwäsche".

In seinem ersten Interview aus der Haft in Russland hat Kreml-Kritiker Alexej Nawalny den russischen Behörden schwere Vorwürfe gemacht. Der Oppositionsführer verglich in dem am Mittwoch veröffentlichten Gespräch mit der "New York Times" seine Strafkolonie in Pokrow 100 Kilometer östlich von Moskau mit einem chinesischen Arbeitslager und sprach von einer Art Gehirnwäsche, der er unterzogen werde.

Die Zeiten von auszehrender Arbeit in sowjetischen Gulags sei vorbei, sagte Nawalny der "NYT". Stattdessen werde nun "psychologische Gewalt" gegen die Häftlinge ausgeübt. So werde er gezwungen, täglich acht Stunden Kreml-treues Staatsfernsehen und Propagandafilme zu schauen. Lesen und schreiben dürfe er hingegen nicht. "Du musst auf einem Stuhl sitzen und auf den Fernseher schauen. "Außerdem weckten die Aufseher Häftlinge, wenn sie einschliefen. Seine Mithäftlinge piesackten ihn hingegen nicht, sagte Nawalny. Er habe sogar "Spaß" mit ihnen.

Nawalny vergleicht Straflager mit chinesischem Arbeitslager

"Sie stellen sich vielleicht tätowierte Muskelprotze mit Stahl-überkronten Zähnen vor, die Messerkämpfe austragen, um das beste Bett am Fenster zu ergattern", sagte Nawalny. Die Realität in seiner Strafkolonie sehe aber anders aus. "Sie müssen sich so etwas wie ein chinesisches Arbeitslager vorstellen, wo jeder in Reih und Glied läuft und überall Videokameras hängen. Es gibt konstante Kontrolle und eine Kultur der Spitzelei."

Insgesamt sollen 54 handgeschriebene Seiten mit Nawalnys Antworten bei den Journalisten angekommen sein. Seine Pressesprecherin Kira Jarmysch bestätigte auf Twitter, dass es sich um das erste Interview seit seiner Inhaftierung in dem Lager handelte.

Nawalny war am 20. August 2020 auf einem Flug vom sibirischen Tomsk nach Moskau zusammengebrochen. Zwei Tage später wurde der Oppositionspolitiker, noch im Koma liegend, zur Behandlung in die Berliner Charité gebracht. Nach Analysen westlicher Labors wurde Nawalny mit einem chemischen Nervenkampfstoff aus der in der Sowjetunion entwickelten Nowitschok-Gruppe vergiftet.

Nawalny: Russland werde "Fehler" Putin korrigieren

Nach der Behandlung in Deutschland wurde Nawalny bei seiner Rückkehr im Januar in Russland festgenommen und später wegen angeblicher Verstöße gegen Bewährungsauflagen zu mehr als zwei Jahren Lagerhaft verurteilt.

Der Oppositionelle zeigte sich in dem "NYT"-Interview zuversichtlich, dass Russland in eine Zukunft ohne Staatschef Wladimir Putin gehe. "Früher oder später wird dieser Fehler korrigiert und Russland einen demokratischen, europäischen Pfad der Entwicklung einschlagen", sagte Nawalny. "Einfach, weil das das ist, was die Menschen wollen."

Nawalny erneuerte seine Kritik an den USA und europäischen Regierungen wegen ihrer Sanktionen gegen Russland. Diese träfen das russische Volk schwerer als die Machthaber. In dem Interview der "New York Times" forderte der Oppositionspolitiker erneut harte Sanktionen gegen russische Oligarchen, die Putin unterstützen. 

rw DPA AFP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker