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Zbigniew Brzezinski: "Das sind doch paranoide Slogans"

Zbigniew Brzezinski, Ex-Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter und graue Eminenz unter den amerikanischen Globalstrategen, sprach mit stern.de über Teherans nukleare Ambitionen und die Politik des selektiven Engagements.

Herr Brzezinski, seit mehr als 20 Jahren soll der Iran an der Entwicklung von Atomwaffen arbeiten. Wann hat das Land die Bombe?

In zwei bis drei Jahren wird das Land wohl in der Lage sein, Atomwaffen zu bauen.

Der israelische Sicherheitsberater Giora Eiland warnt, bereits im November erreiche der Iran den Punkt, von dem an es kein Zurück mehr gibt.

Ja, ja, das waren die gleichen Quellen, die uns einflüsterten, der Irak stecke voller Massenvernichtungswaffen. Und wir haben erlebt, wie gefährlich Demagogie bei diesem Thema sein kann.

Was passiert, wenn der Iran Atomwaffen hat?

Ich glaube, die Bedrohung, die dann vom Iran ausginge, wäre gar nicht so groß.

Das sehen die Regierungen in Washington und auch in Berlin ganz anders. Eine Atommacht Iran sei nicht hinnehmbar, heißt es.

Nehmen Sie doch die Atommächte Indien und Pakistan. All die Vorhersagen, dass es zwischen den beiden Ländern zum Krieg komme, haben sich bislang nicht erfüllt.

Sie standen aber mehrmals kurz vor einem Krieg.

Ja, aber seit sie die Bombe haben, verhalten sie sich viel vorsichtiger.

Wenn Atomwaffen tatsächlich den Frieden stabilisieren, warum ist dann die ganze Welt dagegen, dass der Iran die Bombe baut?

Der Iran ist ein wichtiges Land in einer Krisenregion, umgeben von Atommächten. Deshalb ist es nicht wünschenswert, dass er in den Besitz von Atomwaffen kommt.

Bisher ist Israel die einzige Atommacht im Nahen Osten, es soll rund 200 Atombomben besitzen.

Man kann verstehen, dass die Iraner überzeugt sind, genau diese Waffen haben zu müssen. Teherans nukleare Ambitionen sind unter anderem darauf zurückzuführen, dass man dort über ein Mittel der Abschreckung verfügen will. Der Iran selbst ist ja kein notorisch aggressives Land. Wenn wir wirklich wollen, dass die iranische Führung unsere Besorgnis ernst nimmt, müssen wir auch Verständnis aufbringen.

Atombomben in den Händen fundamentalistischer Mullahs würden die Sicherheit der Welt bedrohen, heißt es aber bei Ihnen in Washington.

Das sind doch irrationale und paranoide Slogans. Diese Argumentation erinnert verdächtig an die Demagogie, die vor dem Irak-Krieg verbreitet wurde und mit der dann die Gewalt gerechtfertigt wurde.

Im Pentagon und in einigen Abteilungen des Außenministeriums ist aber schon wieder von "regime change" die Rede. Für Präsident Bush gehört der Iran zur "Achse des Bösen". Folgt auf den Sturz Saddams der "Regimewechsel" in Teheran?

Sicher gibt es hier Menschen, die dieser Idee anhängen. Nach seiner Wiederwahl mag Präsident Bush sich sogar dazu ermächtigt fühlen, den Kurs solcher Regimewechsel fortzusetzen - zumindest verbal.

Die USA werden doch jetzt schon in der arabischen und in der muslimischen Welt gehasst. Welche Folgen hätte so eine Politik?

Die gesamte Region droht gerade in Flammen aufzugehen. Aber mit jedem weiteren Tag im Irak wächst auch in Washington die Erkenntnis, dass eine Iranpolitik, die das Feuer weiter anfacht, sehr ernste Folgen hätte.

Welche?

Im Irak und in Afghanistan beispielsweise könnte der Iran fundamentalistische Gruppen verstärkt unterstützen.

Wie kann der Iran dann gestoppt werden?

Teheran möchte sich alle nuklearen Optionen offen halten. Atomwaffen bedeuten auch Prestige. Doch wir dürfen uns niemals allein auf militärische Macht verlassen. Wir müssen ein wirklich ernsthaftes Engagement in dieser Frage zeigen.

Und wie soll das aussehen?

Ich nenne das die Politik des selektiven Engagements. Die USA sollten den ersten Schritt tun.

Die USA haben aber seit 25 Jahren Sanktionen gegen den Iran verhängt.

Dennoch - die USA sollten bereit sein, einen bilateralen Dialog mit Teheran zu beginnen. Es könnten ja zunächst informelle Gespräche sein. Dabei würde zunächst über die Sicherheitsinteressen beider Länder gesprochen werden.

