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"Kalifat" vor dem Zerfall?: IS verliert Rakka - Tausende starben in der Terroristen-Hochburg

Sie war die Hochburg der Mörderbande vom Islamischen Staat: Die Stadt Rakka im Norden Syriens. Von hier planten die Terroristen ihre Anschläge, hier führten sie öffentliche Hinrichtungen durch. Jetzt eroberten kurdisch geführte Truppen Rakka offenbar zurück.

Die ehemalige Hochburg des Islamischen Staates (IS), Rakka, ist einem kurdisch geführten Bündnis zufolge nach monatelangen Kämpfen von der Herrschaft der Dschihadisten befreit. Die Militäroperation der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) in der ehemals inoffiziellen Hauptstadt der Extremisten sei beendet, sagte ihr Sprecher Talal Silo der Deutschen Presse-Agentur. Nun werde nach letzten Widerstandsnestern der Kämpfer des Islamischen Staates gesucht.

Mit dem Fall Rakkas verliert der IS, der die Stadt 2014 erobert hatte, nach Mossul im Nordirak auch seine wichtigste Hochburg in Syrien. Als heimliche Hauptstadt der Extremisten war der schmucklose Ort am Fluss Euphrat Zentrum der Anschlagsplanung der mächtigsten Terrororganisation der Welt. In Rakka, das einst mehr als 200.000 Einwohner zählte, wurden in den vergangenen Jahren nach Einschätzung westlicher Geheimdienste Angriffe globalen Ausmaßes geplant.

Öffentliche Hinrichtungen im Zentrum von Rakka

Nachdem sich in den vergangenen Tagen bereits Hunderte syrische IS-Kämpfer ergeben hatten, kämpften zuletzt nur noch einige Dutzend ausländische Dschihadisten im Zentrum der Stadt. Tausende Zivilisten hatten fliehen können.

Nach der Befreiung des nationalen Krankenhauses sowie des bedeutenden Naim-Platzes hielten die Extremisten am Ende nur noch ein Stadion im Zentrum. Auf dem Naim-Platz hatte der Islamische Staat öffentliche Hinrichtungen ausgeführt. In den kommenden Tagen werden die Kämpfer die teilweise schwer zerstörte Stadt nach letzten Widerstandsnestern und Sprengfallen durchsuchen.

Der IS hatte in den vergangenen Monaten bereits die wichtigsten Teile seines Herrschaftsgebietes in Syrien und im Irak verloren, in dem er einst ein "Kalifat" ausgerufen hatte. Nachdem die Extremisten an fast allen Fronten zurückgedrängt wurden, bleibt ihnen als Rückzugsort neben größeren Wüstenregionen nur noch das Siedlungsgebiet am Euphrat im Grenzgebiet von Syrien und dem Irak.

Tausende Menschen starben

Das siegreiche SDF-Bündnis wurde bei der Schlacht um Rakka von Luftangriffen der US-geführten internationalen Koalition sowie durch Spezialeinheiten am Boden unterstützt. Die Bombardements töteten dabei auch Hunderte Zivilisten. Die humanitäre Situation in der Stadt war in den vergangenen Monaten teilweise desaströs. Hunderttausende Unbeteiligte waren vor den Kämpfen aus der Region geflohen.

Die Kämpfe um die ehemalige IS-Hochburg in Nordsyrien haben nach Angaben von Menschenrechtlern 3250 Menschen das Leben gekostet - darunter mehr als ein Drittel Zivilisten. Nach Zählung der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte waren 1130 der Menschen Unbeteiligte.

Die SDF werden von den kurdischen Volksschutzeinheiten YPG geführt, ihm gehören aber auch arabische Kämpfer an. Im November vergangenen Jahres hatten die SDF die Offensive auf Rakka begonnen. Nachdem die Stadt eingekreist worden war, begann der Sturm auf die IS-Bastion Anfang Juni.


Benno Schwinghammer/DPA/wue