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Presseschau zum Terror in Frankreich: "Was soll mit den Muslimen in Europa passieren?"

Der Albtraum hat vorerst ein Ende. Die islamistischen Terroristen sind tot. Die Presse beschäftigt sich nun vor allem mit den Schockwellen, die noch lange zu spüren sein werden.

Zwei Tage nach dem Attentat auf die Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" hat die französische Polizei ein Versteck der mutmaßlichen Attentäter bei Paris gestürmt und die beiden Männer getötet. Zeitgleich beendeten Spezialeinheiten die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt im Osten von Paris. Der Täter wurde getötet, vier Geiseln kamen ums Leben.

Dieser Alptraum, den Frankreich in den vergangenen Tagen durchlebte, wird noch lange nachwirken, befürchtet die Presse.

Frankreich

Le Figaro: "Das Ende dieser Geiselnahmen bedeutet nicht das Ende des Krieges gegen Fanatiker. Es müssen alle Lehren aus diesen dramatischen Stunden gezogen werden. Man muss die Realität erkennen: "Allahu akbar" rufende Islamisten wollen unser Land zugrunde richten. Es ist dringend nötig, die Augen zu öffnen, und es diesen Menschen unmöglich zu machen, ihre finsteren Absichten in die Tat umzusetzen. Die Terroristen hatten alle eine kriminelle Vergangenheit, die unseren Nachrichtendiensten und der Justiz nicht hätte entgehen dürfen".

Le Monde: "Europa muss mit einer ernsten Realität leben, die nicht so schnell zu beseitigen sein wird: Die Wurzeln des Dschihadismus liegen in den Turbulenzen, die den Nahen Osten erfasst haben, wo Staaten wie Syrien, Libyen und der Irak sich auflösen. Die Welt der Muslime steckt auch in einem jahrhundertealten internen Religionskrieg. Es dürfte Jahrzehnte dauern, bis diese Region so etwas wie ein Gleichgewicht wiederfindet. Wir können nur sehr wenig dazu beitragen. Der Kampf gegen den islamischen Extremismus ist schwierig und erfordert ein langfristiges Engagement."

Deutschland

Augsburger Allgemeine: "Kritik müssen sich die Sicherheitskräfte vor allem dafür gefallen lassen, dass sie im Vorfeld die als gewaltbereite Islamisten bekannten Täter zu wenig überwacht oder ihr verbrecherisches Potenzial falsch eingeschätzt haben. Das darf sich nicht wiederholen, zumal nach dem Tod der Attentäter Racheakte drohen. Aber das wird nicht ausreichen: Frankreich muss endlich darangehen, die Integration der Muslime zu verbessern."

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Werden die Franzosen jetzt genauer und womöglich wohlwollender auf das schauen, was der rechtsextreme Front National im programmatischen Angebot hat? Dessen Anführerin Marine Le Pen macht schon den Eindruck, als sehe sie sich als Profiteurin des schrecklichen Geschehens. Der Präsident empfing Le Pen am Freitag im Elysée-Palast; allein das bedeutet eine Entstigmatisierung. Am Sonntag wird sie an einem Solidaritätsmarsch teilnehmen."

Hannoversche Allgemeine Zeitung: "Wo Angst herrscht, ist die Freiheit am Ende, die Unterdrückung perfekt. Angst kann man schwer umgehen, kaum ausreden und schon gar nicht verbieten. Zentral aber ist, inmitten dieser bedrängenden Ereignisse die Angst kleinzuhalten, sich von ihr nicht einschnüren zu lassen. Im Umgang mit Terroristen hat Deutschland da einige Erfahrungen aus dem vergangenen Jahrhundert beizusteuern. Sie lehren: Die Täter müssen mit aller Macht und allen Mitteln verfolgt werden - die Freiheit darf dabei jedoch nur soweit leiden, wie irgend nötig."

Österreich

Die Presse: "Wer eine Islamisierung Europas sieht, übertreibt dennoch maßlos. Die Anhänger dieser These sagen nicht oder trauen sich nicht zu sagen, was ihrer Meinung nach mit Muslimen in Europa passieren sollte: abschieben, selbst wenn sie unsere Staatsbürgerschaft haben? Internieren bis alles wieder gut ist? Es gibt in der Zivilisation, die die al-Qaida-Hinterwäldler angreifen, keinen Platz für derartige Ideen. Die muslimische Minderheit in Europa ist da, sie wird bleiben. Und wir müssen einen Weg finden, wie wir miteinander zurechtkommen. Daran müssen Muslime und Nichtmuslime kompromissbereit arbeiten. Das ist alternativlos."

Der Standard: Natürlich der Front National. Das ist die erste, naheliegende Antwort auf die Frage, wer wohl von dem Anschlag auf die "Charlie Hebdo"-Redaktion profitieren wird. Frontisten-Chefin Marine Le Pen reagierte wie immer als eine der Ersten und verlangt einmal mehr die Wiedereinführung der Todesstrafe sowie eine Einwanderungsbremse. (...) Die Todesstrafe wird selbsternannte islamistische Märtyrer gewiss nicht abhalten. Wichtiger wird es sein, dass die französische Regierung die neue Solidaritäts- in eine Aufbruchsstimmung zu verwandeln vermag."

Schweiz

Neue Zürcher Zeitung: "Gefühle von Misstrauen und Angst stachelt (Parteichefin) Marine Le Pen mit ihrem Front national sehr gezielt an, und die laufende Terrorwelle in der Region Paris hilft ihr dabei. Zunächst verspricht sie mehr Polizei, um Terroristen und sonstige Kriminelle zu bekämpfen. Ausserdem will sie die Todesstrafe wieder einführen, um Terrorakte zu sühnen. Nicolas Sarkozy hat früher als Präsident gezeigt, dass er durchaus auch eine Neigung zu Polizeimethoden hat. Auch der Linken sind solche nicht fremd, wie Premierminister Manuel Valls schon gezeigt hat. In Frankreich geht es jetzt darum, ob die Freiheit erhalten bleibt oder ein autoritäres Modell siegt. Im letzteren Fall hätten die Islamisten ihr Ziel erreicht: die Abschaffung der offenen Gesellschaft - und das ausgerechnet im Land der Aufklärung."

feh/ivi/DPA/AFP / DPA