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Internationale reaktionen "USA und Russland sind Komplizen der Barbarei in Syrien"

Syrien Pressestimmen
Freiwillige Helfer versorgen die Opfer des mutmaßlichen Giftgasangriffs in Chan Scheichun, Syrien
© Syria Civil Defence/ZUMA Wire/DPA
Welche Folgen hat der Giftgasanschlag von Syrien für die Weltpolitik? Und wer trägt die Verantwortung für das Massaker? So wird die aktuelle Lage in der internationalen Presse diskutiert und kommentiert.

Nach dem Giftgasangriff in Syrien wird in der internationalen Presse eine schnelle Aufklärung und Ahndung des Massakers gefordert. Die Rolle der USA und die von Russland werden ebenso diskutiert wie die Frage, was Europa jetzt tun kann - und muss. Die Kommentare der europäischen Tageszeitungen:

"Guardian" (Großbritannien): "Europa ist zutiefst besorgt, nicht zuletzt angesichts der möglichen Folgen für seine eigene Sicherheit, und es hat erneut geltend gemacht, dass (der syrische Präsident) Assad in der Zukunft keine Rolle mehr spielen darf. Dass Europa jedoch nur eingeschränkte Möglichkeiten hat, wird durch die Tatsache unterstrichen, dass der Angriff nur wenige Stunden vor dem Beginn einer zweitägigen Konferenz der UN und der EU in Brüssel über Syriens Zukunft erfolgte. (...)  

Mehr als 190 Staaten, darunter Syrien, haben die Konvention zum Verbot von Chemiewaffen unterzeichnet. Inzwischen warnen Experten, dass deren Einsatz wieder als normal betrachtet werden könnte. Die internationale Gemeinschaft, die sich an die Verwendung von Chlorin als Waffe scheinbar bereits gewöhnt hatte, ist über den Angriff am Dienstag wegen der hohen Zahl von Toten sowie wegen des Verdachts auf den Einsatz von Sarin entsetzt.

Wenn man die Täter schon nicht stoppen konnte, so müssen nun wenigstens alle Anstrengungen unternommen werden, um sie irgendwann vor Gericht stellen zu können. Sollte sich die Straflosigkeit als dauerhaft erwiesen, könnte eine solche Tragödie für das syrische Volk auch katastrophale Folgen für viele andere haben."

"Auch Obama ließ Assad rote Linie überschreiten"

"Der Standard" (Österreich): "Es ist keine große Überraschung, dass die USA unter Donald Trump sich nun mehr oder weniger offiziell von der Priorität verabschieden, das Assad-Regime zu stürzen. Genau genommen hat das bereits Barack Obama getan, der in Syrien seine selbstformulierten "roten Linien" - einen Giftgaseinsatz des Regimes - überschreiten ließ und nicht gegen Assad, sondern 2014 gegen den "Islamischen Staat" militärisch intervenierte. Unter Trump wird dieses militärische Syrien-Engagement nun hinaufgefahren. (...) Parallel dazu bleiben die USA an der diplomatischen Front auf Tauchstation, ihre Funktion als Anwalt der syrischen Opposition haben sie niedergelegt."

"de Volkskrant" (Niederlande): "Russland leugnet, ebenso wie Syrien, jegliche Beteiligung. Dennoch ist Moskau, obwohl es eine große Rolle bei der Entsorgung syrischer Chemiewaffen spielte, als militärischer Bündnispartner weitgehend mitschuldig an den Verbrechen der syrischen Armee.

Der heutige (und zur Zeit einzige) 'Plan' für Syrien besteht im Wegbombardieren der Opposition von (Syriens Präsident Baschar al-) Assad. Und das mit überproportionaler Gewalt unter dem Deckmantel eines schlappen "Friedensprozesses".

