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Somalia: Alarmzustand im Piratenland

Sie sind der Schrecken der Seefahrer: Piraten im Golf von Aden. Die schwer bewaffneten Seeräuber attackieren immer mehr Schiffe, nehmen Geiseln und verlangen hohe Lösegelder. So passierte es auch einem deutschen Paar, das im stern nun erstmals über die Geiselhaft erzählt.

Von Malte Arnsperger

Es sollte eine lange Seereise in eine neue Existenz werden. Mit ihrer Yacht "Rockall" brachen Sabine Merz und Jürgen Kantner im Sommer 2007 von Südfrankreich nach Asien auf. Malaysia, Borneo, Indonesien: Nomaden gleich wollte das Paar aus der schwäbischen Kleinstadt Neuhausen von Land zu Land, von Hafen zu Hafen schippern, auf fremden Schiffen arbeiten und das Leben auf See genießen. "Wir sind morgens mit der Sonne aufgestanden und ins Bett, wenn sie unterging. Ich trug den ganzen Tag Bikini oder gar nichts", erzählt die 51-jährige Sabine Merz in einem exklusiven stern-Interview vom Beginn ihrer Reise. Und ihr zehn Jahre älterer Lebensgefährte ergänzt: "Ein Leben wie im Paradies."

Doch dieses paradiesische Dasein sollte ein jähes Ende finden, lange bevor die beiden Segler ihr Ziel erreicht hatten. Denn auf der Fahrt nach Asien wurden sie am 21. Juni 2008 von Piraten überfallen, gekidnappt und erst nach 52 Tagen freigelassen. Den Weltenbummlern wurde eine Wasserstraße zum Verhängnis, in der schon viele Seefahrer schlimme Erfahrungen gemacht haben: der Golf von Aden.

"Situation ist außer Kontrolle geraten"

Er ist knapp 1000 Kilometer lang und größtenteils nur 250 Kilometer breit. Dieser schmale Meeresstreifen zwischen dem Horn von Afrika und der arabischen Halbinsel ist zur wohl gefährlichsten Wasserstraße der Welt geworden. In den ersten acht Monaten diesen Jahres registrierte die internationale Seefahrtsbehörde IMB 31 Angriffe von Piraten. In den vorangegangen fünf Jahren gab es lediglich 45 Fälle. Die Dunkelziffer dürfte allerdings noch viel höher liegen. Rund 130 Seeleute befinden sich in der Gewalt von Piraten. "Die Situation im Golf von Aden ist außer Kontrolle geraten", sagte ein Sprecher des IMB stern.de. "Wir verzeichnen in diesem Jahr einen sehr starken Anstieg der Piraterie."

Wurden Schiffe bislang sowohl auch von jemenitischen Piraten angegriffen, beherrschen nun die Seeräuber aus Somalia den Golf. Hauptgrund: Nach jahrelangem Bürgerkrieg herrscht in Somalia, das keine Ordnungsmacht mehr hat, Chaos. Die Übergangsregierung besitzt keine Autorität und kann die Gewässer nicht kontrollieren, Stammesführer (Warlords) bekämpfen sich mit ihren Clanmilizen. Die Piraten aus dem bettelarmen Land nutzen diese unübersichtliche Situation aus und haben die Seeleute auf vorbeifahrenden Schiffen als lukrative Einnahmequelle entdeckt. So sollen sie für Sabine Merz und Jürgen Kantner eine Million Dollar erhalten haben, das Lösegeld für den erst vor wenigen Tagen freigelassene Frachter einer deutschen Reederei war wohl noch höher.

Eine Entwicklung macht den Seeleuten besonders Angst: Mittlerweile fahren die mit Raketenwerfern und automatischen Waffen ausgerüsteten Banditen nicht nur mit kleinen wendigen Booten durch den Golf sondern bedienen sich gekaperter Mutterschiffe, von denen aus sie ihre Attacken starten. So können sie bis nahe an die jemenitische Küste heran auf Raubzug gehen und die Beute nach Somalia schleppen. "Sie werden immer professioneller in dem was sie tun", heißt es beim IMB. Den Piraten ist dabei egal, ob es sich dabei um einen Frachter oder eine Yacht handelt. Denn: Die Seeräubern aus Somalia sind nicht auf die Ladung aus. Sie wollen mit der Geiselnahme der Crew Lösegeld erpressen. "Wer da runter fährt, begibt sich in ein Risiko", sagt der Piratenexperte und hochseeerfahrene Autor Klaus Hympendahl.

Bundeswehr soll gegen Piraten kämfen

Weil wiederholt auch deutsche Schiffe angegriffen wurden, soll die Bundeswehr mehr Handlungsspielraum bekommen. Bisher darf sie nur in Notwehr agieren. Zwar ist die deutsche Marine Teil des Antiterroreinsatzes Enduring Freedom (OEF) im Golf von Aden, bis vor wenigen Wochen patrouillierte die deutsche Fregatte "Emden" vor dem Horn von Afrika. Aber Angriffe auf Piraten seien nicht Teil ihres Auftrags, heißt es im Verteidigungsministerium des CDU-Politikers Franz Josef Jung. Zudem erlaube das Grundgesetz nur der Bundespolizei, nicht aber der Bundeswehr die Verfolgung von Kriminellen im Ausland. Denn Piraterie und Entführung gelten als Straftat und sind damit Sache der Polizei, nicht des Militärs.

