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Umsturz in Kirgistan: Ein wütendes Volk steht auf

Die liberalste Republik im autoritären Zentralasien? Seit Strom- und Heizkosten die Löhne auffressen, murrt das Volk - jetzt hat es gegen die harte Linie des Präsidenten revoltiert.

Von Bettina Sengling, Moskau

Die bewaffneten Männer kamen mitten in der Nacht. Mit ihren Verwandten versuchte Aizada (Name geändert), eine junge Parlamentsabgeordnete aus Bischkek, gerade, das Haus ihrer Schwester zu löschen. In der Nachbarschaft brannte die Villa des Präsidenten, das Feuer hatte sich ausgebreitet, und die Feuerwehr arbeitete längst nicht mehr in dieser Nacht des Bürgerkriegs. "Die Männer bedrohten uns mit ihren Gewehren", sagt Aizada. "Dann schleppten sie alles raus, Computer, den Kühlschrank, sogar die Waschmaschine." Und dann erkannte einer der Diebe Aizada: "Sie hat doch im Parlament gesessen!", schrie er. Und Aizada lief um ihr Leben, flüchtete sich in den Nachbargarten, die Männer folgten, doch Aizada lief weiter, bis sie bei Bekannten Unterschlupf fand. Dort versteckt sie sich nun und fürchtet noch immer um ihr Leben: "Unsere Stadt sieht aus wie im Krieg", sagt sie. "Wir wurden um Jahre zurückgeworfen." Die meisten Geschäfte sind geplündert, viele Autos brannten aus, Busse wurden mit Steinen zerschmettert.

Der Alltag zieht erst langsam wieder in Kirgistan ein. Die Straßen aus der Hauptstadt heraus sind noch immer gesperrt, der Flughafen ist geschlossen. Das Regierungsgebäude im Zentrum brennt, die Staatsanwaltschaft ist bereits abgebrannt. Der Präsidentenpalast und das Regierungsgebäude wurden geplündert. Oppositionspolitiker haben die Macht ergriffen. Für Ordnung konnten sie zunächst nicht sorgen. Kirgistan, die ehemalige Sowjetrepublik in Zentralasien, ist innerhalb weniger Tage ins Chaos getrieben, das in Gewalt umgeschlagen ist. Nach offiziellen Angaben starben 67 Menschen, angeblich sind mehr als 400 verletzt.

Willkür, Armut, Korruption

Angespannt war die politische Lage in der kleinen Republik schon lange. Kirgistan, ein schönes Land mit Hochgebirge und Steppe, ist bitterarm. Vor fünf Jahren jagten die wütenden Bewohner den damaligen Präsidenten Askar Akajew aus dem Land. Sie warfen ihm vor, dass er und seine Familie auch die wichtigsten Unternehmen im Land kontrollierten. Korruption und Willkür regierten das Land. Nach der sogenannten "Tulpenrevolution", die weitgehend friedlich verlief, floh er mit seinen Angehörigen nach Moskau.

An die Macht kam Kurmanbek Bakijew, ein sowjetischer Ingenieur und Fabrikdirektor, der unter Akajew Premierminister war und sich dann mit ihm zerstritt. Schnell war klar: Besser wurde die Lage nicht. Denn auch Bakijew, der sieben Brüder hat und zwei Söhne, setzte vor allem auf seine Verwandten. Besonders Maksim, sein jüngster Sohn, zog den Ärger des Volkes auf sich. Er unterhält mehrere Banken, Tankstellen, das kirgisische Energieunternehmen und Mobilfunkunternehmen. Außerdem kontrollierte er einen Kredit Russlands über 300 Millionen Dollar. Politische Schlüsselpositionen besetzte Bakijew mit seinen Brüdern. Einer von ihnen stand dem Geheimdienst vor, ein anderer der Präsidentenwache. Ein dritter ist Botschafter in Berlin.

