VG-Wort Pixel

Vorbild Schottland Wales wählt ein neues Parlament – und viele Menschen träumen von der Unabhängigkeit

Ein Schild mit der Aufschrift "Polling Station" ("Wahllokal")
Ein Wahllokal in Großbritannien. Dort finden an diesem Donnerstag mehrere Wahlen statt. In Wales war eines der Themen im Wahlkampf die Unabhängigkeitsdebatte.
© Tayfun Salci / DPA
Superwahltag in Großbritannien: Auch in Wales stimmen die Bürger an diesem Donnerstag über ein neues Regionalparlament ab – und diskutieren über ihren Traum von der Unabhängigkeit.

Es sind unruhige Zeiten in Großbritannien. Zwar läuft die Corona-Impfkampagne unter Premierminister Boris Johnson deutlich besser als im Rest Europas. Teils dürfen sogar wieder Pubs und Restaurants öffnen, was den Optimismus der Bevölkerung beflügelt. Doch das Vereinigte Königreich scheint nach dem Brexit zerstrittener denn je. Inzwischen diskutieren nicht nur die Schotten über das Thema Unabhängigkeit – auch im deutlich kleineren Landesteil Wales werden die Stimmen lauter, die eine Abspaltung ihres Landesteils vom Mutterland mit seiner Hauptstadt London fordern. Die Johnson-Regierung ist nicht erfreut.

Für Wales ist diese Debatte bemerkenswert, tat sich doch in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel in dieser Hinsicht. Die Waliser, ganz im Westen Großbritanniens, galten zwar stets als etwas eigen – hier ist das keltische Walisisch, das mit dem Englischen nichts gemein hat, noch eine lebendige Sprache. Große, separatistische Tendenzen wie in Schottland oder Nordirland gab es hier kaum. Seit Jahrzehnten regiert die Labour-Partei, es verändert sich wenig, auch nicht die im Vergleich zu anderen Teilen Großbritanniens teils hohe Armut. Eine Abspaltung Wales‘ von Großbritannien befürwortete nur eine kleine Minderheit.

Eine Mehrheit für eine Unabhängigkeit gibt es auch jetzt nicht – jedoch wird das Thema im aktuellen Wahlkampf deutlich stärker thematisiert als in früheren Jahren. Medienberichten zufolge wird eine Loslösung vom Rest des Königreichs aktuell etwa von einem Drittel der Waliser befürwortet, eine TV-Umfrage ergab vor ein paar Wochen sogar 39 Prozent. Früher waren es nie mehr als zehn Prozent.

Auch in Wales beflügelt der Brexit die Unabhängigkeits-Debatte

Der Brexit und der Kurs der Johnson-Regierung trieben viele Menschen in die Arme der Unabhängigkeitsbewegung, heißt es. Ihre Zahl liege zwar "weit von den beständigen Mehrheiten entfernt, wie wir sie zuletzt in Schottland gesehen haben", zitierte die Deutsche Presse-Agentur den Politologen Richard Wyn Jones von der Universität Cardiff.  "Aber für walisische Verhältnisse ist das ein ziemlicher Anstieg." Wales wählt an diesem Donnerstag. Hier stimmen die Bürger über die Zusammensetzung der Senedd in Cardiff ab, das walisische Abgeordnetenhaus. Gleichzeitig wählen die Schotten ihr neues Parlament, in England finden Kommunalwahlen statt. Ein Superwahltag für Großbritannien.

Was viele Wähler in Wales derzeit am Kurs der Regierung in London störe, sei ihr Bestreben nach einer Konzentration der Macht, sagen Beobachter. Die konservative Tory-Regierung nutze den Brexit, um die politische Führung wieder stärker in London zu zentralisieren, statt den Regionalregierungen weitere Befugnisse zu geben, urteilt Politologe Jones. Es seien vor allem junge Leute, die sich für eine Loslösung von Großbritannien erwärmen könnten.

