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Xenia Sobtschak: Eine "Blondine in Schokolade" macht sich auf den Weg in den Kreml

Schrill, frivol und ziemlich nackt: Als "Blondine in Schokolade" ist Xenia Sobtschak in die Annalen des russischen Trash-TVs eingegangen. Nun will sie für das Präsidentenamt kandidieren und gibt sich als liberale Oppositionelle. Dabei gehört sie seit ihrer Geburt zur Kreml-Elite.

Dass die russischen Parlamentswahlen im kommenden März nicht ohne knallige Überraschungen auskommen werden, wurde bereits im Sommer deutlich. Damals tauchten die ersten Gerüchte auf, dass eine Frau sich als Kandidatin für das Präsidentenamt aufstellen lassen will. Seit 14 Jahren hat man in Russland sowas nicht mehr erlebt! Seitdem überbieten sich die politischen Analysten des Landes in spekulativen Überlegungen, um wen es sich denn handeln könnte. Unzählige Namen wurden durchgekaut. Und irgendwann fiel auch der von Xenia Sobtschak. Als Scherz. 

Die 35-Jährige ist als die "Blondine in ", wie sie sich selbst einmal bezeichnete, in die Annalen des russischen Trash-Fernsehens eingegangen. Frivol, dreist und ziemlich nackt tingelte sie durch die Party-Szene in Moskau, ließ sich für den Playboy ablichten und goss allerlei schmutzige Details aus ihrem Privatleben über die russische Öffentlichkeit aus. Als Moderatorin der skandalösen Reality-Show "Dom-2" (zu Deutsch: Haus-2) erreichte Sobtschak 2004 den bis dato denkwürdigsten Punkt ihrer TV-Karriere: Acht Jahre lang präsentierte sie das hormonübersättigte Liebesgeplänkel von Provinz-Barbies mit aufgeklebten Plastiknägeln und Möchtegern-Machos auf Steroiden, die ungeniert vor laufenden Kameras kopulierten. 

Dass ausgerechnet Sobtschak die ominöse Frau sein sollte, die ein Auge auf das geworfen hat, konnte ja nur ein schlechter Witz sein - dachten viele, wenn nicht alle. Doch sie irrten.

Xenia Sobtschak posiert für die Presse in einem Einkaufszentrum

Xenia Sobtschak posiert für die Presse in einem Einkaufszentrum

Wer gegen alle ist, wählt Xenia Sobtschak

Am Mittwoch verkündete die russische , wie ihre Kritiker sie verspotten, ihre Absicht, sich zur Wahl zu stellen. Und zwar wie es sich für ein It-Girl gehört: via Youtube. "Sie haben keinen Favoriten? Dann machen Sie ihr Kreuzchen bei Sobtschak", rief sie ihr Auditorium aus der heimischen Küche auf. "Ich kandidiere. Und zwar nicht als einfache Kandidatin, sondern als Stellvertreterin für alle, die nicht kandidieren können." 

In einem Programmbrief, den die Zeitung "Wedomosti" veröffentlicht hat, erklärt Sobtschak ihre Beweggründe für die Entscheidung und positioniert sich als eine Protest-Kandidatin. "In den noch dramatischeren Oktobertagen des Jahres 1993 wurde in Russland die legale Möglichkeit geschaffen, Wahlen zu boykottieren", erinnert sie in ihrem Brief. Damals wurde auf den Wahlzetteln eine neue Spalte integriert: "Gegen alle" hieß sie. Wer es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte, für einen der aufgestellten Kandidaten zu stimmen, konnte hier sein Kreuzchen machen. "Ein legales und absolut friedliches Instrument, um seine Unzufriedenheit mit dem Wahlverfahren, der Zusammensetzung der Anwärter und der nicht abwählbaren Regierung zum Ausdruck zu bringen", so Sobtschak. 

Doch diese Spalte existiert seit 2006 nicht mehr. "Mit meiner Teilnahme an den Präsidentschaftswahlen im März möchte ich sie wieder einführen", verkündet die Skandal-Blondine in ihrem Brief. 

