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Schlag 12 - Der Mittagskommentar Krugman kapituliert vor Tsipras' Tölpelei

Rettungspaket für Griechenland
Tsipras in der Rolle des Vasallen: Die griechische Regierung hat sich nun an die Sparauflagen der Eurogruppe zu halten
© Orestis Panagiotou/ EPA
US-Nobelpreisträger Paul Krugman hat vom Schreibtisch aus immer Syriza unterstützt. Nun der Turnaround: Selbst Krugman versteht nicht, wie Tsipras so deppert in Brüssel verhandeln konnte.
Ein Kommentar von Axel Vornbäumen

Unter den intellektuellen Abwicklungsarbeiten des sagenumwobenen Brüsseler Griechenland-Rettungsgipfels ist dies bislang die mit Abstand erstaunlichste Volte: Der US-amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CNN, nun ja, zugegeben, dass er ganz offenkundig die politische Verhandlungskompetenz der griechischen Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras überschätzt hat. Ausgerechnet Krugman!

Ein Haufen Dilettanten

Der Nobelpreisträger, so die Quintessenz des Interviews, wundert sich erheblich darüber, dass offenkundig ein Haufen Dilettanten ohne Netz und doppelten Boden in die schicksalsträchtige Brüsseler Verhandlungsnacht gestolpert ist. Motto: Mal gucken, wie es so läuft. Wird schon. "Sie haben erstaunlicherweise geglaubt, dass sie bessere Bedingungen verlangen können, ganz ohne einen Notfallplan in der Tasche zu haben." Nun, so der enttäuschte Preisträger, hätten sie den (griechischen) Salat. Das Athen in Aussicht gestellte dritte Hilfspaket sei nur "unter deutlich schlechteren Bedingungen" zu haben gewesen. Für Krugman: "Ein Schock".

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman im Interview über die Griechenlandkrise
© Nicholas Kamm/ AFP

Der wortgewaltige Wirtschaftswissenschaftler hatte zuvor das Verhandlungsangebot der Eurogruppe als ein Angebot abgetan, "das Griechenland nicht annehmen kann - nichtsdestotrotz ist es ein grotesker Verrat an allem, wofür das europäische Projekt eigentlich stehen sollte".  Und Krugman wetterte weiter: "Lasst uns darüber im Klaren sein: In den vergangenen Wochen haben wir gelernt, dass Mitglied der Eurozone zu sein bedeutet, dass die Gläubiger Deine Wirtschaft vernichten können, wenn Du aus der Reihe tanzt".

Die eigentliche Tragödie

Nun hat Krugman reichlich spät dazu gelernt, dass zu guter Regierungsarbeit ganz offenkundig doch ein wenig mehr gehört, als das bloß kraftvolle Vortragen der eigenen Überzeugung oder das Kopieren der einschlägigen Kapitel aus den Handbüchern für Volkswirtschaft. Es wird die Historiker beschäftigen, später einmal, wie viel die Regierung Tsipras im Frühjahr 2015 durch halsstarriges Auftreten, ungenügende Vorbereitungen und dilettantische Verhandlungsführung an griechischer Wirtschaftskraft verspielt hat, die nun mühsam und unter Schmerzen wieder aufgebaut werden muss. Es könnte als die eigentliche griechische Tragödie in die Geschichtsbücher eingehen.

Denn Krugman mag in der Sache Recht haben - eine rezessionsgeplagte Volkswirtschaft schlittert unter harten Sparauflagen immer tiefer in die Krise.  Aber die reine Volkswirtschaftslehre ist eben nur eine Seite der Medaille - sie auch in die Realpolitik umsetzen zu können, ist die Königsdisziplin. Tsipras ist daran bis auf Weiteres krachend gescheitert. Ihm bleibt vorerst nur die Rolle des Vasallen. Nicht nur für jemanden wie Paul Krugman ist das eine bittere Wahrheit.

Axel Vornbäumen folgt Krugman unter @NYTimeskrugman. Dem Schlag-12-Autor kann man auf Twitter folgen unter @avornbaeumen


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