Das zeigen auch Stimmen, die britische TV-Sender in diesen Tagen in der heißen Phase des Wahlkampfs in Wales einsammeln. Wenn nicht jetzt, wann dann, fragen sich jüngere Wähler. Befürworter der Einheit mahnen dagegen, in der Pandemie sei nicht der richtige Zeitpunkt für eine solche Diskussion. Wieder andere honorieren die Impfkampagne unter der Johnson-Regierung. Ob Wales die schnellen und massenhaften Impfungen in Eigenregie hinbekommen hätte, bezweifeln manche.

Gespannter Blick nach Schottland

Es ist der Austritt der Briten aus der Europäischen Union, der auch in Wales die Befürworter für eine Unabhängigkeit erstarken ließ. Beim Brexit-Referendum 2016 hatten die Waliser zwar noch für den Austritt aus der EU gestimmt. Inzwischen jedoch besagen Umfragen, dass 44 Prozent der dortigen Bürger gern in die Gemeinschaft der Europäer zurückkehren würden, 38 Prozent stünden weiterhin hinter dem Brexit.

Der Kurs der Schotten dürfte in diesen Tagen genau in Wales beobachtet werden. Bewege er sich weiter in Richtung eines neuen Unabhängigkeits-Referendums, könnte dies auch die separatistischen Tendenzen in Wales befeuern, meinen Beobachter.

In Schottland strebt die Regionalregierung nach der Parlamentswahl ein neues Unabhängigkeitsreferendum an, nachdem die Abstimmung 2016 den Verbleib der Schotten in Großbritannien zur Folge hatte. Dieses Thema dominierte sogar den Wahlkampf im Norden der britischen Inseln.

Komme es trotz Widerstands der Zentralregierung in London dazu und stimme Schottland für die Unabhängigkeit, könnte dies einen Domino-Effekt auch in Wales auslösen, schätzt Politologe Jones. Auch der Chef der Pro-Unabhängigkeitspartei Plaid Cymru ("Walisische Partei"), Adam Price, sieht das so. Der Brexit sei eine Art "Antriebsrakete" der Unabhängigkeitsbewegung, wurde er mehrfach in der britischen Presse zitiert.

Boris Johnson trägt eine Gesichtsmaske mit der walisischen Flagge
Boris Johnson bei seinem Wahlkampfbesuch in dieser Woche in Wales. Die Debatte um mehr Eigenständigkeit des Landesteils missfällt dem britischen Premier sehr.
© Matthew Horwood / Getty Images

Wahrscheinlich siegt Labour in Wales – wie sonst auch

Plaid Cymru ist die Schwesterpartei von Nicola Sturgeons SNP in Schottland. Doch so erfolgreich wie die Schotten sind wie walisischen Brüder nicht und werden aktuellen Prognosen zufolge auch keinen großen Sieg bei der Wahl an diesem Donnerstag einfahren.

Vielmehr deutet alles darauf hin, dass Labour unter Regierungschef Mark Drakeford auch dieses Mal der Wahlsieger in Wales sein wird. Das liegt wohl auch daran, dass seine Partei zwar keinen Bruch mit London will. Allerdings strebt auch Drakeford eine größere Autonomie für seinen Landesteil an. Dieser gemäßigte Kurs kommt gut an bei den dortigen Bürgern.

Mehr Autonomie – das klingt eigentlich harmlos, genügt aber schon, um Premier Boris Johnson auf die Palme zu bringen. Bei einem Wahlkampfbesuch zu Beginn dieser Woche wählte er harsche Worte und nannte die dortigen Labour-Politiker "Separatisten".

Wales ist von einer Unabhängigkeit auch weiterhin sehr weit entfernt und wird vielleicht nie ein Referendum darüber anstreben. Doch eine Debatte darüber ist längst im Gange und macht der Zentralregierung in London Sorgen.

Quellen: BBC, "Spiegel.de", "Faz.net", dpa


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker