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Protest in der Ukraine Vitali Klitschko, der ohnmächtige Hoffnungsträger


Die Ukrainer begehren gegen ihre Regierung auf. Mit den prowestlichen Demonstranten protestieren auch gewaltbereite Nationalisten. Das Gesicht der Opposition, Vitali Klitschko steht machtlos daneben.
Von Niels Kruse

Vieles erinnert an den Spätherbst vor neun Jahren. Auch damals strömten die Ukrainer zu Hunderttausenden ins Kiewer Stadtzentrum. Und wie damals richtet sich der Protest gegen Viktor Janukowitsch. 2004 war er gerade zum Präsidenten gewählt worden, in einer Wahl, die als Farce galt. Und damals wie heute ist es seine Treue zu Russland, die den Volkszorn erregt. Damals hießen die Oppositionsführer Viktor Juschtschenko und Julia Timoschenko, heute Vitali Klitschko, Boxweltmeister und Doktor der Sportwissenschaft, Wohnsitz in Kiew und in Hamburg.

Von einer orangefarbenen Revolution wie 2004 ist die Ukraine noch weit entfernt, dabei geht es, wie so oft in dem Land, um die eine große Frage, auf die es wohl so schnell keine befriedigende Antwort geben wird: Soll sich die Ukraine Richtung Osten, also Russland orientieren – so wie es Janukowitsch und ein Großteil der Ukrainer wollen? Oder Richtung Westen, also EU - so wie es Vitali Klitschko und viele Großstädter zum Beispiel in Kiew wollen? Mit diesem Richtungsstreit hadert das ganze Land seit Jahren, und auch die aktuellen Demonstrationen haben sich daran entzündet. Sie begannen als Protest gegen die Nicht-Unterzeichnung des Assoziierungsvertrags mit der EU und haben sich in wenigen Tagen zum Protest gegen die Regierung ausgeweitet.

Demonstranten trotzen Schnee und Kälte

Mittendrin ist auch Vitali Klitschko. Seit 2012 sitzt er im ukrainischen Parlament als Spitzenmann seiner Partei Udar, was "Schlag" bedeutet und zugleich die Abkürzung für "Ukrainische demokratische Allianz für Reformen" ist. Seit einigen Tagen tritt er bei den Massenkundgebungen auf, reckt seine im Ring gefürchtete rechte Hand in die Höhe und skandiert Parolen wie: "Wir sind ein europäisches Land - mit unserer Mentalität, unserer Geografie - und wollen der Europäischen Union beitreten". Mit solchen Forderungen wärmt er die Herzen der Ukrainer, die auf dem Kiewer Platz der Unabhängigkeit ihre Zeltlager aufgebaut haben und von dort trotz Schnee und klirrender Kälte nicht weichen wollen.

Wie erfolgreich die Opposition dieses Jahr ist und ob sie einen Sieg wie bei der orangefarbenen Revolution wiederholen kann, ist ungewiss. Klitschko selbst gilt zwar als unverbrauchter Hoffnungsträger, doch der Großteil der Regierungsgegner ist zerstritten, hat sich durch Korruption während ihrer Amtszeit unglaubwürdig gemacht oder sitzt im Gefängnis wie Julia Timoschenko. Geeint werden sie vor allem durch zwei Dinge: Zum einen soll am Dienstag Regierungschef Nikolai Asarow durch ein Misstrauensvotum abgewählt werden und zum anderen lehnen sie den prorussischen Kurs von Präsident Janukowitsch ab. Und der damit verknüpften Angst, dass sich Russland die Nachbarn wie zu Sowjetzeiten wieder einverleiben könnte.

Der Feind meines Feindes ist mein Freund

In der Ukraine aber gibt es noch eine Besonderheit, die schon jetzt für Unmut sorgt: Denn viele Pro-EU-Demonstranten gelten als rechts und nationalistisch. Aus ihren Reihen soll die Gewalt gegen die ukrainische Polizei ausgegangen sein, durch die zuletzt rund 100 Sicherheitskräfte und rund 30 Demonstranten verletzt worden waren. Der Grund für die auf den ersten Blick unpassende Kombination ist relativ simpel: Die Nationalisten lehnen jede Einmischung Russland in ukrainische Angelegenheiten ab und unterstützen daher die prowestlichen Demonstrationen. Getreu dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Gemäßigte und ambitionierte Führer wie Vitali Klitschko allerdings sind wenig begeistert von den neuen Anhängern. Als am Sonntag gewaltbereite Demonstranten mit einem Radlader in die Polizeimenge fuhren, flogen anschließend Steine, die Lage eskalierte. Später dann mischte sich Klitschko ein, der mit einem Megaphon die Radikalen beschimpfte: "Seid ihr wahnsinnig, ihr gehört nicht zu uns", brüllte er, wie in einem Beitrag der "Tagesschau" zu sehen ist. Kaum jemand hörte auf ihn.


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