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"Anne Will" "Wir streiten zu viel" – Söder gibt sich selbstkritisch zu Corona-Hickhack

Anne Will und ihre Gäste
Mit Gastgeberin Anne Will (M.) diskutierten im Studio FDP-Chef Christian Lindner (l.), Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, Journalistin Vanessa Vu und Wissenschaftlerin Viola Priesemann (r.) zum Thema "Zwischen Lockern und Verschärfen – wie sinnvoll ist Deutschlands Corona-Strategie noch?". Zugeschaltet war Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU).
© Wolfgang Borrs / NDR / PR
Bei "Anne Will" forderten Physikerin Viola Priesemann und Journalistin Vanessa Vu endlich mehr Klarheit im Kampf gegen Corona. Markus Söder reagierte auf die Kritik überraschend einsichtig.
Von Simone Deckner

Zehn Monate Pandemieerfahrung und Deutschland ist verwirrter denn je. Was ist noch erlaubt, was nicht? Klar scheint nur: Weihnachten soll "gerettet" werden, als sei es eine vom Aussterben bedrohte Tierart. Vulnerable Gruppen wie Alte und Kranke sollen besser geschützt werden, aber auf den Intensivstationen kämpfen mittlerweile auch 30-jährige infizierte Sportler um ihr Leben. Tausende drängeln sich täglich in überfüllten Bussen und Bahnen. Home Office? Nicht für jeden. An Silvester darf zwar privat gefeiert aber nur halb-öffentlich geböllert werden – oder so. Und wann endet der "Lockdown light"? Im Januar oder doch erst im März 2021? Fragen über Fragen.

Markus Söder selbstkritisch bei "Anne Will"

Anne Will nahm sich in ihrer Sendung des Corona-Kuddelmuddels an und fragte: "Zwischen Lockern und Verschärfen – wie sinnvoll ist Deutschlands Corona-Strategie noch?" Die zwei Frauen in der Runde, Physikerin Viola Priesemann und Journalistin Vanessa Vu, hakten direkt ein. Ihre Kritik: Eine klare Strategie gäbe es gar nicht, genau das sei das Problem. "Mir fehlt die klare Kommunikation: Was ist das Ziel?", fragte die Göttinger Forscherin. "Zeit Online"-Redakteurin Vanessa Vu vermisste ebenfalls schmerzlich etwas, was in Südostasien weitaus besser funktioniere: eine kollektive Anstrengung im Kampf gegen die Pandemie. "Jeder dort leistet seinen Beitrag", so Vu, die Verwandte in Vietnam hat, "Da wird nicht gemeckert: 'Ich brauche meine Böller! Ich brauche meine Fußballspiele' – die haben das auf die Reihe gekriegt."

Der zugeschaltete bayerische Ministerpräsident Markus Söder zeigte sich überraschend einsichtig: Ja, es gebe noch zu wenig Einigkeit: "Wir streiten zu viel, zerreden alles", so Söder selbstkritisch. Das Problem, so Söder: "Jedes Mal gibt es eine unendliche Debatte: ob beim Skifahren oder bei den Masken." Der bayerische Ministerpräsident nutzte die Gelegenheit, gegen die sogenannten Querdenker auszuteilen und sprach von "absurden Glaubenskriegen", die in Deutschland um das Tragen von Masken geführt werden.

Diese Gäste diskutierten über die Corona-Strategie:

  • Markus Söder (CSU), Parteivorsitzender, Bayerischer Ministerpräsident (zugeschaltet)
  • Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin und Vorsitzender der Ministerpräsidenten-Konferenz
  • Christian Lindner (FDP), Parteivorsitzender und Fraktionsvorsitzender im Bundestag
  • Viola Priesemann, Physikerin, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen
  • Vanessa Vu, Redakteurin bei "Zeit Online"

Christian Lindner gab sich bei "Anne Will" ungewohnt zurückhaltend. Auch er vermisse "eine langfristige Strategie", stimmte der FDP-Chef in die Kritik ein. Er erneuerte zudem seine Forderung nach dem besseren Schutz vulnerabler Gruppen und stellte sich gegen pauschalen Schließungen in der Gastronomie. Er vermute ja, dass einige Menschen nun "Hauspartys machen". Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller konterte: "Meine These: Die Leute, die heute noch Party machen, die werden auch weiter feiern, wenn die Gastro wieder öffnet." Lindner hatte aber noch andere Vorschläge: Taxi-Gutscheine statt Busse für Risikogruppen und ein exklusives Zeitfenster für den Einkauf für ältere Menschen etwa. Und: FFP2-Masken für alle 80 Millionen Bundesbürger.

"Vollkommen irrelevante Diskussion"

Warum die in Aussicht gestellten FFP2-Masken für Risikogrippen denn "gegen geringe Eigenbeteiligung" und nicht kostenlos ausgehändigt werden, wollte Anne Will von Michael Müller wissen. Während der noch nach einer Antwort suchte, regte sich Viola Priesemann über die "vollkommen irrelevante Diskussion" auf. Es gehe nicht um die Anzahl an Masken, sondern darum, die Zahl der Infektionen zu senken: Nicht auf 20.000 täglich, wie jetzt, sondern auf 2000 bis 5000. Nur dann habe man eine Chance, die Pandemie in den Griff zu bekommen. "Momentan können 75 Prozent der Kontakte nicht gut nachverfolgt werden, weil wir zu hohe Fallzahlen haben. Niedrige Fallzahlen sind viel einfacher kontrollierbar. Es müssen jetzt einfach mal drei Wochen die Zahlen runter!", so Priesemann.

Auch Vanessa Vu sah in der Debatte um die Masken ein Ablenkungsmanöver: "Wieso unternehmen wir keine Kraftanstrengung, um die Zahlen einmal ganz herunter drücken?", fragte sie. Auch in dieser Frage könne man viel von Südostasien lernen: "Quarantäne heißt in Asien Quarantäne, da wird kontrolliert und sanktioniert, anders als hier." Die Regierungen in Vietnam, Taiwan oder Japan hätten eben nicht darauf gesetzt, "wochenlang auf Sicht zu fahren". Die Zahlen geben ihnen recht. Das Virusgeschehen ist dort weitestgehend unter Kontrolle.

Zum Thema Zahlen hatte Markus Söder auch noch etwas zu sagen: Die Infektionszahl sei "noch immer die Mutter aller Zahlen", so der bayerische Ministerpräsident und mögliche nächste Kanzlerkandidat der CDU/CSU. Das Ziel sei, diese Zahl zu senken. Idealerweise, ohne dabei für noch mehr Verwirrung zu sorgen.

Die komplette "Anne Will"-Sendung sehen Sie in der ARD-Mediathek.


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