"Ihr habt etwas dagegen, dass außer Sjuganow, Jawlinsky, Putin und ihren gesichtslosen Getreuen niemand auf den Wahllisten steht? Ihr möchtet Eure Position bekunden, aber Euer Favorit darf nicht kandidieren? Dann wählt Sobtschak", ruft die 35-Jährige die Bürger auf. "Ihr wählt sie nicht zur Präsidentin. Ihr bekommen einfach eine legale und friedliche Möglichkeit, zu sagen: 'Es reicht!'"

"Es eine Schande, die Wahl in eine Lachnummer zu verwandeln"

Die angekündigte Kandidatur Sobtschaks hat die russische Öffentlichkeit derweil in zwei Lager gespalten. Die einen halten das Ganze immer noch für eine Farce. So wie etwa Gennadij Sjuganow, Chef der kommunistischen Partei Russlands. "Ich nehme unser Land, seine Bewohner, Wähler und die Wahl selbst sehr ernst. Das alles in eine Tragikomödie zu verwandeln, macht keinen Sinn", kommentierte er Sobtschaks Vorhaben. "Xenia hat unser Land und unser Volk als genetischen Abschaum bezeichnet. Wie kann sie Präsidentin werden wollen, wenn sie solch eine Beurteilung abgibt? Ich glaube, sowas ist nicht einmal in Burkina Faso möglich. Daher ist es eine Schande, die Wahl in eine Lachnummer zu verwandeln."

Sobtschak hatte 2012 in einem Interview erklärt, die Ereignisse des 20. Jahrhunderts hätten dazu geführt, dass "Russland zu einem Land des genetischen Abschaums" verkommen sei. Der Skandal war da natürlich programmiert. 

Sjuganows Parteikollege, Iwan Melnikow, äußerte sich zwar nicht ganz so rüde zu Sobtschaks Kandidatur, aber auch er kann sie nicht ernst nehmen. "Wir setzten weiterhin auf eine seriöse Politik, die ein starkes Programm impliziert. Diese Neuigkeit [die Nominierung Sobtschaks] kann ich nur mit einem Lächeln hinnehmen. Ich weiß nur nicht, ob mit einem ironischen oder traurigen", so der Vize-Sprecher der russischen Duma. 

In die Kreml-Elite hinein geboren 

Doch es gibt auch das Lager derer, die der ungewöhnlichen Präsidentschaftskandidatin gar nicht so schlechte Chancen zugestehen. "Ich denke, alles hängt davon ab, mit welchem Programm sie in die Wahlkampf ziehen wird", kommentierte der prominente positionelle Politiker Dmitri Gudkow. "Wenn es eine echte, harte Anti-Putin-Kampagne wird, dann besteht die Chance, dass sie eine neue Generation an Wählern mobilisiert und ein gewisses Resultat erzielt. Alles hängt von Xenia ab, ich kann ihr nur Glück wünschen. Obwohl ich eigentlich Nawalny unterstütze, aber ich denke nicht, dass es große Überschneidungen zwischen den Wählerschaften der beiden gibt."

Doch gerade das Szenrao, dass Sobschak in eine ernsthafte Opposition zu Putin gehen wird, ist unwahrscheinlich. Auch wenn man es von einer "Blondine in Schokolade" nicht erwartet, so gehört sie von ihrer Geburt an zur Kreml-Elite. Es war ihr Vater, unter dessen Fittichen Putin einst seine Polit-Karriere begonnen hatte. Anatoli Sobtschak war zwischen 1991 und 1996 der Bürgermeister von Sankt Petersburg und gilt als politischer Ziehvater nicht nur von Putin, sondern auch von Dmitri Medwedew. 

Putin, der in den 90er Jahren in Sankt Petersburg zum Stellvertreter von Sobtschak erhoben wurde, ist bis heute ein enger Freund der Familie. 2000 verstarb sein Mentor. Jahr für Jahr besucht Putin seitdem an seinem Todestag sein Grab - zusammen mit Sobtschaks Witwe, ebenfalls einer Politikerin.

