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US-Wahlen: Bin-Laden-Botschaft heizt Finale an

Osama bin Ladens Videodrohung beeinflusst die heiße Endphase des US-Wahlkampfs: Der Terrorchef wirft Präsident Bush vor, durch sein Verhalten den 9/11-Todespiloten jede Menge Zeit verschafft zu haben. Indes hat Filmemacher Michael Moore angekündigt, die korrekte Stimmabgabe zu überwachen.

Ein neues Video-Band von Osama bin Laden hat am Wochenende die vielleicht alles entscheidende Schlussphase des Präsidentschaftswahlkampfs in den USA beherrscht. Amtsinhaber George W. Bush und sein demokratischer Herausforderer John Kerry versuchten kurz vor der Wahl am Dienstag politisches Kapital aus der Videobotschaft des Extremistenführers zu schlagen.

Die Kontrahenten bekräftigten dabei ihre Entschlossenheit, den Terror wirksam zu bekämpfen. Kerry machte Bush allerdings auch dafür verantwortlich, dass der Chef des Terrornetzwerks Al Kaida bislang noch nicht gefasst sei. In seiner wöchentlichen Radioansprache am Samstag präsentierte sich der republikanische Amtsinhaber abermals als Führer, der die innere Sicherheit der USA gestärkt habe und am besten in der Lage sei, den internationalen Terrorismus zu bekämpfen. Er rief die Bürger auf, ungeachtet ihrer politischen Überzeugung wählen zu gehen.

"Es gibt nur ein Amerika"

In einer Reaktion auf das Video Bin Ladens erklärte Bush am Freitag bei einem Wahlkampfauftritt in Toledo im US-Staat Ohio: "Lassen Sie mich eines klarstellen: Die Amerikaner werden sich von einem Feind unseres Landes nicht einschüchtern oder beeinflussen lassen. Ich bin sicher, dass Senator Kerry hier mit mir übereinstimmt." Kerry erklärte bei seinem Auftritt in West Palm Beach in Florida, dass in diesem Punkt alle US-Bürger einer Meinung seien: "Es gibt nur ein Amerika, und wir sind alle darin vereint, diejenigen zu jagen, zu fangen oder zu töten, die jene Anschläge (vom 11. September 2001) verübt haben. Und wir haben immer gewusst, dass Osama bin Laden dahinter steckt."

Gleichzeitig warf Kerry Bush aber auch vor, im Kampf gegen Al Kaida "schändlich" versagt zu haben. "Ich glaube, ich kann einen besseren Krieg gegen den Terrorismus führen als Bush", sagte der Herausforderer und versprach, die USA im Falle seines Wahlsiegs zu einem sichereren Ort zu machen. Er beschuldigte Bush, dass er Bin Laden Ende 2001 in den Bergen von Tora Bora habe entkommen lassen, weil er afghanischen Soldaten die Führung überlassen habe. "Er hat sich nicht dazu entschlossen, amerikanische Truppen zur Jagd auf Bin Laden einzusetzen. Er hat den Job ausgegliedert." Bush hielt Kerry dagegen vor, wider besseres Wissen die Unwahrheit zu behaupten. "Angesichts der neuen Videobotschaft vom Feind Amerikas ist dies besonders schändlich", kritisierte der Präsident.

Bush in Umfragen knapp vorn

Am Samstag setzte Bush eine Videokonferenz mit seiner Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, den Direktoren von Geheimdienst CIA und Bundespolizei FBI sowie den Ressortleitern der Ministerien für Justiz und Heimatsicherheit an. Der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, sagte, Bush habe sie angewiesen sicherzustellen, dass hinsichtlich des Videobands alles Nötige getan werde. Nähere Einzelheiten nannte er nicht.

In den jüngsten landesweiten Umfragen lag Bush leicht in Führung: In einer Erhebung des Nachrichtenmagazins Newsweek kam er auf 50 Prozent, Kerry erreichte 44 Prozent. Einer Umfrage des Fernsehsenders ABC zufolge entfielen auf Bush 49 und auf Kerry 48 Prozent. Eine Umfrage des Senders Fox sah Bush am Wochenende bei 47 Prozent und Kerry bei 45 Prozent.

Bin Laden schlägt in dieselbe Kerbe wie Michael Moore

Terroristenchef Osama bin Laden hat in seiner Videobotschaft US-Präsident George W. Bush vorgeworfen, mit seinem Zögern am 11. September 2001 den "Erfolg" der mörderischen Anschläge in New York und Washington erst ermöglicht zu haben. Bin Laden spielte genau auf die Szene an, die auch der Bush-kritische Filmemacher Michael Moore in seinem Film "Fahrenheit 9/11" aufgespießt hatte.

Bush hatte damals eine Schule in Sarasota (Florida) besucht und mit den Kindern ein Märchen gelesen. Als ihm ein Berater flüsternd über die Anschläge berichtete, blieb Bush, scheinbar ungerührt und mit unbewegter Miene, noch mehrere Minuten weiter bei den Schulkindern sitzen.

Bin Laden sagte laut einer dpa-Übersetzung wörtlich: "Wir hatten mit dem Emir Mohammed Atta, Gott segne seine Seele, vereinbart, alle Aktionen innerhalb von 20 Minuten auszuführen, bevor Bush und seine Führung darauf aufmerksam werden konnten. Es wäre uns nie in den Sinn gekommen, dass der Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte 50 000 seiner Bürger in den zwei Türmen alleine lassen würde mit diesem großen Schrecken, wenn sie ihn am dringendsten gebraucht hätten. Es schien ihm (Bush), dass die Worte eines kleinen Mädchens über ihre Ziege und deren Stoß mit den Hörnern wichtiger waren als die Flugzeuge und deren Stoß gegen die Wolkenkratzer. Das gab uns drei Mal mehr Zeit als nötig, um die Aktionen auszuführen, Gott sei Dank."

Bush hatte seine Reaktion vor laufenden Kameras damit begründet, dass er die allgemeine Unruhe nicht noch mit einer dramatischen Reaktion eines hastigen Aufbruchs verstärken wollte.

Moore will Stimmabgaben überwachen

Der Filmemacher Moore will die Stimmabgabe bei der US-Präsidentschaftswahl überwachen und hunderte Beobachter mit Kameras vor Wahllokalen in Ohio und Florida postieren. Dies sei eine Botschaft an diejenigen, die eine Stimmabgabe unterdrücken wollten, erklärte Moore: "Einschüchterung der Wähler ... wird nicht toleriert".

Insgesamt sollen sich 1.200 Helfer in den beiden so genannten "Swing States" aufstellen - hier liegen Amtsinhaber George W. Bush und sein demokratischer Herausforderer John Kerry in den Umfragen Kopf an Kopf. Überwacht werden soll der Wahlprozess besonders in Gebieten mit einem hohen Anteil an Minderheiten.

Der Produzent von "Fahrenheit 9/11" nahm am Samstagabend an einer Wahlkampfveranstaltung in Ohio teil. Besuche in Ohio und Florida sind außerdem für den Wahltag am Dienstag geplant, wie eine Sprecherin Moores erläuterte. Aus Florida wurden bereits Probleme bei der Stimmabgabe gemeldet. Hier entschieden vor vier Jahren nur 537 Stimmen über den Sieg im Bundesstaat und damit über den Einzug Bushs ins Weiße Haus.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters