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Raketenschutzschilder: Star Wars

Seit 20 Jahren bauen die USA an einem Raketenschutzschild. Selbst wenn er bisher nicht mal im Test funktioniert, planen die Amerikaner, ab 2011 auch ein solches System in Polen und Tschechien zu installieren.

Der Auftrag sah wie Routine aus: Roman Kuzniar, außenpolitischer Berater des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, sollte eigentlich nur ein Gutachten schreiben. Thema: Wie wirkt sich der geplante Raketenschild der Amerikaner auf die Sicherheit Polens aus? Zehn Abwehrraketen sollen nach den Plänen der USA in Polen stationiert werden, die zugehörigen Frühwarnsysteme werden in Tschechien installiert. Kuzniar schrieb das Gutachten - und war danach seinen Job los. Präsident Kaczynski, der den Plänen der Amerikaner gern zustimmen möchte, hatte sich von seinem Berater offenbar eine Ermunterung gewünscht. Doch das Urteil des Diplomaten fiel anders aus.

"Der Raketenschild ist im strategischen Sinne überflüssig", urteilte Kuzniar. "Es gibt keine Bedrohung, die dieses Schild rechtfertigt." Für Polen seien die Pläne außerdem gefährlich. Das Land werde nicht sicherer, sondern unsicherer. Ein neuer Rüstungswettlauf mit Russland drohe. Und Wladimir Putin, der den Raketenschild bei der Münchner Sicherheitskonferenz wütend verurteilt hatte, habe in vielem recht. "Das war ein Verzweiflungsschrei", urteilte der polnische Gutachter.
Tatsächlich rätseln Beobachter weltweit, was die Amerikaner mit dem milliardenschweren Rüstungsprojekt an der Nato-Grenze zu Russland bewirken wollen. Vor Raketen aus "rogue states", Schurkenstaaten, solle der Abwehrschirm schützen, betonen die Amerikaner immer wieder. Doch die Frage, wessen Raketen eigentlich abgeschossen werden sollen, scheint nicht eindeutig geklärt. Wollte der Iran die USA angreifen, würde er tatsächlich die Route über den Nordpol wählen, und dagegen scheint ein Raketenabwehrsystem in Mitteleuropa sinnvoll. Allerdings ist der Iran höchstens in der Lage, Raketen mit einer Reichweite von 1300 Kilometern abzufeuern. Sie könnten theoretisch Tiflis in Georgien treffen - sie erreichten jedoch nicht Washington, nicht mal den Nordpol. Und daran wird sich über viele Jahre nichts ändern.

Raketen aus Nordkorea würden am Raketenabwehrschirm in Polen Tausende Kilometer östlich vorbeifliegen. Auch die Russen, die der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates jüngst in einer Reihe mit dem Iran, Nordkorea und China genannt hatte, würden die USA kaum über den Westen angreifen. Russische Langstreckenraketen sind seit Sowjetzeiten im Fernen Osten gebunkert - der direkte und kurze Weg in die USA führt gen Ost.
Umstritten ist außerdem, ob ein Raketenabwehrsystem überhaupt gegen einen atomaren Angriff schützen kann. Schon die Vorläufer des heutigen Raketenschildes, die in den 70er Jahren in den USA, in Israel und der Sowjetunion stationiert waren, galten als wenig präzise. Heute ist die Elektronik zwar verfeinert, doch die wesentlichen Probleme sind noch immer nicht gelöst. Philip Coyle, früher im Pentagon zuständig für die Raketentests, fasste seine Erfahrung nach 20 Versuchsjahren und Milliarden Dollar Kosten im vergangenen Jahr so zusammen: "Die Sache funktioniert nicht richtig. Seit vier Jahren hat es nicht einen einzigen erfolgreichen Test mehr gegeben."

Wer eine Rakete sicher treffen will, hat nur zehn bis fünfzehn Sekunden Zeit: Am einfachsten gelingt ein Abschuss etwa bis eine Minute nach dem Start. Die Rakete ist durch ihren Feuerschweif gut zu erkennen und fliegt noch relativ langsam. Allerdings muss sie eine Höhe von zehn Kilometern erreicht haben, damit ein Radargerät sie überhaupt erfassen kann.
Schon eineinhalb Minuten nach der Zündung ist der Abschuss wesentlich komplizierter. Die große Trägerrakete hat sich gelöst, nur der kleine, etwa ein bis zwei Meter lange Sprengkopf schießt durch die Erdatmosphäre. Weil sich im luftleeren Raum keine Druckwelle per Explosion erzeugen lässt, kann nur noch ein direkter Aufprall einen Sprengkörper zerstören. Um einen solchen Zusammenstoß zu verhindern, haben sich mit dem angreifenden Sprengkopf zugleich Dutzende Attrappen von der Trägerrakete gelöst, die das Radar vom echten Sprengkopf überhaupt nicht unterscheiden kann.

Ein Abschuss in dieser Phase muss außerdem punktgenau sein. Fliegt die Abwehrrakete nur zehn Zentimeter am Sprengkopf vorbei, kann sie ihn nicht vernichten. Auch der Abschuss in der Schlussphase ist schwierig: Den Abwehrsystemen bleibt weniger als eine Minute für den Gegenschlag. Eine Übung unter realistischen Bedingungen ist kaum möglich. Im Test ist die Flugbahn der abzuschießenden Rakete immer bekannt, sie ist also wesentlich leichter abzufangen als während eines echten Angriffs.
In der Diplomatie hat die Raketenabwehr schon jetzt eine Menge Sprengkraft entwickelt. Und Schaden angerichtet. Amerika - das haben vor allem während der ersten Amtszeit von Präsident Bush Leute wie Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz und Dick Cheney formuliert - müsse jedem möglichen Gegner militärisch haushoch überlegen sein und brauchte darum auch einen Raketenschutzschild. Diese Pläne empfindet Russland inzwischen als Aufforderung, den Rüstungswettlauf wieder aufzunehmen. "Wir können eine Entwertung unseres Abschreckungspotenzials nicht hinnehmen", sagte der Kommandeur der Nuklearraketen-Truppe, Generaloberst Nikolaj Solowzow.

Schon die Osterweiterung der Nato hat Russland als offenen Affront begriffen, als Eindringen in die traditionelle Einflusssphäre der ehemaligen Supermacht. Seit auch die Ukraine und Georgien in das Militärbündnis streben, ist die Stimmung noch schlechter geworden. Waffensysteme des ehemaligen Erzfeindes beim ehemaligen Bündnispartner Polen zu sehen erregt Politiker wie Militärs in Moskau. Von den Plänen, die amerikanische Raketenabwehr auf Polen und Tschechien auszuweiten, fühlt sich Moskau überrollt. Russland, in Sonntagsreden im Westen gern als "wichtiger Partner" gepriesen, sieht sich mal wieder als Verlierer, isoliert, gedemütigt - und zu Muskelspielen provoziert.

Als Antwort auf die Raketenabwehr will Moskau nun seine Atomraketen modernisieren, so der ehemalige Verteidigungsminister Sergej Iwanow. Putin drohte gar, den Abrüstungsvertrag mit den USA über die Vernichtung aller nuklearen Kurz- und Mittelstreckenraketen aufzukündigen. Polen forderte von den Amerikanern deshalb schon zusätzliche Luftabwehrraketen mit kürzerer Reichweite, falls das Verhältnis zu Russland noch schlechter wird. "Dank des Raketenschildes wird Polen nie wieder unter russischen Einfluss gelangen", freute sich der polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski. In Russland redet man derweil bereits von Waffensystemen, die den Raketenschild überwinden können. Mit der Entwicklung dieser steuerbaren Sprengköpfe hatte man Ende der 80er Jahre aufgehört. Damals, als der Kalte Krieg zu Ende ging.

Bettina Sengling; Peter Thomsen / print