Washington Memo Texanisches Dinner auf einem Pulverfass

Wenn Präsident und Kanzlerin auf der Chapel Prairie Ranch im familiären Kreis dinieren, steht Explosives auf dem Programm: Der Konflikt mit dem Iran. In den USA dröhnen die Kriegstrommeln. Merkel muss dazu klar Position beziehen - ohne Bush zu verprellen. Der hat in Europa zudem einen neuen Freund gefunden.
Von Katja Gloger, Crawford

Manchmal, so scheint es, ist es ziemlich mühsam, auf dem Pfad der Diplomatie zu wandeln. Da läuft man und läuft, Kurven um Kurven, überwindet Hindernisse, weicht Steinschlag aus, und dann...gelangt man doch nur an den Rand eines Abgrundes.

So ähnlich muss es in den vergangenen Wochen auch Nick Burns ergangen sein. Der smarte Amerikaner ist Frontmann von Außenministerin Condoleezza Rice für die Iran-Frage. Er soll eine diplomatische Lösung der zurzeit gefährlichsten Krise herbeizaubern. Denn für den Versuch einer diplomatischen Lösung hatte seine Chefin immerhin das OK des Präsidenten bekommen. Und das vielleicht auch, weil sich George W. Bush vergangenen Dezember mit seinen Generälen zur Iran-Frage beraten hatte. Fragte sie damals in einem abhörsicheren Raum mit Namen "der Tank", ob eine Militäraktion gegen den Iran "erfolgreich" sein könne. Er bekam von den Militärs ein klares "No!" zu hören. Einstimmig. Und man kann davon ausgehen, dass auch Verteidigungsminister Robert Gates vor den Risiken eines Militärschlages warnt.

Eine Zeit der Diplomatie

Also rief George W. Bush die "Zeit der Diplomatie" aus. Geduldige Verhandlungen, Aushandeln von Kompromissen, Geben und Nehmen - das gehört ja nicht gerade zu seinen Stärken. Doch er stimmte dem Versuch zu, gemeinsam mit den Europäern und den Vereinten Nationen Teherans Atomprogramm zu stoppen. Man stimmte auch zu, als der UN-Sicherheitsrat ein paar Sanktionen beschloss. Auch wenn es eher 'Sanktiönchen' waren, die bislang kaum etwas bewirkten. Doch so, kalkulierte man im Weißen Haus, könne man wenigstens guten Willen zeigen.

Und als zusätzliche Maßnahme schickte man einen hochgewachsenen Mann mit fließenden Deutschkenntnissen durch die Welt, vorzugsweise nach Deutschland: Robert Kimmitt, den stellvertretenden Finanzminister. Er trommelt für einseitige Sanktionen und ein faktisches Handelsembargo, und mittlerweile "überzeugte" er schon einige deutsche Banken und Firmen, ihre Geschäfte mit dem Iran einzustellen.

Und stets lautete die Forderung der USA: Teheran soll sein Uran-Anreicherungsprogramm dauerhaft aufgeben. Dann könne man sich an den Verhandlungstisch setzen. Das aber gleicht dem Versuch, die Quadratur des Kreises zu vollbringen. Denn in Teheran denkt man gar nicht daran, die Urananreicherung zu stoppen. Und in Washington ist man entschlossen, mit dem "Bösen" nicht zu verhandeln.

Und so scheint es, als laufe die Zeit der Diplomatie ab. "Die Diplomatie ist nicht ausreichend" klagt Nick Burns. "Wir ziehen die Schrauben an", heißt es im Weißen Haus.

Katja Gloger

Die US-Hauptstadt ist ein politisches Haifischbecken, in dem getuschelt, geschmiedet, verschworen und gestürzt wird. Mittdendrin: Katja Gloger. Die stern-Korrespondentin beobachtet in ihrer Kolumne "Washington Memo" den Präsidenten und beschreibt die, die es werden wollen. Dazu der neueste Klatsch aus dem Weißen Haus und von den Fluren des Kongresses.

Jeder zweite Amerikaner befürwortet einen Militärschlag

Das Kriegsgetrommel aus Washington wird lauter. Werden sie sich am Ende doch noch durchsetzen, die neokonservativen Kampftruppen um Vizepräsident Richard Cheney, die den Iran als größte Bedrohung für den Weltrieden sehen? Die fest davon überzeugt sind, es gehöre zu ihren patriotischen Pflichten, den Iran zu stoppen, bevor er Atommacht wird? Die - wie etwa Cheneys enger Mitarbeiter David Wurmser - offen mit dem Szenario eine "zufälligen" Krieges spielen, mit der Eskalation eines Konfliktes etwa nach einem israelischen Luftangriff , der dem Präsidenten keine andere Wahl ließe und Friedenstäubchen Condi Rice ausbooten würde. Die öffentliche Meinung? Vor zwei Wochen veröffentlichte das Zogby-Institut eine Umfrage: demnach befürwortet jeder zweite Amerikaner einen Militärschlag, um zu verhindern, dass der Iran Atommacht wird. Und 53 Prozent der Amerikaner glauben, dass es vor den nächsten Präsidentschaftswahlen zu einem Militärschlag kommen wird.

