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Panamericana: Die Welt buhlt um Lateinamerika

Chinas Präsident Hu Jintao war schon da. Auch der russische Präsident Dmitri Medwedew tourt durch Lateinamerika. Und eine angesehene Denkfabrik aus den USA rät Barack Obama, den Halbkontinent zum Zentrum seiner Außenpolitik zu machen. Nur leider beginnen dort wieder die militärischen Muskelspielchen.

Von Toni Keppeler

Weltpolitisch betrachtet, waren die vergangenen Jahre für Lateinamerika verlorene Jahre. Die letzten Bürgerkriege - außer dem in Kolumbien - waren durch Friedensverträge beendet worden, die Sowjetunion existierte nicht mehr und die USA hatten im Irak und Iran und in Nordkorea neue Schurken gefunden, die sie bekämpfen mussten. Niemand interessierte sich mehr für Lateinamerika. Nicht einmal, als dort in ganz demokratischen Wahlen ein linker Politiker nach dem anderen an die Macht gewählt wurde. Früher wäre das in Washington ein Anlass gewesen, über eine Militärintervention oder zumindest über verstärkte Geheimdienst-Tätigkeiten nachzudenken. Jetzt waren und sind sie mit anderen Weltgegenden beschäftigt.

Südamerika spielte zuletzt in der US-Politik allenfalls als Koka-Plantage eine Rolle und also förderte man mit Milliarden von Dollar in Kolumbien einen angeblichen Krieg gegen Drogen, der aber im Grunde nicht gegen das von dort stammende Kokain geführt wurde, sondern gegen die letzten Guerilla-Bewegungen Lateinamerikas. Die Aufständischen wurden militärisch geschwächt, die Koka-Plantagen aber wuchsen. Natürlich wurde auch das Wirtschaftsembargo gegen das sozialistische Kuba aufrecht erhalten und vordergründig sogar noch verschärft. Hinten herum aber stiegen die USA zum größten Lebensmittellieferanten der Insel der Gebrüder Castro auf.

Kehrtwende der Kubapolitik?

Die Politik des langsamen Erwürgens des kubanischen Kommunismus sei genauso gescheitert wie der Krieg gegen die Drogen in Kolumbien, stellt eine jetzt veröffentlichte Studie der Brookings Institution klipp und klar fest. Beides müsse grundsätzlich überdacht werden. Dem künftigen Präsidenten Barack Obama empfielt das Papier, Lateinamerika zu einem Zentrum seiner Außenpolitik zu machen. Kuba müsse von der Liste gestrichen werden, auf der die Regierung in Washington die Länder aufzählt, die ihrer Meinung nach den internationalen Terrorismus unterstützen. Alle Reise-Restriktionen ins sozialistische Nachbarland müssten aufgehoben und Kontakt zur dortigen Regierung gesucht werden. Kurz zusammengefasst wird da eine Kehrtwende der US-amerikanischen Kubapolitik der letzten 50 Jahre gefordert.

Wenn sich Obama nicht eilt, kann er zu spät kommen. Sein chinesischer Kollege Hu Jintao hat vor zwei Wochen Peru, Costa Rica und Kuba besucht. Derzeit reist sein russischer Kollege Dmitri Medwedew durch Brasilien, Peru, Kuba und Venezuela. Der Chinese ist dabei vor allem auf Einkaufstour. Lateinamerika soll mithelfen, den nahezu unersättlichen Rohstoff-Hunger des industriell aufstrebenden Riesenreichs im Osten zu stillen. Weltpolitik ist für Hu vor allem Handelspolitik. Medwedew dagegen ist weniger als Käufer denn als Handelsvertreter unterwegs. Sein Land verkauft massenhaft Kriegsgerät an die demokratisch gewählten Nachfolger der einst von Washington gehätschelten Militärdiktatoren. 2001 hatten die Lateinamerikaner russische Waffen für 300 Millionen Dollar gekauft. 2006 hatte sich der Umfang dieser Einkäufe verzehnfacht. Tendenz: weiterhin steigend.

Muskelspielchen wie im kalten Krieg

Medwedew kommt zeitgleich mit dem russischen Atom-Kreuzer "Peter der Große" nach Venezuela. Ein paar Jagdbomber sind dort schon seit ein paar Wochen zu Gast. In den nächsten Tagen werden die militärischen Gäste an Manövern der Armee Venezuelas in der Karibik teilnehmen. In Washington sieht man so etwas ganz gewiss nicht gern. Aber Hugo Chavez, der heißblütige Präsident in Caracas, hat sich schon immer in der Rolle des Underdogs gefallen, der dem großen Bruder im Norden ein bisschen auf der Nase herumtanzt. Und Medwedew rächt sich mit dem Manöver vor der Haustür der USA für die Unterstützung, die Georgien im Krieg um Ossetien und Abchasien aus Washington erhalten hatte.

Im Grunde ist Lateinamerika in einer komfortablen Lage. Um welche andere Weltgegend buhlen schon gleichzeitig drei Weltmächte? Muskelspielchen wie das Manöver in der Karibik aber weisen in eine gefährliche Richtung. Auch im Kalten Krieg stichelten sich die USA und die Sowjetunion, wo sie nur konnten. In Lateinamerika wuchsen sich solche Sticheleien schnell zu heißen Stellvertreterkriegen aus. Moskau und Washington bezahlten. Die Lateinamerikaner starben.