Selbst dieser Plan droht nun zu versagen. Für das Weiße Haus stellt ein Regimewechsel nicht länger eine Option dar, aber auch Präsident Trump muss sich fragen lassen, ob die Untätigkeit Amerikas nicht zu weit geht."

"El Pais" (Spanien): "Der brutale Angriff mit Giftgas, der gestern auf die Bevölkerung im syrischen Chan Scheichun verübt wurde - einem Gebiet, das von Rebellen kontrolliert wird, die gegen die Diktatur von Baschar al-Assad sind - ist ein neuer Beweis dafür, dass in diesem Bürgerkrieg, der seit sechs Jahren andauert, alle zulässigen Grenzen bezüglich der internationalen Vereinbarungen zur Kriegsführung überschritten werden.

Der Einsatz chemischer Waffen ist ein Kriegsverbrechen an sich, aber er ist noch verwerflicher - wenn das überhaupt möglich ist - wenn sich unter den Todesopfern Zivilisten befinden, darunter mindestens ein Dutzend Kinder. (...) Die Grausamkeit, mit der der Angriff zu einer Stunde durchgeführt wurde, in der die Mehrheit der Bevölkerung völlig ahnungslos schlief, zeigt die vorsätzliche und mit nichts zu rechtfertigende Grausamkeit seiner Autoren."

"La Croix" (Frankreich): "Das erste Ziel ist es, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren. Womöglich soll sie aus der Stadt Chan Scheichun gedrängt werden, um eine spätere Offensive vorzubereiten. Eine weitere Absicht könnte sein, (US-Präsident) Donald Trump zu testen, dessen Haltung gegenüber dem syrischen Regime bisher zögerlich ist. Wenn er den Einsatz von Giftgas nicht als 'rote Linie' sieht, die zu Zwangsmaßnahmen führt, würde dies die Lage von (Syriens Präsident) Baschar al-Assad stärken. Ein solches Kalkül ist erschreckend, wenn es Menschenleben in Kauf nimmt."

Syrien: Angriff bringt USA in schwierige Lage

"Le Monde" (Frankreich): "Dieser Angriff bringt die USA und Donald Trump in eine schwierige Lage. Erst kürzlich frönte man in Washington dem Realismus: Was man auch immer denke, Baschar al-Assad sei ein Schutzwall gegen den Dschihadismus. Am Dienstag hieß es dann von Trump, 'die zivilisierte Welt' könne eine Schande wie den Angriff auf Chan Scheichun nicht einfach ignorieren. (...)

Die (Friedens-)Verhandlungen sind an einem toten Punkt angelangt. Die zunehmend passiven Amerikaner und die Russen, die von einer Blockade in Syrien bedroht sind, sprechen kaum miteinander. (...) So sind beide Komplizen einer Barbarei, die allein die Vorstellung eines innersyrischen Dialogs unmöglich erscheinen lässt. (...)

Der Angriff vom Dienstag (...) ist die Fortschreibung einer sich ständig wiederholenden Tragödie. Ohne ein entschiedenes russisch-amerikanisches Handeln, das sowohl die 'Assad-Frage' als auch den Dschihadismus angeht, wird es weitere, genauso grausame Episoden geben."

"Politiken" (Dänemark): "Bis jetzt haben sich die USA unter Trump an die Seitenlinie gesetzt und Syrien Assad überlassen, ungeachtet dessen, dass seine Legitimität vollkommen verschwunden ist. Das ist eine Tragödie für das syrische Volk und eine schmerzliche Niederlage für die Werte, für die der Westen stehen sollte. (...) Egal, was die USA tun oder nicht tun, kann Europa Syrien immer noch helfen. Wir könnten das Sammeln von Beweisen für Kriegsverbrechen unterstützen, damit sie vor Gericht kommen, die verbleibenden demokratischen Kräfte unterstützen und sichern, dass die humanitäre Nothilfe genug Geld hat. Das einzige, was wir nicht tun dürfen, ist wegsehen und aufgeben."

tim DPA

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