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Antoine Leiris nach Nizza-Attentat "Kann den Geruch von Kerzen nicht mehr ertragen"

Bei dem Anschlag auf das "Bataclan" in Paris hat Antoine Leiris seine Frau verloren. Mit "Meinen Hass bekommt ihr nicht" hat er direkt an die Attentäter geschrieben. Angesichts des Attentats von Nizza meldet er sich nun wieder zu Wort.

90 Menschen sind am 13. November letzten Jahres in Paris umgekommen, als Terroristen das Feuer auf Konzertbesucher im Musikclub "Le Bataclan" eröffneten. Eine der Toten war Hélène Leiris, die Frau von Antoine Leiris. Kurz nach ihrem Tod schrieb er auf Facebook einen offenen Brief an die Attentäter von Paris: "Meinen Hass bekommt ihr nicht" lautete der Titel seines Posts. Darin bezeichnete er die Täter als "tote Seelen" und verweigerte ihnen seinen Hass genauso wie den seines damals 17 Monate alten Sohnes.

Die bewegenden Worte seines Posts brachten Leiris viel Mitgefühl und Aufmerksamkeit aus aller Welt. Inzwischen ist auch sein Buch "Meinen Hass bekommt ihr nicht" im Blanvalet Verlag erschienen. Nun, nach dem Anschlag von Nizza, meldet er sich erneut zu Wort. Der stern veröffentlicht seinen Text "L'odeur des bougies"  (dt.: "Der Geruch von Kerzen") exklusiv in Deutschland.

"L'odeur des bougies"

Ich kann den Geruch von Kerzen nicht mehr ertragen. Davon muss ich mich übergeben. In Nizza, in Paris, in Orlando, in Istanbul, in Brüssel - und überall dort, wo sie den Tod gesät haben - sind es die gleichen Szenen. Die gleichen Bilder, die aufgehängt, die gleichen Blumen, die niedergelegt, die gleichen Kerzen, die angezündet wurden. Und der gleiche beißende Geruch, der in meinem Mund den Geschmack von vergossenem Blut hinterlässt. Ich dachte, ich hätte keine Tränen mehr. Ich dachte, das Schlimmste läge hinter mir. Ich dachte, ich hätte mich daran gewöhnt. Da täuschte ich mich. Bei jedem neuen Angriff habe ich geweint. Es waren Männer, Frauen, Kinder. Sie hatten Wünsche, Ängste, Träume, ein Leben. Sie sind tot. Und wir zünden eine Kerze an.

Gegen einen rasenden LKW, gegen mit Wut geladene Kalaschnikows, gegen tickende Bomben ist eine Kerze ganz schön wenig. Und dennoch ist es eine Waffe, die stärker ist als alle, die sie verwenden könnten. Weil an dem Tag, an dem der Tod uns gleichgültig ist, an dem Tag, an dem wir keine Kerzen mehr anzünden, werden wir so sein wie sie. Wesen, die keine Angst vor dem Tod haben. Doch wer den Tod nicht fürchtet, der hat Angst vor dem Leben. Lasst uns also den Tod fürchten und das Leben umarmen.

Am Tag danach habe ich eine Kerze angezündet, die ich auf mein Fensterbrett gestellt habe. Sie brennt heute noch. Sie erinnert mich an den Geruch der Angst, des Hasses, des Verzichts. Sie erinnert mich an die Dringlichkeit des Lebens.

Antoine Leiris
Aus dem Französischen von Eléonore Delair

tkr

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