Das Verteidigungsministerium ließ auf stern.de-Anfrage wissen, "eine "grundsätzliche Bekämpfung der Piraterie bedarf einer verfassungsrechtlichen Klarstellung". Sprich: Eine Grundgesetzänderung . Langsam, langsam heißt es aber aus dem SPD-geführten Auswärtigen Amt. Darüber bestehe in der Bundesregierung noch "Diskussionsbedarf". Meint: Eine Grundgesetzänderung ist mit Frank Steinmeiers Ministerium so schnell nicht zu machen.

Ein Ausweg aus dem sich abzeichnenden Parteienstreit könnte die geplante EU-Mission zur Piratenbekämpfung am Horn von Afrika sein, an der die Bundeswehr teilnehmen soll. Solch ein Einsatz im Rahmen eines "Systems gegenseitiger kollektiver Sicherheit" erlaubt das Grundgesetz in Artikel 24. Der Bundestag muss dem Einsatz zustimmen. Doch sowohl aus dem Verteidigungsministerium als auch dem Auswärtigen Amt kommt Zustimmung zu der Mission, die ab Dezember beginnen könnte. Einen kleinen Vorgeschmack auf diesen gemeinsamen Kampf gegen die Piraten gab die Befreiungsaktion des französischen Militärs Anfang der Woche. Dabei retteten die Franzosen zwei Segler vor Somalia aus der Hand der Seeräuber - und die Bundeswehr half mit einem Aufklärungsflugzeug mit.

Auf Seite zwei: Ein somalischer Stammesführer, dessen Land die Piraten als Basis nutzen, äußert sich im Gespräch mit stern.de über die Piraten in seinem Land

Deutsche Marine kämpft gegen somalische Piraten - eine Aussicht, die bei Muhamud Muse Hersi für Zuversicht sorgen könnte. Er nennt sich "Präsident" der semi-autonomen somalischen Region Puntland, gewählt von den Stämmen. Diese Provinz im Norden des afrikanischen Landes hat sich 1998 als eigenständig erklärt. Tobt im Süden Somalias seit vielen Jahren ein erbitterter Bürgerkrieg, ist es in Puntland relativ ruhig.

Puntland klagt über Piraten

Wenn da nicht die Piraten wären. Denn Puntland ist Piratenland. Von den Küsten dieser Provinz aus starten die Banditen einen Großteil ihrer Raubzüge. Puntland ist ihre Basis. Auch die beiden Segler Sabine Merz und Jürgen Kantner wurden hierher verschleppt "Die Piraten sind ein Alptraum und die größte Bedrohung für die Stabilität in der Region", klagt "His Exellency" Muse Hersi im Gespräch mit stern.de. Warum dies so ist, ist für den kleinen stämmigen Mann schnell erklärt: Mit dem Lösegeld für ihre Geiseln können die Piraten ihre Ausrüstung stetig verbessern, sich die Loyalität der Landbevölkerung erkaufen und der Provinz-Regierung die Angestellten abspenstig machen. "Es gibt viele junge arbeitslose Menschen in Puntland", sagt Muse Hersi, der früher General in der somalischen Armee war. "Die Piraten locken diese Leute mit ihren Dollars. Sogar Soldaten oder Polizisten laufen zu ihnen über, weil wir oft monatelang ihr Gehalt nicht zahlen können."

Um diesen fatalen Kreislauf zu stoppen, drängt der Präsident Puntlands die internationale Gemeinschaft, nicht mehr für Geiseln zu zahlen, sondern seinem Land bei der Bekämpfung der Piraten zu helfen. Den Verdacht, er selber mache gemeinsame Sache mit den Verbrechern, weist Muse Hersi von sich: "Meine Würde vor den Bürgern ist mir wichtiger als das Geld."

Das Piraten-Netzwerk von Puntland

Ein prinzipientreuer Provinzfürst also, der machtlos ist gegen die Gangsterbrut aus seinem Land. So sehen es zumindest die Ex-Geiseln Merz und Kantner, die Muse Hersi nach ihrer Befreiung getroffen haben. "Ein feiner Mensch" sei dieser Präsident sagen sie im stern-Interview. Er habe sich für ihre Freilassung eingesetzt. Und auch aus diplomatischen Kreisen in Berlin heißt es, dass man Muse Hersi als "durchaus vertrauenswürdige Person" erachtet.

Der Somalia-Experte Rainer Lucht hat daran arge Zweifel. Die Piraterie in Somalia und speziell in Puntland habe sich zu einer boomenden Branche entwickelt, an dem ein Netzwerk aus Warlords, Geschäftsleuten und auch Politikern beteiligt sei, meint der Referent der Diakonie Katastrophenhilfe. "Von der Piraterie profitieren viele und sie wird politisch gedeckt. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Mitglieder der Regierung von Puntland die Piraten-Netzwerke decken und von ihnen profitieren."

Was also tun, um dem Treiben der Seeräuber ein Ende zu machen? Lucht plädiert dafür, Somalia zu helfen, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden, um den Bürgerkrieg zu beenden und die öffentliche Ordnung in dem Land wieder herzustellen. Denn die Bekämpfung der Piraterie mit Kriegsschiffen sei nur eine kurzfristige Lösung. "So isoliert man zwar das Krebsgeschwür, aber man heilt die Krankheit nicht."