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stern Reportage

Ukraine-Konflikt: Im Osten nichts Neues - Einblick in einen zermürbenden Alltag an der Front

Schützengräben, Schusswechsel, Schwerverletzte, Tote. Trotz neuer Verhandlungen schwelt der Krieg in der Ostukraine weiter. Über mehrere Wochen begleitete ein stern-Team den Alltag der Soldaten.

Von Bettina Sengling; Fotos: Dmitri Beliakov

In Marjinka, einem Vorort von Donezk, setzen Schüsse in einer Nacht im August ein Munitionslager in Brand

In Marjinka, einem Vorort von Donezk, setzen Schüsse in einer Nacht im August ein Munitionslager in Brand

Leichter wäre die Verteidigung des Vaterlandes, wenn es zum Beispiel Batterien gäbe. Das Nachtsichtgerät würde funktionieren. So zeigt es nur: Nacht. Es ist drei Uhr morgens, die Front liegt in Finsternis da. Keine Lampen glühen hier, keine Handys, nicht einmal Zigaretten. Witalij, "Awer" genannt, starrt durch ein Loch zwischen den Sandsäcken, die Schießscharte. Nur ein paar Sterne beleuchten matt den Acker, aus dem der Krieg längst ein Minenfeld gemacht hat.

Hinten, in den Ruinen des alten Pferdestalls, nur wenige Hundert Meter entfernt, hausen die Separatisten. Wahrscheinlich lauert dort auch einer hinter Mauern, hinter Säcken, genauso müde und angespannt wie "Awer", in der Hand das gleiche alte Gewehr. "Awer" bekam von der ukrainischen Armee eine Kalaschnikow, Baujahr 1963, mehr als 20 Jahre älter als er selbst. In der Ferne donnert die Artillerie. Manchmal rattert irgendwo ein Maschinengewehr.

Gruppen-Kommandeur Wladimir, genannt "Waschbär", beugt sich über eine Karte. Beim Brand des Munitionsdepots wenige Tage später wird er schwer verletzt

Gruppen-Kommandeur Wladimir, genannt "Waschbär", beugt sich über eine Karte. Beim Brand des Munitionsdepots wenige Tage später wird er schwer verletzt


Am benachbarten Posten haben sie diese Nacht einen "Dreihunderter" abtransportiert - der Militärjargon für einen Verletzten. Beinschuss. Seit ein paar Tagen hatte der Mann frei, aber weil keiner nachrücken konnte, blieb er doch noch länger. Krieg lässt nicht so einfach los. Das Leben an der Front kommt manchen irgendwann sogar leicht vor: Man isst, man schläft, man versucht, am Leben zu bleiben.

Dauernd knattern leise die Funksprüche durch die Nacht. Sie war eigentlich bisher ruhig verlaufen. Aber so ist dieser Krieg in der Ostukraine nun mal: launisch, hinterhältig. Manchmal wachsen die Gefechte langsam an, wie eine Welle, die an Kraft aufnimmt: Einer schießt, jemand antwortet, es wird lauter, bis irgendwann die Artillerie einschlägt. Manchmal aber beginnt ein Angriff auch aus dem Nichts, mitten in der Finsternis, wenn die Wache eingeschlafen ist oder gerade jemand Tee eingeschenkt hat.

Ein Soldat lässt sich ein neues Tattoo stechen. Das Leben hier schwankt zwischen Adrenalinschüben und Langeweile

Ein Soldat lässt sich ein neues Tattoo stechen. Das Leben hier schwankt zwischen Adrenalinschüben und Langeweile


Und das Sonderbarste an diesem Krieg: Offiziell gibt es ihn gar nicht mehr. Seit dem ersten Minsker Abkommen vor zwei Jahren herrscht auf dem Papier Waffenruhe. Sie wird nur dauernd gebrochen. Mitte Oktober reiste Wladimir Putin zu Verhandlungen nach Berlin, denn Russland hatte die Separatisten vor zwei Jahren aufgestachelt, und es finanziert und unterstützt sie bis heute. Die Schlüsselfrage bleibt, welchen Einfluss Russland in Zukunft auf die Ukraine haben wird. Das Friedensabkommen sieht einen Sonderstatus für den pro-russischen Donbass vor, was den Ukrainern nicht gefällt. Sie wollen die Kontrolle über ihre Grenzen zurück, um Waffenlieferungen aus Russland zu unterbinden.

Frieden liegt immer noch in weiter Ferne, die Schießereien aber machen auch keinen Sinn. Sie verschieben nicht die Front, erobern kein neues Land. Sie bringen nur Zerstörung und Tod. Fünf Soldaten starben im Bataillon, in dem "Awer" kämpft, in den vergangenen drei Monaten, 67 wurden verletzt. Der Krieg hat sich festgefressen in den Donezker Vororten, von denen Marjinka nur einer ist, idyllisch gelegen zwischen Hügeln und Wäldern.

Von dem Beobachtungsposten der ukrainischen Einheit geht der Blick hinunter über das zerstörte Marjinka (o.). Lidija Bondarenko, genannt "Petrowna", hat sich mit Soldaten in ihren Vorratskeller geflüchtet. Sie betet laut.

Von dem Beobachtungsposten der ukrainischen Einheit geht der Blick hinunter über das zerstörte Marjinka (o.). Lidija Bondarenko, genannt "Petrowna", hat sich mit Soldaten in ihren Vorratskeller geflüchtet. Sie betet laut.


Das Nachtsichtgerät, das seinen Geist aufgegeben hat, lässt "Awer" keine Ruhe. Er holt Signalraketen, um kurz einen Blick auf den Acker zu werfen. Zischend fliegen sie in die Dunkelheit. Für einen Moment leuchtet das Feld grün. Viel bringt das nicht, beim Lärm des Abfeuerns kann sich jeder Feind sofort verstecken. "Awer" lässt sich in einen alten Schaukelstuhl vor den Sandsäcken fallen. Wartezeit. Zwischen den Schusswechseln herrscht oft lähmende Langeweile. "Keine Nachtschicht ohne 250 Gramm" , hat jemand im Nachbarposten an die Wand geschmiert. Wodka ist damit gemeint.

Zwischen Mäusen und Schmutz

Am nächsten Morgen weckt der Chef der Gruppe seine Männer persönlich. "Aufstehen! Fuck!", brüllt Sergej, genannt "Nebel", in den Schlafsaal, eine ärmliche Bauernkate, in der nachts die Mäuse rascheln. "Nebel" dreht die Glühbirne auf, der Lichtschalter funktioniert nicht. Über ein Einschussloch in der Wand haben die Soldaten ein Pin-up gehängt. Auf dem Sofa liegt Ruslan, Politologe aus der Westukraine. Unter dem Fenster, das mit Decken zugehängt ist, schläft Roman, "Italiener" genannt, weil seine Eltern mit ihm nach Italien ausgewandert waren. Für den Krieg zog er vor zwei Jahren aus der Toskana in den Donbass. Mischa, der Koch, der jeden Morgen mitten im Dreck seine Stiefel poliert, pennt in der Nebenkammer.

Und "Awer" hat sich eine Schlafstatt auf dem Boden eingerichtet, umgeben von seiner Sammlung aus Uniformen, Schutzwesten und T-Shirts mit Ukraine-Symbolen. Die Uniformen und Stiefel, die das Verteidigungsministerium zur Verfügung stellt, trägt hier niemand gern. Wer kein Geld hat, für den sammeln Freiwillige. Manche Soldaten kämpfen in Bundeswehr-Parkas, importiert als Secondhandware. "Awer" aber liebt neue Sachen, dauernd bestellt er sich aus dem Internet etwas an die Front.

Von dem Beobachtungsposten der ukrainischen Einheit geht der Blick hinunter über das zerstörte Marjinka.

Von dem Beobachtungsposten der ukrainischen Einheit geht der Blick hinunter über das zerstörte Marjinka.


Das Bauernhaus gehört einer Familie aus dem Dorf, und alle wissen, dass sie die ukrainische Armee nicht ausstehen kann. Der Sohn kämpft auf der anderen Seite, für die Separatisten. Misslaunig stürmt die Hausherrin manchmal morgens in die Küche und kassiert drei Euro pro Person, für den Strom.

Heute soll jemand aus dem Stab vorbeikommen, zur Ordnungskontrolle, und so müssen sie alle früh raus. Im Garten und in den Zimmern des besetzten Hauses sieht es aus wie auf der Müllhalde. Leere Konservenbüchsen und Plastik liegen überall im Freiluft-Bad - eine Art hängender Wasserbottich über einem Waschbecken im Hof. Das Plumpsklo befindet sich in der anderen Ecke des Gartens, Richtung Separatisten. Nachts darf man auf dem Weg dahin deshalb kein Licht machen.

Es gibt auch die Geschichte von dem Besoffenen, der zur eigenen Sicherheit eine Granate mit aufs Klo nahm und beide Beine verlor, als die Waffe explodierte. Der Kommandeur des Bataillons erzählt sie, er kämpft unermüdlich gegen den Alkohol an. Wodka ist überall an der Front ein Problem. Manche binden Betrunkene sogar an Pfosten oder sperren sie in Käfige oder Gruben.

"Waschbär" baut eigenhändig Landminen aus 82-mm-Mörsergranaten. Den Soldaten fehlt es an allem.

"Waschbär" baut eigenhändig Landminen aus 82-mm-Mörsergranaten. Den Soldaten fehlt es an allem.