Immer schärfer wird die Rhetorik. Nervös registriert man in Europa jede kleinste Veränderung in der Wortwahl. Da orakelt Präsident Bush über den "Dritten Weltkrieg". Da macht sein Vize Cheney glasklar: "Wir werden es nicht zulassen, dass der Iran eine Atomwaffe bekommt." Und droht mit "ernsten Konsequenzen."

Ein frühes Mittagessen und danach wieder nach Hause

Eine aber will unverdrossen weiter auf dem Pfad der Diplomatie wandeln, auch wenn er durch trockenes texanisches Unterholz führt. Angela Merkel wird an diesem Wochenende die Ehre zuteil, die Bushes zu Hause zu besuchen, auf der Ranch in Texas. Ein Kurzbesuch, kürzer geht es kaum: ein Abendessen am Freitag, eine Arbeitsitzung am Samstagmorgen, schon um 11.25 Uhr will man vor die winzige Presse-Delegation treten. Ein frühes Mittagessen und zack, wieder nach Hause. Lediglich Gatte Joachim Sauer und der eloquente Sicherheitsberater aus dem Kanzleramt Christoph Heusgen sind dabei. Präsident Bush hat neben Sicherheitsberater Hadley auch seine Außenministerin Rice dazu geladen, aber Condi gehört ja faktisch zur Familie. Vielleicht setzt sie mal wieder ans Klavier und spielt patriotische Lieder.

Ganz privat soll es zugehen, eben der Gegenbesuch nach dem netten Grillabend, den Bush einst in einem deutschen Ort namens Trinwillershagen verbracht hatte. "Wir machen, was sie will", sagt Bush. "Ich will ihr ein Stück Erde zeigen, das ich innig liebe." Allein die (deutsche) Kettensäge wird er dieses Mal wohl nicht auspacken, obwohl sich der Präsident sonst nur allzu gerne durch das Unterholz arbeitet.

Ein Besuch bei Freunden soll es sein - doch vielleicht wird er zu einer der wichtigsten Politreisen der Kanzlerin.

Von Merkel werden klare Worte erwartet

Denn irgendwie muss sie ihrem amerikanischen Freund klarmachen, dass die Deutschen gegen jede militärische Option im Iran sind. Zu Hause erwartet man von ihr ein glasklares "Nein" zu Militäraktionen. Erwartet eine Art Schröder-Bekenntnis, einen "Goslar-Moment" vielleicht gar. Und es sind nicht nur die Koalitionspartner in der SPD (Kurt Beck: "Es kann keine militärische Option gegenüber dem Iran geben") - auch in der CDU/CSU fordert man deutliche Worte: "Eine militärische Auseinandersetzung muss unter allen Umständen vermieden werden", mahnt etwa der CSU-Außenpolitiker Karl-Theodor Guttenberg, ein Freund Amerikas. " Das müssen wir den Amerikanern klar sagen." Angela Merkel weiß um die delikate Mission. Ihre Botschaft muss laut genug sein, um in Deutschland gehört zu werden und zugleich leise genug, um Bush nicht zu verprellen. Sie weiß auch, das Thema Iran wird in den USA mittlerweile ganz anders diskutiert als in Deutschland: "Die Stimmung in den USA hat sich sehr verschärft", sagt einer ihrer Berater.

Einseitige Sanktionen von den USA

Zum Verdruss der Europäer verhängten die USA gerade einseitige Sanktionen. Setzten dabei auch Irans größte Bank, die Melli Bank, auf ihre Liste. Wer als Amerikaner oder als Firma mit Sitz in den USA mit dieser Bank Geschäfte macht, muss von nun an Strafverfolgung fürchten. Vor allem aber wurden die iranischen al-Quds Brigaden zur terroristischen Vereinigung erklärt. Auch der Senat verabschiedete eine entsprechende Erklärung - unterzeichnet auch von Dutzenden Demokraten. Wie etwa Hillary Clinton.

