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Verdacht auf "Sabotageakt" Die Gaslecks offenbaren eine Schwachstelle Europas. Dahinter könnte Kalkül stecken

Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission
Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission: "Es ist von größter Wichtigkeit, die Vorfälle jetzt zu untersuchen"
Die Lecks in den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 geben nach wie vor Rätsel auf. Als wahrscheinlich gilt eine Sabotageaktion. Aber mit welcher Motivation?

Nach wie vor verweigern sich viele Fragen einer belastbaren Antwort, doch an einen technischen Defekt oder Zufall wollen immer weniger glauben. Stattdessen wird vermehrt der Verdacht geäußert, dass die Lecks an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 auf einen Sabotageakt zurückzuführen sind, also eine vorsätzliche Handlung den plötzlichen Druckabfall in den Röhren zur Folge hatte (lesen Sie hier mehr dazu).

"Alle verfügbaren Informationen deuten darauf hin, dass diese Lecks das Ergebnis einer vorsätzlichen Handlung sind", erklärte nun auch der EU-Außenbeauftrage Josep Borell im Namen der 27 Mitgliedsstaaten. Jede vorsätzliche Störung der europäischen Energieinfrastruktur werde "mit einer robusten und gemeinsamen Reaktion beantwortet werden", sagte er am Mittwoch. 

Zuvor hatte auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von einer "Sabotageaktion" gesprochen, ähnlich äußerten sich die Regierungen in Dänemark und Schweden. "Es ist von größter Wichtigkeit, die Vorfälle jetzt zu untersuchen und vollständige Klarheit über die Ereignisse und die Gründe zu erhalten", so von der Leyen.

Über die Hintergründe lässt sich derzeit nur spekulieren, auch ein Urheber des möglichen Sabotageaktes ist bislang nicht ausgemacht. Unsicherheit schürt der Vorgang aber schon jetzt. 

Europas Energieinfrastruktur zeigt sich verwundbar

Zwar haben die Lecks in den Nord-Stream-Pipeleines praktisch keine unmittelbaren Auswirkungen auf die europäische Energieversorgung. Nord Stream 2 ist nie in Betrieb gegangen und durch Nord Stream 1 fließt schon seit August kein Gas mehr. Allerdings zeigen die Vorfälle, dass die europäische Energieinfrastruktur verwundbar ist. 

Schon im Juni soll die CIA mehrere europäische Länder gewarnt haben, darunter auch Deutschland, dass es möglicherweise zu Angriffen auf die Ostsee-Pipelines kommen könnte. Das berichtet nun auch die "New York Times", zuvor hatte "Der Spiegel" den entsprechenden Hinweis des US-Geheimdienstes publik gemacht. Wurden die Warnungen nicht ernst genommen?

Jedenfalls machten die Pipeline-Lecks deutlich, wie gefährdet lebenswichtige Systeme durch Angriffe von außen sein können, sagte Julian Pawlak vom German Institute for Defense and Strategic Studies (GIDS) zur "New York Times". Die Botschaft hinter der mutmaßlichen Sabotageaktion könnte daher sein, "was man mit einer Offline-Pipeline tun kann, kann man auch mit aktiven Pipelines, Unterseekabeln oder anderer Infrastruktur tun."

Zumindest Polen sieht daher eindeutig einen Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine. "Wir kennen heute noch nicht die Details dessen, was da passiert ist, aber wir sehen deutlich, dass ein Sabotageakt vorliegt", sagte Regierungschef Mateusz Morawiecki am Dienstag bei der Eröffnung der Gaspipeline Baltic Pipe, die Erdgas aus Norwegen über Dänemark ins Land bringen wird. Dieser Sabotageakt sei "wahrscheinlich die nächste Stufe der Eskalation, mit der wir es in der Ukraine zu tun haben". 

Nach Informationen der "Welt" werde es in Sicherheitskreisen für möglich gehalten, dass es sich bei den Gaslecks um eine Art Warnschuss und Drohung Russlands handeln könnte. Die Aktion solle demnach zeigen, dass Russland in der Lage sei, Pipelines in der Nord- und Ostsee zu zerstören. 

Die Regierung in Moskau zeigte sich ihrerseits "extrem besorgt". Die "noch nie dagewesene Situation" müsse "dringend untersucht" werden, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Auf die Frage, ob es sich um einen Sabotageakt handeln könnte, sagte er, es könne "keine" Option ausgeschlossen werden. So weit, so unklar.

"Ein Angriff auf unsere Energie-Infrastruktur ist ein Angriff auf unser Land"

So oder so stiegen die Gaspreise am Dienstag wieder an, nachdem die Pipelines in großem Umfang leckgeschlagen hatten. War es das Ziel der mutmaßlichen Saboteure, Unsicherheit zu schüren?  

Ganz gleich, wer hinter der möglichen Sabotageaktion stecken könnte: Experten zeigen sich alarmiert. Denn während die Lecks in den Nord-Stream-Pipelines praktisch keine Folgen auf die europäische Versorgung haben, könnte sich ein ähnlicher Angriff auf andere Röhren als kritisch erweisen. 

  • "Ein ähnlicher Angriff auf eine Pipeline von Norwegen nach Großbritannien, Deutschland oder Polen hätte enorme Auswirkungen auf die europäische Gasversorgung", schrieb Lion Hearth, Professor für Energiepolitik an der Hertie School, auf Twitter. Der Vorfall sei "eine deutliche Erinnerung an die Verwundbarkeit unserer Energieinfrastruktur." 
  • "Die Unterwasserpipelines, die die Gasfelder in der Nordsee und dann Norwegen mit dem Rest des Kontinents und dem Vereinigten Königreich verbinden, gehören derzeit zu den strategisch wichtigsten Vermögenswerten für Europa", schrieb Javier Blas auf Twitter. "Höchste Zeit für maximalen Schutz", so der Energie-Experte der Nachrichtenagentur Bloomberg. Auch Cyberangriffe auf Energieanlagen seien für Europa ein zentrales Risiko.
  • "Die weltweiten Netze unter Wasser sind für die Energieversorgung, aber auch für die Stabilität des Internets enorm wichtig, trotz ihrer Bedeutung aber sind sie bis heute gegen Angriffe oder Sabotageakte fast überhaupt nicht geschützt", zitierte "Der Spiegel" einen hochrangigen Bundeswehrmann. Der Vorfall an den Nord-Stream-Pipelines zeige, dass man die Gefahr möglicherweise unterschätzt habe.

Die Lecks dürften den Europäern daher die Notwendigkeit bewusster machen, solch kritische Infrastruktur zu sichern, glaubt Julian Pawlak vom German Institute for Defense and Strategic Studies. "Die Sicherheits- und Militärdienste waren sich dem immer bewusst, aber es ist eine ganz andere Sache, das Bewusstsein in alle politischen Kreise zu bringen." 

Verdacht auf "Sabotageakt": Die Gaslecks offenbaren eine Schwachstelle Europas. Dahinter könnte Kalkül stecken

Dieses Bewusstsein dürfte nun wachsen. Schweden kündigte bereits an, militärische Ressourcen bereitzuhalten. Norwegen will nach den Gaslecks auch die Sicherheitsvorkehrungen an seinen Ölanlagen verstärken. Und auch in Deutschland dürfte das Thema an Fahrt aufnehmen.

Nach den Lecks an den Osteee-Gaspipelines hält der FDP-Energiepolitiker Michael Kruse einen wirksamen Schutz anderer Pipelines für notwendig. Sie müssten vor "Sabotage und Angriffen" geschützt werden, sagte er am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur, seien sie für die deutsche und europäische Gasversorgung "von überragender Bedeutung". Pipelines und LNG-Terminals müssten Tag und Nacht überwacht, geschützt und vor möglichen Angriffen gesichert werden, forderte Kruse. "Ein Angriff auf unsere Energie-Infrastruktur ist ein Angriff auf unser Land und auf die Europäische Union."

Quellen:  "New York Times", "Der Spiegel", "Die Welt", mit Material der Nachrichtenagenturen DPA und AFP

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