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Einblicke in den Landesverband: Saar-AfD: Brüllen, beleidigen, makabre Vergleiche

Erst Neonazi-Kontakte, dann Auflösung, jetzt weiter machen: Die AfD im Saarland sorgt weiter für Schlagzeilen. Einblicke in einen kleinen Landesverband, dessen Entwicklung für die AfD große Bedeutung bekommen hat.

Ex-AfD-Landeschef Josef Dörr vor einer Karte des Saarlandes

Zuerst hatte Ex-AfD-Landeschef Josef Dörr die stern-Recherchen mit "Lügenpresse"-Rufen abgetan. Später lenkte er ein und offenbarte die Kontakte mit der Rechten Ulrike Reinhardt.

Der AfD-Bundesvorstand Dirk Driesang hatte sich früh festgelegt, und seine Kollegen im höchsten Gremium der AfD folgten ihm. Bei weiteren Kontakten nach Rechtsaußen "würden wir mit scharfem Schwert zuschlagen", hatte Driesang dem stern Anfang März gesagt. Solche Kontakte bestanden. "Die AfD und die Neonazis" titelte der stern in seiner Ausgabe vom 9. März.

Es ging in den Recherchen um den Landesverband Saar: Sowohl dessen Vorsitzender Josef Dörr als auch sein Stellvertreter Lutz Hecker hatten sich mit dem rechten Rand eingelassen. Das belegten Vorstandsprotokolle, vor allem aber E-Mails von Dörr selbst sowie WhatsApp-Nachrichten von Hecker an die Rechtsaktivistin Ulrike Reinhardt. Die Frau aus Kaiserslautern führt die regionale Bewegung "Pfälzer Spaziergänge" an. Die Organisation wird vom Landesverfassungsschutz beobachtet und von der NPD gesteuert. Hier sammeln sich Rechtsextremisten aus dem Südwesten Deutschlands und versuchen, mithilfe der Flüchtlingskrise ihre Klientel zu mehren.

Am 24. März entschied der AfD-Bundesvorstand dann, was zuletzt drei Jahrzehnte zuvor bei den Grünen in Berlin vorkam: Der Landesverband Saar wurde aufgelöst. Josef Dörr und sein Landesvorstand hatten damit nichts mehr zu sagen.

Im Saarland geht es um den generellen Kurs der Partei

Doch geschlagen gaben sich Josef Dörr, Lutz Hecker und ihr Pressesprecher Rolf Müller nicht. Sie sagten, sie fühlten sich im Recht und legten umgehend Einspruch beim Bundesschiedsgericht ein. Das tagte vergangenen Samstag, entschied Sonntag und ordnete Montag an: Die Auflösung der Saar-AfD wird aufgeschoben. Dörr, Hecker und der gesamte Landesvorstand sind ab sofort wieder im Amt.

Mit freundlicher Unterstützung des AfD-Prominenten Björn Höcke bemühen sich die Funktionäre von Saar indes schon länger, einen Neuanfang zu verhindern. Es geht um Listenplätze für die nächste Landtagswahl im Saarland, das ist das eine. Josef Dörr, 77, der es über Jahrzehnte weder über die CDU noch bei den Grünen in den Saarländischen Landtag schaffte, könnte dann dort sogar Alterspräsident werden. Seine Getreuen spekulieren ebenfalls auf Mandate – oder auf Mitarbeiterstellen.

Es geht aber auch um den generellen Kurs einer Partei, die schnell wuchs. Leistet die AfD sich Kontakt zu Rechtsradikalen? Wie konsequent geht sie gegen Funktionäre vor, die im NPD-Milieu rekrutieren oder rekrutierten? Es sind exakt diese Fragen, die sich im Saarland stellen. Die AfD-Chefin Frauke Petry sagte im Gespräch mit dem stern, dass sie den Kampf gegen Dörr und ähnlich denkende Parteifreunde politisch führen und gewinnen will. Das nächste Aufeinandertreffen zwischen Bundes- und Landesvorstand ist dann in Stuttgart beim Bundesparteitag am 30. April.

"Laut und teilweise beleidigend"

Im Saarland wird es derweil ziemlich ruppig, wenn Parteifreunde zusammenkommen, die nicht einer Meinung sind. Am vergangenen Donnerstag bei einem Stammtisch in St. Ingbert war man sich zwar einig, was die jungen linken Demonstranten draußen auf der Straße betraf. Ansonsten brüllte man sich an, verdächtigte und beschimpfte sich. Mit diesem Niveau stellt die AfD tatsächlich eine Alternative zu den meisten klassischen Parteien dar.

Rund 15 Parteimitglieder kamen im Jazzkeller eines Kollegen zusammen, zwei von ihnen zählten zum Aufbauteam, das der Bundesvorstand nach der Auflösung gebildet hatte. Sie sahen sich der blanken Wut der da noch ehemaligen Machthaber ausgesetzt. "Argumentativ waren die Herren gestern sehr bescheiden. Dafür laut und auch teilweise beleidigend", berichtete einer vom Aufbauteam später mit Blick auf Josef Dörr und seine Vertrauten.