Solche Gespräche sind in Nordkorea gescheitert, die UN-Atominspektoren wurden aus dem Land geworfen. Heute besitzt Nordkorea möglicherweise schon die Atombombe. Warum plädieren Sie nun auch im Fall des Iran für Appeasement, für eine Politik der Beschwichtigung?

Verwechseln Sie Engagement nicht mit Beschwichtigung durch falsche Zugeständnisse. Wir müssen Vertrauen und Respekt aufbauen. Und so weit sind wir noch lange nicht. Das letzte Urteil über das iranische Nuklearprogramm steht noch aus. Daher muss auch klar sein: Wir müssen uns eine militärische Option immer offen halten.

Welche Rolle spielt Europa in Ihrem Konzept? Der ehemalige Präsident Ali Rafsandschani verkündete vor wenigen Tagen, iranische Raketen könnten jetzt mehr als 2000 Kilometer weit fliegen und damit Europa erreichen.

Europa ist betroffen, es liegt näher am Iran als Amerika. Aber politisch existiert Europa immer noch nicht. Das ist ein Riesenproblem. Beim Thema Irak stand Großbritannien an der Seite der USA, die Spanier und Italiener kooperierten, Deutsche und Franzosen aber erhoben das Nicht-Engagement nahezu zum moralischen Gebot. Die EU-Länder können sich einfach nicht auf eine einheitliche Strategie einigen. Es ist also ziemlich egal, wer sonst noch Gespräche mit dem Iran führt - entscheidend ist, ob sich die USA engagieren.

Bis zum 25. November muss der Iran einen umfassenden Bericht bei den Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA vorlegen. Außerdem soll Teheran auf Urananreicherung verzichten. Wozu das Ultimatum?

Glauben Sie mir, es wird nichts Dramatisches geschehen.

Deutschlands Außenminister Joschka Fischer aber fürchtet: "Wir könnten in eine ernste Situation geraten." Ist das übertrieben?

Was passiert denn, wenn der Iran die Forderungen einfach nicht erfüllt? Bricht dann einen Tag später der Krieg los? Zunächst käme der Iran vor den Sicherheitsrat. So wie vor knapp zwei Jahren auch der Irak, oder?

Vielleicht. Und was würde der Sicherheitsrat unternehmen? Eine Militäraktion beschließen?

Zunächst würden Sanktionen verhängt.

Das tun die USA schon seit 25 Jahren. Aber würde auch Europa mit seinen Handelsinteressen wirklich harte Sanktionen befürworten?

In den USA forderte der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry genau das: viel schärfere Sanktionen. Die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen sah er als größte Bedrohung für sein Land. Solche drakonischen Maßnahmen funktionieren nur, wenn alle mitmachen. Ich meine wirklich alle. Ich glaube, wir müssen uns an einen Tisch setzen und miteinander sprechen. Über Afghanistan, den Irak und vielleicht sogar auch über eine nuklearwaffenfreie Zone im Nahen Osten...

Die entsprechende UN-Resolution hat Israel erst gar nicht unterzeichnet.

In solchen Fällen kann man sich nur vorsichtig vortasten. Man kann niemandem eine Lösung aufzwingen.

Das Gegenteil passiert. Schon wird über einen israelischen Militärschlag spekuliert - so wie 1981, als israelische Kampfflugzeuge den Atomreaktor Osirak im Irak zerstörten, rechtzeitig, bevor Saddam Husseins Nuklearprogramm richtig in Gang kam. Und gerade hat Israel 500 Bomben in den USA bestellt, die unterirdische Bunker zerstören können.

Ein israelischer Militärschlag könnte nur mit amerikanischer Zustimmung erfolgen. Die israelischen Flugzeuge müssten über amerikanisch kontrollierten Luftraum fliegen. Eine israelische Aktion käme also politisch einer amerikanischen Militäraktion gleich.

Die iranische Führung behauptet ohnehin, sie halte sich exakt an den Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen NPT. Der erlaubt die friedliche Nutzung von Atomenergie und verspricht sogar Hilfe bei der Beschaffung der Technik - wenn auf Nuklearwaffen verzichtet wird.

Der Vertrag kann sehr unterschiedlich ausgelegt werden. Und einige doppeldeutige Paragrafen darin erlauben tatsächlich Tätigkeiten, die sowohl für zivile als auch militärische Zwecke genutzt werden können. Das ist die Realität, leider. Aber das steht im Vertrag. Wir haben offenbar keine Alternative dazu.

Sollen die Europäer dem Iran wirklich nuklearen Brennstoff für dessen Atomkraftwerke liefern, falls Teheran auf militärische Programme verzichtet?

Es ist zu früh, um über solche Belohnungen zu sprechen. Doch wenn wir nicht wollen, dass der Iran eines Tages Nuklearwaffen besitzt, dann sollten wir dem Land Zugang zu Atomenergie gewähren. Noch viel wichtiger ist: Wir müssen den Iranern das Gefühl geben, dass sie sich sicher fühlen können.

Interview: Katja Gloger