Willkür, Armut und Korruption beherrschen aber weiterhin den Alltag der Menschen. Gesetze wurden nicht durchgesetzt, Polizisten gelten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion als käuflich. In den Dörfern gibt es keine Arbeit, viele leben nur von dem, was im Garten wächst. Industrie gab es in Kirgistan, das zu 40 Prozent aus Bergland besteht, schon zu Sowjetzeiten kaum. Die landwirtschaftlichen Betriebe sind heute rückständig und wenig einträglich. Auch der Tourismus entwickelt sich schleppend.

Der Aufstand war nicht geplant

Als Bakijew die Energiepreise um 100 Prozent erhöht, reicht es den Menschen. Viele müssen nun mehr als den gesamten Lohn für Heiz- und Stromkosten aufwenden. Sie fühlen sich ausgeraubt, betrogen. Demonstrationen in der Hauptstadt sind seit Wochen an der Tagesordnung. Bakijew geht dagegen mit eiserner Hand vor. Auch das passt den Menschen nicht. Kirgistan war immer die liberalste der zentralasiatischen Republiken - die Nachbarländer Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan sind schon lange eiserne Diktaturen ohne freie Wahlen, freie Presse und Opposition. Bakijew lässt nun von einem Tag auf den anderen einen Fernsehkanal schließen. Zwei Tageszeitungen werden nach kritischen Berichten einfach verboten. Journalisten werden brutal zusammen geschlagen, einer wird ermordet. Selbst liberale Internet-Seiten werden durch die Regierung blockiert.

Der Aufstand der letzten Tage war nicht geplant. Eigentlich waren landesweite Demonstrationen angekündigt. Als in der Stadt Talas der Oppositionspolitiker Asimbek Beknasarow ohne Anlass verhaftet wird, kocht der Volkszorn über. Die wütende Menge versucht, das Gefängnis zu stürmen. Schüsse fallen. In Talas werden Truppen zusammen gezogen. Nun werden auch die führenden Oppositionspolitiker in der Hauptstadt Bischkek verhaftet. Die Demonstranten auf dem zentralen Platz in Bischkek beginnen zu randalieren. Angeblich ist es einer der Brüder des Präsidenten, der den Befehl gibt, mit scharfer Munition in die Menge zu schießen. Mitten in der Hauptstadt sterben Menschen an Schussverletzungen.

Auf dem Dach des Regierungssitzes haben sich Scharfschützen in Stellung gerückt und zielen auf Demonstranten. Die kämpfen nun wütend um das Weiße Haus, den Regierungssitz. Aus den Regionen fahren Autobusse mit Unzufriedenen an. Geschäfte werden geplündert, Schaufenster zerschmettert. Manche wehren sich mit Waffen. In der Nacht hören die Bewohner Bischkeks immer wieder Gewehrsalven. Polizei ist nicht im Einsatz. In Bischkek herrscht Bürgerkrieg, Anarchie.

"Wir wollen nicht noch einmal ausgeraubt werden"

In der Hauptstadt und in Talas werden die Gefängnisse gestürmt und die verhafteten Politiker befreit. Doch die Lage können die Oppositionspolitiker erst am Donnerstagvormittag unter Kontrolle bringen. Inzwischen hat sich eine provisorische Regierung unter der Politikerin Rosa Otunbajewa gebildet. Polizei und Feuerwehr sollen wieder im Einsatz sein. Durch Bischkek fahren bereits Taxis und ein paar Busse. Apotheken und Lebensmittelläden haben wieder geöffnet. Aber die meisten Bewohner der Stadt trauen sich noch immer nicht auf die Straße. Präsident Bakijew hat inzwischen seinen Rücktritt verkündet.

Rosa Otunbajewa erklärte als erstes, dass die Energietarife gesenkt werden. In einem halben Jahr sollen Wahlen sein. Politische Erfahrung haben die meisten der Oppositionspolitiker. Weil sie unter Bakijew schon einmal an der Macht waren. Oder unter Akajew. "Ich hoffe, dass sich nun etwas ändert", sagt Nurilja, eine Dolmetscherin aus Bischkek. "Wir sind oft genug enttäuscht worden. Wir wollen nicht noch einmal ausgeraubt werden."