Zuerst hatte Ex-Landeschef Josef Dörr und den Seinen der Ruf der "Lügenpresse" gereicht, um die stern-Recherchen zu ihren Kontakten nach ganz weit Rechts abzutun. Die abgedruckten E-Mails und WhatsApp-Nachrichten, hieß es in Dörrs Umfeld, könnten doch eine Fälschung sein. Dann aber verfolgte Josef Dörr plötzlich eine andere Strategie: Auf einem Treffen in seinem Heimatort Quierscheid, zu der ihm gewogene Kreisvorstände erschienen, verteilte Dörr kurzerhand seine Korrespondenz mit der Rechten Ulrike Reinhardt.

"4 mitglieder der npd und 3 der fbu"

Ein Teil der Mail von Ulrike Reinhard an Josef Dörr

Ein Teil der Mail von Ulrike Reinhard an Josef Dörr


Dörr wirkte in dem Moment transparent, und das war wohl auch seine Hoffnung. Doch nun war eben auch Schwarz auf Weiß nachzulesen, dass Ulrike Reinhardt nach regem Austausch mit Dörr und Hecker für die AfD-Demo in Saarbrücken "18 Personen animiert" hatte, darunter "4 mitglieder der npd und 3 der fbu". Wie die NPD ist auch die FBU (Freie Bürger-Union) eine Partei vom rechten Rand.

Auf Facebook beteuerte Dörrs Stellvertreter Lutz Hecker unterdessen, er könne nichts für die Kontakte nach Rechtsaußen. Hecker diskutierte in dem sozialen Netzwerk auch mit dem früheren Landesgeschäftsführer Olaf Vieweg, der nun als Mitglied des Aufbauteams in der Saar-AfD aufräumen sollte und wollte.

Die beiden stritten schriftlich und vor allem über Heckers Kontakte mit der Rechtsaktivistin Ulrike Reinhardt. Olaf Vieweg zieh Hecker der Lüge. Hecker entkräftete diesen Vorwurf nicht. Nach der Entscheidung des Bundesschiedsgerichts am Montag trat Vieweg allerdings von seinem Amt im Aufbauteam zurück. Ihn ist Hecker damit los.

Man vergleicht sich jetzt mit Terror-Opfern

Der neueste Vorstoß der Dörr-Anhänger ist ein schwarzes Logo mit weißen, roten und blauen Buchstaben: "JE SUIS AFD SAAR" steht dort. Das Logo soll "ein Zeichen setzen". Es erinnert an die Solidaritätskampagne mit den ermordeten Zeichnern der französischen Satirezeitung Charlie Hebdo.

Den Vergleich mit Terror-Opfern halten all jene für angemessen, die das Logo auf Facebook unterstützen. Dazu zählt auch Aline Wagner, die im Landesvorstand sitzt und eine enge Vertraute Josef Dörrs ist. Wagner machte das Logo zu ihrem Profilbild.

Seit einigen Tagen kursiert in der Saar-AfD ein Dokument mit dem Titel "Vertrauensfrage". Jedes AfD-Mitglied soll ankreuzen, welchen Mitgliedern des letzten Landesvorstands es vertraut, seinen Namen nennen und das Papier unterschreiben. Josef Dörr braucht unterdessen erst einmal nur die Stimmen der Delegierten.

Die hat er für den kommenden Sonntag zu einem Landesparteitag geladen. Die Tagesordnung zählt inklusiv "Deutschlandlied" 33 Punkte. Dörr will sich dort im Amt bestätigen lassen. Seine Anhänger bilden unter den Delegierten die Mehrheit. Unter Dörr stellen zwei Kreisverbände die Mehrheit aller Delegierten. Den einen, Saarbrücken Stadt, führt sein Vertrauter und Pressesprecher Rolf Müller. Den anderen, Saarbrücken Land, führt sein Sohn Michel.

"Manipulationen von Mitgliederlisten"

Das scheidende Aufbau-Team-Mitglied Olaf Vieweg spricht mit Blick auf Dörrs Struktur von "Manipulationen der Mitgliederlisten". AfDler, die schon mehrfach gekündigt hätten, seien immer noch als Mitglieder geführt. Auch habe man fast 40 Mitglieder gefunden, die sich mit der E-Mail-Adresse von Dörr oder seiner Vertrauten Aline Wagner angemeldet hätten. "Und das Ganze zu Gunsten des Kreisverbandes seine Sohnes, um über satzungsmäßig reine Delegiertenparteitage immer die sichere Mehrheit zu haben", fasst Vieweg zusammen.

Dörrs Pressesprecher Rolf Müller sah dem stern gegenüber seine Vorsitzenden Dörr und Hecker völlig zu Unrecht mit den Vorwürfen der Kontakte nach Rechtsaußen konfrontiert. Zu den vielen AfD-Mitgliedern mit der Dörr-E-Mail-Adresse sagte Müller, es gebe eben auch Leute, die keine E-Mail-Adresse hätten oder haben wollten. Josef Dörr kenne viele von diesen. "Herr Dörr hat eine große Bekanntschaft." Aber 40 seien es bei Weitem nicht. Im Übrigen räumt er bei der Mitgliederverwaltung "technische Schwierigkeiten" ein. Die würden jetzt zügig behoben.

Müller pocht auf die "Satzungsautonomie", die man bei der Saar-AfD habe. Besonders geärgert haben sich die nun wieder eingesetzten Vorstandsmitglieder über den Bundesvorstand Dirk Driesang. Der hatte die Auflösung der Saar-AfD zuletzt vorangetrieben. Schon vor Wochen schrieb Rolf Müller siegesgewiss: "Falls es also in Zukunft weitere Untersuchungen geben sollte, so hätten sich diese gegen Herrn Dirk Driesang zu richten."