VG-Wort Pixel

Ukraine-Krieg Wie es in den von Russland annektierten Gebieten weitergehen könnte. Sieben Szenarien

Putin und die Vertreter der annektierten Regionen
Illegale Einigkeit: Die von Moskau ernannten Vertreter der Regionen Cherson, Wladimir Saldo, und Saporischschja, Jewgenij Bki, der russische Präsident Wladimir Putin, der Separatistenführer von Donezk, Denis Puschilin, und der Separatistenführer von Luhansk, Leonid Passetschnik, reichen sich die Hände
© Dmitry Astakhov / Sputnik / AFP
Seit Freitagnachmittag gehören die vier besetzten ukrainischen Gebiete zu Russland – zumindest aus Sicht des Kremls. Die Truppen Kiews werden weiter versuchen, sie zurückzuerobern. Mit welchen Folgen? Sieben mögliche Szenarien.  

Im Fernsehen lief ein unübersehbarer Countdown zur "Unterzeichnung der Verträge zum Beitritt neuer Regionen zur Russischen Föderation" herunter.  Auf dem Roten Platz und anderen Ecken der Hauptstadt Moskau finden große Kundgebungen statt, die Rekrutierer für Massenveranstaltungen locken bereits seit Tagen die Menschen mit Rubeln zur Teilnahme. Die riesige Show hat allein den Zweck, dem Land (und wohl der Führung) eine gigantische Begeisterung für den Anschluss der besetzten ukrainischen Gebiete vorzugaukeln. Höhepunkt der Feierlichkeiten: die Rede von Staatschef Wladimir Putin. Die war voll mit teilweise bizarren Tiraden gegen den Westen, über den Krieg an sich aber machte er nur vage Andeutungen. 

Nächste gewaltsame Grenzverschiebung

Mit der Annexion der vier besetzten Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja verschiebt Russland erstmals seit der Einverleibung der Schwarzmeer-Halbinsel Krim 2014 wieder gewaltsam Grenzen in Europa. Weder der Überfall des Nachbarlandes, noch die Referenden oder der Anschluss sind durch das Völkerrecht gedeckt. Allein: Es gibt keine Partei, die Russlands Verstöße ahnden könnte oder wollte. Die Ukraine hat allerdings das Recht auf Selbstverteidigung und fordert die Lieferung schwerer Waffen vom Westen. Die Führung in Moskau hat jedoch  bereits deutlich gemacht, dass sie alle Angriffe auf die besetzten Gebiete als Angriff auf ihr Territorium betrachtet – und selbst eine Reaktion mit Atomwaffen nicht scheut.

Was also passiert nun, wenn Russland seine Hand auf den Osten und Süden der Ukraine hält? Sieben Szenarien:

  • Russland erklärt, dass mit der Annexion alle Kriegsziele erreicht seien und beendet die weiteren Kämpfe in der Ukraine. Der Präsident des Landes, Wolodymyr Selenskyj, aber bleibt bei seiner Ankündigung, sämtliche Gebietet zurückerobern zu wollen. Der Krieg geht weiter wie bisher.
  • Trotz aller Bemühungen hat es Russland bislang nicht geschafft, die gesamte Region Donezk zu erobern. Bisher kontrollieren russische Truppen 58 Prozent, dennoch treten nun auch die restlichen 42 Prozent nach russischer Darstellung offiziell Russland bei. Die vollständige Kontrolle des Donezk gehört zum erklärten Mindestziel des Kremls. Um die Region halten zu können, lässt Putin mit der umstrittenen Teilmobilmachung 300.000 Reservisten einziehen. Zumindest dort werden die Kämpfe weitergehen.