Wladimir Putin besucht mit der Witwe von Anatoli Sobtschak das Grab seines Mentors in Sankt Petersburg

August 2007: Wladimir Putin besucht mit der Witwe von Anatoli Sobtschak das Grab seines Mentors in Sankt Petersburg

Sobtschak versucht sich an einem Image-Wechsel

Diese Familienbande wird Xenia Sobtschak schwerlich abschütteln können - und wollen. Zwar versucht sie seit einigen Jahren, das Image eines Trash-Sternchens loszuwerden und stattdessen sich den Anstrich einer oppositionellen Aktivistin oder gar liberalen Regierungskritikerin zu geben, doch mehr schlecht als recht.

2012 sorgte sie für Schlagzeilen, als sie bei den Protesten gegen die Ergebnisse der damaligen Präsidentschaftswahlen auftauchte. Zehntausende Menschen gingen auf die Straße, um gegen den frisch in den Kreml wiedergekehrten Putin zu protestieren. "Für ein Russland ohne Putin" und "Putin ist ein Dieb" rief damals die Menge. Die Proteste begannen im März 2012 und weiteten sich - zusammen mit den Protesten nach den Parlamentswahlen ab Dezember 2011 - zur größten Protestwelle in der jüngeren Geschichte des Landes. 

"Wir sind nicht hierher gekommen, um gegen die Regierung zu kämpfen, sondern um die Regierung zu beeinflussen", erklärte Sobtschak damals ihre Beweggründe für die Teilnahme an den Demonstrationen. "Das Regierungsgeschäft ist kein Badminton-Spiel, in dem die Spieler sich die Federbälle gegenseitig zuwerfen." 

Xenia Sobtschak bei einer Anti-Putin-Demonstration am 11. Mai 2012 in Moskau

Xenia Sobtschak bei einer Anti-Putin-Demonstration am 11. Mai 2012 in Moskau


"Wenn ich Präsidentin wäre, hätte ich vielleicht auch die Krim zurückgeholt"

Damit spielte sie auf die Rolle des Unternehmers Michail Prochorow bei den Parlamentswahlen 2012 an. Der Milliardär ließ sich damals als Gegenkandidat zu Putin aufstellen - zu Alibizwecken. Er war der Sparringspartner von Putin, der den Anschein von legitimen Wahlen aufrecht erhalten sollte. 

Nun könnte Sobtschak selbst diese Rolle zufallen. Es gibt nicht wenige, die ihre Kandidatur für einen Schachzug des Kremls halten.

Ob es Zufall ist oder nicht: Wenige Tage bevor Sobtschak ihre Absichten bekannt machte, stattete sie Putin einen Besuch ab. Offiziell ging es dabei um einen Dokumentationsfilm über ihren Vater, an dem sie gerade arbeitet. Was hinter verschlossenen Türen vor sich ging, weiß man natürlich nicht.

Aus ihrer Bewunderung und Verbundenheit zu Putin hat Sobtschak in der Vergangenheit kein Geheimnis gemacht. "Ich fühle mich gegenüber Putin verpflichtet und werde es ihm immer hoch anrechnen, dass er seinerzeit meinem Vater in einer schwierigen Situation beigestanden hat", sagte sie einst. 

Auch auf politischer Ebene hält sie große Stücke auf ihn. "Er ist der Präsident, der die Krim zurück nach Russland geholt hat. In jedem Lehrbuch wird das ein wichtiges Kapitel sein", sagte sie nach der Annektierung der Halbinsel. "Wenn ich Präsidentin wäre, hätte ich es vielleicht auch gewagt, die Krim wieder zurückzuholen."

Ob Sobtachak nun bei den kommenden Wahlen den Prochrow gibt, oder vielleicht doch eine oppositionelle Kampagne fährt, wird sich bald zeigen. 

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