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EXKLUSIV

#GermanArms: Jets mit deutscher Technik über dem Jemen

Entgegen allen Beteuerungen der Bundesregierung wird deutsche Waffentechnologie im Jemen-Krieg eingesetzt - auch in der Luft. Neue Belege liefert das Recherche-Bündnis #GermanArms. 


#GermanArms: Recherche-Bündnis deckt Deutsche Rüstungsexporte im Jemen auf

Die beiden Rebellen tanzen in der jemenitischen Wüste, die Kalashnikovs geschultert. Das Land um sie herum ist karg, die Sonne brennt, man sieht nicht viel, nur Hügel und Geröll und Sand und: die Trümmer eines Tornado-Jets der saudi-arabischen Luftwaffe (RSAF).

Der Jet, der zu einem guten Teil aus deutschen Komponenten besteht, ist dort im Januar 2018 abgestürzt. An einem Ort, an dem er – fragt man die deutsche Bundesregierung – gar nicht hätte sein dürfen.

6500 tote Zivilisten. 10 Millionen von Hunger bedrohte Menschen. Klare Anzeichen für Kriegsverbrechen. Seit fast vier Jahren tobt der Krieg im Jemen, Soldaten aus Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten aufseiten der jemenitischen Regierung gegen die Huthi-Rebellen, die vom Iran unterstützt werden. Die Vereinten Nationen (UN) sprechen von der "schlimmsten humanitären Krise" unserer Zeit.

Und dort, mitten drin, deutsche Waffen und deutsche Rüstungstechnologie? Nein, "mir ist davon nichts bekannt", beteuerte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) noch dieser Tage. Er habe dazu "keine Erkenntnisse".

Im jemenitischen Grenzgebiet wird ein Eurofighter-Jet betankt - mutmaßlich von einem Airbus A330 MRTT

Im jemenitischen Grenzgebiet wird ein Eurofighter-Jet betankt - mutmaßlich von einem Airbus A330 MRTT

Belege für den Einsatz deutscher Waffen in Jemen

Jetzt aber bringen die Ergebnisse des Rechercheprojekts #German­Arms Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihre Minister in Erklärungsnot. Getragen vom stern in Zusammenarbeit mit dem ARD-Magazin "Report München", dem niederländischen Recherchebüro Lighthouse Reports, dem Investigativ-Netzwerk Bellingcat und der Deutschen Welle, hat das Recherchebündnis zahlreiche Belege für den Einsatz deutscher Waffentechnologie im Jemen zusammengetragen. Zu Land, zu Wasser und in der Luft. Zum Beispiel der Tornado.

#GermanArms konnte Bilder verifizieren, die die Stelle im Jemen zeigen, an der ein Tornado im Januar 2018 abgestürzt war. Die Umgebung in dem Video passt genau in das sogenannte Al-Souh-Tal, das in einer Region namens Ketaf liegt.

Die Recherche-Methode wird Geolokalisation genannt. Dabei werden markante Details eines Videos oder Fotos mit öffentlich zugänglichen Satellitenaufnahmen verglichen. So gelang es den Rechercheuren, den Ort der Aufnahme zu identifizieren.

Ein Abgleich der Bilder aus dem Video mit Satellitendaten führt an den Ort des Absturzes

Ein Abgleich der Bilder aus dem Video mit Satellitendaten führt an den Ort des Absturzes

Dass es sich bei den Trümmern in dem Video tatsächlich um einen Tornado handelt, erkennt man an der spezifischen Form des Flügels, den einer der Rebellen in die Kamera hält – Form, Farbe, selbst der "No step"-Aufdruck passen.

Ein jemenitischer Rebell hält die Reste des Flügels eines abgestürzten Tornado-Jets ins Bild

Ein jemenitischer Rebell hält die Reste des Flügels eines abgestürzten Tornado-Jets ins Bild

Die über Großbritannien gelieferten Tornado-Jets des in Deutschland ansässigen Panavia Aircraft Konsortiums werden zu mehr als 40 Prozent mit deutscher Technik gebaut.

Im Januar 2016 hatte eine UN-Expertengruppe dem Kriegsbündnis aus Saudis und Emiratis vorgeworfen, mit "willkürlichen Luftangriffen" das humanitäre Völkerrecht zu verletzen. Im Juni 2016 bestätigte der damalige britische Verteidigungsminister, dass die saudische Luftwaffe Tornados und Eurofighter, die aus Großbritannien geliefert worden waren, für Kampfeinsätze im Jemen nutzt. Und dennoch, trotz all dieser Hinweise und Belege, winkte Berlin noch sechs Monate später die Ausfuhr von Komponenten für Kampfflugzeuge des Typs Tornado durch. Sie durften via Großbritannien nach Saudi-Arabien geliefert werden.

Dabei ist der Tornado nicht der einzige Fall von fliegenden Waffensystemen, die teilweise ihren Ursprung in Deutschland haben und ihren Weg in den Jemen-Krieg gefunden haben.

Airbus A330 MRTT über dem Jemen

Der Airbus A330 MRTT basiert auf einem Linienflugzeug – ist für die Luftwaffen dieser Welt aber zu einer fliegenden Tankstelle für Kampfjets weiterentwickelt worden.

Gebaut wird der MRTT in Spanien – laut Airbus selbst spielt das Airbus-Werk in Hamburg aber eine Schlüsselrolle beim Bau des A330. Auch kleinere Unternehmen machen mit – die Firma Kappa aus Gleichen etwa schmückt sich auf der eigenen Homepage mit der Information, Kamerasysteme für den MRTT zu bauen.

Auf einem regierungsnahen saudischen Twitter-Profil findet man Videos, in denen man offenbar den MRTT beim Betanken eines Eurofighter-Jets beobachten kann. Auch der Eurofighter enthält deutsche Technik. Gleicht man die im Video zu sehende Straße, das Gelände, das Dorf mit Satellitenbildern ab, findet man sich in der saudischen Grenzregion zum Jemen wieder.

Im jemenitischen Grenzgebiet wird ein Eurofighter-Jet betankt - mutmaßlich von einem Airbus A330 MRTT

Im jemenitischen Grenzgebiet wird ein Eurofighter-Jet betankt - mutmaßlich von einem Airbus A330 MRTT

Und mehr noch: Man findet auf Twitter auch Screenshots der Internetseite flightradar.com, auf der man die Bewegungen praktisch aller ziviler Flugzeuge der Welt in Echtzeit verfolgen kann. Laut dieser Bilder ist ein MRTT Anfang Dezember letzten Jahres über dem Jemen geflogen.

Ein Screenshot der Internetseite flightradar.com zeigt die Flugbewegung eines Airbus A330 MRTT - über dem Jemen

Ein Screenshot der Internetseite flightradar.com zeigt die Flugbewegung eines Airbus A330 MRTT - über dem Jemen

Das heißt: Die Saudis führen ihren Luftkrieg im Jemen maßgeblich mit deutscher Technik, wie die Recherchen von #GermanArms beweisen.

Beweise deutscher Rüstungsgüter im Jemen, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.