Damit erweitert sich der ein möglicher Schlag gegen das Mullah-Regime nun um die Option Irak. Denn dort töten angeblich im Iran gebastelte Bomben amerikanische Soldaten. General David Petraeus, oberster Feldherr der USA im Irak, spricht mittlerweile offen von einem "Stellvertreterkrieg", den vom Iran unterstützte Milizen im Irak gegen die USA führten. "Was zunächst als eine Mission im Kampf gegen Massenvernichtungswaffen präsentiert wurde, wird jetzt als Kampf gegen Terrorismus dargestellt", meint der renommierte Journalist Seymour Hersh.

Einmal durch die ganze Welt

Offiziell steht beim Treffen in Crawford einmal die ganze Welt auf dem Programm: Pakistan und Afghanistan, der Kosovo, wo Ungemach durch Unabhängigkeit droht, Burma, und auch die Klimakatastrophe darf nicht fehlen. Doch der Iran könnte gar zur Nagelprobe für die neue deutsch-amerikanische Freundschaft werden. Angela Merkel will die Diplomatie beschwören und George Bush erneut auf ein gemeinsames Vorgehen der internationalen Gemeinschaft festlegen, auf die Vereinten Nationen. Sie weiß, die USA können Europa in eine diplomatische Sackgasse treiben: denn weitere Sanktionen ohne Wirkung könnten den Vorwand zum Krieg liefern. Und keine weiteren Sanktionen erst recht.

Also wird sie es, wie auch schon in Vergangenheit, mit der beharrlich bodenständigen Freundlichkeit versuchen, die bei einem bekehrten Zyniker wie Bush gut ankommt. Ein bisschen mütterlich, ein bisschen Lehrerin. Sie wird härtere UN-Sanktionen gegen den Iran in Aussicht stellen, vielleicht in Bezug auf iranische Banken. Und zur Not will sie sich auch für einseitige Maßnahmen der EU einsetzen.

Bush hat einen neuen Freund

Bleibt nur ein Problem: Warum sollte George W. auf sie hören? Schließlich hat ihm Merkel schon ein paar Mal höflich die Leviten gelesen - ohne echte Folgen. Zuletzt, beim G-8 Treffen in Deutschland, da wollte sie Bush auf ein gemeinsames Vorgehen in der Klimapolitik einschwören. Der lächelte, lobte die Kanzlerin - und kam eiskalt mit einer eigenen, unverbindlichen Initiative.

Und außerdem hat er einen neuen Freund in Europa - Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Der wirbelte gerade auf einem Staatsbesuch durch Washington, um den im Rest der Welt so verachteten Amerikanern ein ums andere Mal zu versichern: "Ich liebe Amerika." Bush würdigte "Super Sarko" mit höchstoffiziellem Staatsdinner im Weißen Haus, zog seinen Smoking an und absolvierte sogar das Abendunterhaltungsprogramm um 21.30 Uhr - eine besondere Ehre: denn um diese Zeit liegt Mr. President normalerweise schon im Bett und liest die Bibel.

"Es macht Spaß, ihn um sich zu haben"

Sarkozy stellte kühn die Rückkehr Frankreichs in die Nato in Aussicht und fuchtelte wild mit dem erhobenen Zeigefinger, als er in einer Rede vor dem Kongress verkündete: "Ein nuklearer Iran ist nicht akzeptabel." Dafür bekam er stehenden Applaus von den Abgeordneten. Von denen, die vor wenigen Jahren noch die "french fries" in der Kongresskantine in "freedom fries" umbenannt hatten - aus Protest gegen das französische "Non" zum Irak-Krieg. "Es macht Spaß, ihn um sich zu haben", lobt Bush den neuen Freund. "Er ist wie ich. Er will Probleme lösen. Auch er handelt nach dem Prinzip: Hier ist ein Problem - auf geht's, lass es uns lösen."

In Crawford wird er sich wohl besonnen geben. "Wir brauchen die Hilfe Deutschlands bei Problemen wie Iran, damit wir diese Angelegenheit diplomatisch lösen können", verspricht er. Doch im gleichen Atemzug sagt er auch: "Ich habe die US-Truppen bereits zwei Mal ins Feuer geschickt. Ich schulde es dem amerikanischen Volk, sagen zu können, dass ich versucht habe, dieses Problem diplomatisch zu lösen."

George W. Bush versucht es. Auf seine Art. "Dieser Präsident glaubt, es ist seine moralische Verantwortung, drohende Probleme jetzt zu lösen und sie nicht seinem Nachfolger zu überlassen", sagt ehemaliger Mitarbeiter im Weißen Haus.

George W. Bush hat noch 14 Monate im Amt. Das ist viel Zeit. Verdammt viel Zeit.

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