"Awer" macht sich auf den Weg ins Dorf. Es ist ein kühler Herbsttag. Er braucht Bewegung, irgendetwas treibt ihn dorthin, vielleicht das unbestimmte Gefühl, Wichtiges zu verpassen. Außerdem ist er gern mit seinen Gedanken allein. Die meisten sind finster. Sinnlos kommt ihm dieser Krieg vor. Er möchte nach vorne stürmen, kämpfen. "Aber wir warten hier, bis uns Raketen auf den Kopf fallen." Und braucht die Ukraine diesen Donbass wirklich? "Wir ändern die Leute ja nicht", sagt er.

Auch die Begegnungen im Dorf sind oft nicht angenehm. Diesmal passiert es vor dem Dorfladen. Brot, Milch, Kaugummi und Dosenbier gibt es da, sogar, wenn an der Front weiter geschossen wird. "Ihr beschießt unsere Häuser", schreit eine alte Frau und stürzt auf "Awer" zu. "Wann hört ihr endlich damit auf?" "Awer" muss sich beherrschen, um ruhig zu bleiben. "Wie sollen wir denn von hier eure Häuser beschießen?", fragt er. "Das kommt von der anderen Seite!"

Schülerin Milena, 12, lebt mit ihren Eltern direkt an der Front

Schülerin Milena, 12, lebt mit ihren Eltern direkt an der Front


Manchmal werden die Soldaten auch angebettelt. In Marjinka gehören sie jetzt zu den Besserverdienern. Mit Kampfzulage bekommen sie 11.000 Griwna im Monat, etwa 395 Euro. Die Renten liegen in der Ukraine bei umgerechnet 50 Euro. Arbeit hat kaum einer im Dorf, die großen Fabriken in der Umgebung mussten längst schließen. Im benachbarten Krasnogoriwka brechen die Menschen im Stadtpark die Äste von den Bäumen, als Feuerholz. "Awer" hält die Bettelei nicht gut aus. "Verpiss dich", zischt er dann. Diese Hoffnungslosigkeit und dieses Elend kann er nicht ertragen.
Er gerät leicht in Rage, und daran ist natürlich der Krieg schuld. Früher arbeitete er als Werbegrafiker in Kiew. Aber dann kam die Revolution und das Gefühl, sein Land verändere sich. Freiwillig meldete er sich beim Bataillon "Donbass".

Wunden, Tod und Retter

Seine erste Schlacht liegt mehr als zwei Jahre zurück, aber er erinnert sich sehr gut daran. Es war in Popasna, unweit von Luhansk. Nach wenigen Minuten starb der Soldat, der neben ihm stand. "Der lag da", sagt "Awer", "mit verdrehtem Kopf." Einen anderen traf eine Kugel in die Lunge. "Awer" warf ihn über die Schulter, schleppte ihn vom Schlachtfeld. Immer wieder musste "Awer" ihn absetzen. Der Soldat röchelte. Dann war er tot. Aber "Awer" blieb trotzdem im Krieg.

Witalij, genannt "Awer", läuft an der zerstörten Mühle von Marjinka Patrouille. Der ehemalige Grafikdesigner aus Kiew kämpft seit Anfang des Kriegs 2014.

Witalij, genannt "Awer", läuft an der zerstörten Mühle von Marjinka Patrouille. Der ehemalige Grafikdesigner aus Kiew kämpft seit Anfang des Kriegs 2014.


Später wurde seine Einheit nach Schirokine verlegt, eine trostlose Trümmerlandschaft, die früher einmal ein Ferienort am Asowschen Meer war. Einmal, es war im Februar 2015 und eigentlich war gerade wieder eine Waffenruhe vereinbart worden, da fuhr "Awer" mit anderen Soldaten in einer Autokolonne mit. Der Fahrer verpasste die Abfahrt, und der gesamte Zug geriet unter Beschuss. Eine Kugel traf auch "Awer" . Diesmal musste er gerettet werden. Später wurde auch sein Retter getroffen und überlebte den Kampf nicht. "Awer" selbst musste ins Krankenhaus. Die Ärztin wollte ihn danach nicht wieder in den Krieg lassen: die Psyche. Doch "Awer" zog wieder los.

Im Dorfladen trifft er heute zufällig Lidija Bondarenko, von allen nur "Petrowna" genannt, nach ihrem Vatersnamen. "Petrowna", 80 Jahre alt, lebt direkt an der Front. Die ukrainische Armee baute eine Stellung im Nachbarhaus und eine in ihrem Garten. "Ich verstehe mich ja gut mit allen Soldaten" , sagt sie. Aber unangenehm sind die Gäste natürlich trotzdem. Weil die Geschosse immer dorthin fliegen, wo geschossen wird. Ihr kleines Bauernhaus hat kaum noch heile Fenster. Auch im Dach landete ein Geschoss.

Im Grunde ist nur noch ein Raum übrig, in dem "Petrowna" leben kann, und das ist ihr winziges Schlafzimmer. Über dem Bett baumelt eine Einkaufstasche mit Dokumenten und Medizin, die sie sich schnell schnappt, wenn sie in der Nacht wieder einmal vor den Schüssen in den Vorratskeller flüchten muss. Wenn es besonders schlimm ist, betet sie laut. In diesem August war das so. Damals fing ein Munitionslager Feuer, der Brand breitete sich aus, sprang auf Bäume über, kroch weiter, entzündete schließlich die Minen auf dem Acker, während gleichzeitig die Geschosse der Artillerie donnerten.

Der Feldgeistliche Igor (ganz rechts) segnet die Soldaten direkt in ihrer Stellung

Der Feldgeistliche Igor (ganz rechts) segnet die Soldaten direkt in ihrer Stellung


Mit "Awer" verbindet "Petrowna" ein trauriger Zwischenfall. Einmal schrie er: "Ich zünde dich gleich bei lebendigem Leib an." Einen Grund gab es nicht, aber es war im August, als die Soldaten jede Nacht Stunden unter Beschuss lagen. "Petrowna" weinte damals. "Awer" versuchte später immer wieder, sich bei ihr zu entschuldigen. Per Skype hat er sie auch mit seiner Mutter bekannt gemacht. Aber so wie vorher wurde es trotzdem nie mehr.

Als "Awer" zum Haus zurückkehrt, trifft er im Hof Andrej, Kampfname "Macho", der wie meistens um diese Zeit am Transporter des Bataillons herumschraubt. 50 Jahre alt ist die Karre, sie schafft es kaum noch den Hügel hoch zum Stab ins Dorfzentrum. "Schrott", sagt Andrej.

Manchmal liest "Macho" natürlich, was der Präsident über die ukrainische Armee sagt. Zum Beispiel, dass sie zu den stärksten Europas gehöre. Dann fragt er sich, ob er vielleicht bei einer anderen dient. Der "Italiener" sucht manchmal im Internet nach Ersatzteilen für den kaputten Granatwerfer aus den 60er Jahren, weil die Armee keine liefern kann. Wladimir, genannt "Waschbär" , kaufte selbst im Jagdladen Zubehör für sein Gewehr. Bei Youtube gab er im vergangenen Sommer "Landmine selbst machen" ein. Dann schraubte er draußen im Garten ein Eigenkonstrukt, unter Lebensgefahr.

Wochenlang lag "Waschbär" im Militärhospital von Dnipro. Noch immer stecken 30 Granatsplitter in seinem Bein. Seine Frau Tatjana wohnt ganz in der Nähe.

Wochenlang lag "Waschbär" im Militärhospital von Dnipro. Noch immer stecken 30 Granatsplitter in seinem Bein. Seine Frau Tatjana wohnt ganz in der Nähe.


Zu wenig Essen, zu viel Streit

In diesen Momenten kommt "Macho" der Verdacht, dass sie für etwas kämpfen, woran der Rest des Landes schon gar nicht mehr glaubt. Für ein neues Leben, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Aufgegeben, beklaut und vergessen fühlen sie sich dann. "Wir sind nicht wegen der Regierung hier", sagen viele, "sondern trotz der Regierung."

"Macho" gibt eine Botschaft an die Deutschen auf den Weg: "Schicken Sie bloß kein Geld mehr hierher!"

Die Sporthalle in Krasnogoriwka, unweit von Donezk, hat seit dem Artilleriebeschuss kaum noch Fensterglas

Die Sporthalle in Krasnogoriwka, unweit von Donezk, hat seit dem Artilleriebeschuss kaum noch Fensterglas


Am Abend herrscht in der Bauernkate dicke Luft. Die Armee hat Lebensmittel angeliefert, aber von allem zu wenig. Zu wenig Wurst. Und drei Hühnchen für vier Posten, insgesamt 40 Mann. Jetzt streiten die Kommandeure. "Awer" hat schlechte Laune, er kann es nicht fassen, dass sich jemand mit solchen Dingen beschäftigt. Er hat sich nach den Batterien für das Nachtsichtgerät erkundigt. Es gab keine. "Fragt mal bei den Freiwilligen", sagten die Chefs aus dem Stab.

Im Dorf haben sich ein paar Halbstarke über den klapprigen Transporter lustig gemacht. "Was hat euch die Ukraine denn da für einen Schrott gegeben?", riefen sie und lachten. "Fährt der noch?" Da schlugen die Soldaten zu. Anders, sagen sie, war es nicht zu ertragen.