Familien von Putins Mobilmachung betroffen

  • Die Kämpfe in den besetzten Gebieten gehen deutlich zurück, doch die Stimmung in der Bevölkerung ist eher gedrückt. Für den Wiederaufbau sind Milliardenbeträge nötig, gleichzeitig drücken die westlichen Sanktionen auf die russische Wirtschaft. Außerdem sind durch die Teilmobilmachung auch viele Familien direkt vom Krieg betroffen. Möglicherweise könnte sich das auf die diejenigen Ukrainer auswirken, die in der jüngeren Vergangenheit die russische Staatsbürgerschaft angenommen haben. In den von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebieten in Luhansk und Donezk kämpfen bereits seit acht Jahren Ukrainer gegen Ukrainer.
  • Eine Verhandlungslösung, die viele Kriegskritiker fordern, ist mit der Annexion der besetzten Gebiete de facto vom Tisch. Wladimir Putin hat sein politisches Schicksal mit dem Feldzug verknüpft: Mehrfach bezeichnete er die Ukraine als Teil des "russischen Kernlands", auch wenn er jetzt betonte, die Sowjetunion nicht aufleben lassen zu wollen. "Sein" neues Territorium wieder abgeben zu müssen, ist in dieser Weltsicht undenkbar. Die Ukraine aber ist auch nicht bereit, Gebietsverluste zu akzeptieren oder sie als Verhandlungsmasse zu betrachten. Gleichwohl machte Putin dem Gegner in seiner Rede ein "Angebot": "Wir rufen das Kiewer Regime auf, den Beschuss und alle Kampfhandlungen sofort einzustellen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren."

Setzt Russland Atomwaffen ein?

  • Das Horrorszenario: Russland macht seine Atombomben-Drohung wahr und setzt nukleare Waffen ein. In seiner Ansprache streifte er das Thema nur am Rande. Mutmaßlich würden nur wenige Sprengköpfe zum Einsatz kommen. Sie könnten etwa über dem Schwarzen Meer, über Teilen der Ukraine oder in dünn besiedelten Gebieten gezündet werden. Ziel wäre es, die Regierung in Kiew zur Kapitulation zu zwingen. Der Westen hat sich bisher nicht eindeutig dazu geäußert, wie er auf einen taktischen Nuklearschlag reagieren würde. Die US-Regierung aber hat durchblicken lassen, entschlossen zu reagieren. Ansonsten könnten andere Länder wie China verleitet werden "zu glauben, dass Atomwaffen ihnen helfen, ihre Ziele ohne schwerwiegende Konsequenzen zu erreichen", sagt Matthew Kroenig vom Scowcroft Center for Strategy and Security in den USA. Als Reaktion wäre denkbar, russische Streitkräfte oder den Militärstützpunkt, von dem der Atomschlag ausging, konventionell zu attackieren.
  • Die "Rasputiza" (frei übersetzt Schlammzeit) ist ein Gehilfe auf den sich Russland in vergangenen Schlachten schon oft verlassen konnte und möglicherweise auch dieses Mal wieder. Wenn im Herbst die Böden nass und matschig werden, wird es schwer für angreifende Truppen, voranzukommen, ein Vorteil für die Verteidiger. Der Kreml könnte auch mit Hilfe der neu einberufenen Soldaten darauf bauen, die Ukrainer so lange abzuwehren, bis die "Wegelosigkeit" auf dem Schlachtfeld erscheint. Nach dem Frühjahr nächsten Jahres könnte die russische Armee dann ausgeruht und neuformiert wieder ihre Offensiven starten.

Der Ukraine-Krieg, der nicht endet

  • Den Krieg über den Winter zu "retten" und ihn in die Länge zu ziehen, gilt vielen Experten als beinahe schon wahrscheinlichste Szenario. Die Idee dahinter: Die Ukrainer mit einem Abnutzungskrieg zermürben. Dass Russland zumindest grundsätzlich die größeren Ressourcen und damit den längeren Atem als die Ukraine hat, daran zweifelt kaum jemand. Der Militärexperte Gustav Gressel vom Thinktank Europe Council on Foreign Relations befürchtet, dass der Krieg "wahrscheinlich viele Jahre dauern werde, auch wenn die Gewalt über die Zeit nachlassen dürfte." In einer Studie schreibt er, Russland setze auf langsame Fortschritte am Boden und erwartet, dass steigende Energiepreise und die Flüchtlingswelle die öffentliche Unterstützung des Westens für die Ukraine schwächen werden."

Quellen: DPA, AFP, European Council on Foreign Relations, NDScowcroft Center for Strategy and Security

Mehr zum Thema

Newsticker