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"Anne Will" Und bin so klug als wie zuvor! Über das Bemühen, Corona wegzutalken

Moderatorin Anne Will und ihre Gäste
Moderatorin Anne Will (3.v.r.) und ihre Gäste
© Wolfgang Borrs / NDR / PR
Könnte man Corona wegreden, hätte Anne Will es schon längst geschafft. Mehr Talktragödie war nie. Während sich Foristen fragen, was der Sinn der Sendung sei, verkündet Doc Caro, dass sie mit ihrem Hintern zuhause bleibt, Tschentscher redet von Inzidenzwerten, Kubicki von Gnadenakten. Nur einer fehlt.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Kommen Sie, meine Damen, meine Herren, kommen Sie näher, Anne Will präsentiert aus ihrer großen Pandemie-Erfolgsreihe: "Inzidenz wieder unter 100 – beginnt jetzt die große Leichtigkeit oder der große Leichtsinn?" Und fragt damit mit Shakespeares Hamlet: "Sein oder Nichtsein?" Und wir uns mit dem Murmeltier, warum es sonntäglich grüßt.

Die Gäste bei "Anne Will"

Die Protagonisten in alphabetischer Reihenfolge:

  • Dietmar Bartsch (Die Linke) Fraktionsvorsitzender im Bundestag
  • Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes
  • Carola Holzner, Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin
  • Foristen, diverse
  • Wolfgang Kubicki (FDP) Bundestagsvizepräsident und stellvertretender Parteivorsitzender
  • Peter Tschentscher (SPD) Erster Bürgermeister von Hamburg

Vorhang auf. Da sitzt ein hochgewachsener Mann. Er heißt Peter Tschentscher. Und findet, das mit der Ausgangsbeschränkung sei die "wirksamste Maßnahme". Schräg gegenüber Wolfgang Kubicki. Nein, sagt der, Ausgangsbeschränkungen brächten gar nichts. Ingrid Hartges, guten Abend, ist auch da. Eine Stimme für die Gastronomie. "Zugang nur für die drei Gs", fordert sie. Die drei Gs, das sind Geimpfte, Getestete, Genesene.

Auch im Internetforum melden sich Menschen zu Wort. Ein Forist schreibt: "Alle sprechen nur von Urlaub und Saufen." Eine andere klagt: "Das Wirrwarr ist unerträglich. Das ist ja noch schlimmer als letztes Jahr." Ingrid Hartges betont, dass sie zum ersten Mal im Fernsehen sei. "Danke, Frau Illner", sagt sie. "Ich heiße Will", sagt Anne Will. "Das was Sie momentan in Hamburg machen ist rechtswidrig", sagt Wolfgang Kubicki zu Tschentscher. "Das ist verantwortungsvoll", befindet Peter Tschentscher. "Warum wird eigentlich dauernd über den Urlaub diskutiert", tobt es im Internet. Ingrid Hartges schmeichelnd zu Anne Will: "Sie sehen der Frau Illner ähnlich." Wolfgang Kubicki sieht das anders: "Das stimmt doch überhaupt nicht."

Auftritt Carola "Doc Caro" Holzner. Sie verkündet: "Ich fahre nicht in den Urlaub, sondern bleibe mit meinem Hintern zuhause." Sie sei Vorbild. Ein Forist mosert: "Kein neues Gesicht, keine frische Stimme." Jetzt Dietmar Bartsch: "Ich kenne viele, die wären noch gar nicht dran gewesen, sind aber geimpft." Er legt nach: "Impfdosen verfallen, das darf nicht sein." Sein Vorwurf an Tschentscher: "In Hamburg wurden 40.000 Impfdosen vernichtet." Tschentscher unbeirrt: "Sie machen da eine falsche Rechnung." Anne Will: "Wir recherchieren das nach."

Die Autorin dieses Textes ruft dem Fernseher zu: "Das hat rechtliche Gründe. Zu jeder Impfstoff-Dose wird eine Überschussmenge geliefert, die nicht verwendet werden darf." Kurz: Ist schon längst recherchiert. Tschentscher hat recht. Anne Will hört den Zwischenruf der Autorin nicht. Bartsch wiederholt: "40.000 Impfdosen." Forist: "Was geht mir das alles auf die Nerven." Bartsch bleibt dabei: "40.000 Impfdosen."

Auftritt Flickenteppich. "Da ist er wieder, der Flickenteppich", begrüßt ihn Anne Will. Ihr Tonfall macht deutlich: Flickenteppiche sind unbeliebt. Daher Wills Frage an Tschentscher: "Wonach entscheiden die Regierungschefs?" Kubicki hat einen Vorwurf parat. Es handle sich um "Gnadenakte". Tschentscher redet von Inzidenzwerten. Erneut an Tschentscher die Frage: "Wonach entscheiden die Regierungschefs?" Tschentscher weicht aus. Anne Will: "Herr Tschentscher, Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet." Tschentscher: "Wer Grundrechte zurückgibt, sollte darauf achten, inzidenzwerte niedrig zu halten." Kubicki: "Grundrechte sind nichts, was den Menschen genommen werden kann." Ein Forist: "Wo bleiben eigentlich die Menschen mit ihren Problemen?" Ein anderer Forist: "Was ist der Sinn dieser Sendung?"

Wo ist eigentlich Karl Lauterbach?

Vielleicht wird es jetzt philosophisch? Sieht Anne Will nicht wenigstens ein bisschen aus wie Maybrit Illner? Und wer sieht aus wie Sandra Maischberger? Abgang Flickenteppich. Auftritt Apokalypse. "Wenn das so weitergeht, bleiben wir alle nur noch zuhause", unkt Kubicki. "Ich muss den Enthusiasmus bremsen, wir sind in einer Pandemie", macht Carola Holzner deutlich. Und: "Einer fünf  Infektiösen bleibt unentdeckt." Kubicki: "Das Ziel ist nicht, keine Infektion, sondern keine Überlastung des Gesundheitssystems." 

Auftritt Frühstücksbuffet. "Ich möchte nicht am Frühstücksbuffet infiziert werden", verkündet Holzner. "Gastronomiebetreibe sind keine Pandemietreiber", betont Ingrid Hartges. Und erinnert erneut an die drei Gs: Geimpfte, Getestete, Genesene. "Wir müssen mehr an die Schulen und die Kinder denken", mahnt Bartsch. Ein Forist ist erleichtert, dass die "junge Dame" aus der letzten Sendung nicht da ist, für die er sich "geradezu fremdgeschämt" habe. Ein anderer Forist will endlich geimpft werden: "Ich bin erst im August dran." Dem nächsten reicht es: "Soweit kommt es noch, dass Frau Doc Caro entscheidet, mit welchem Impfstoff ich mich impfen lassen muss."

Und bevor der Vorhang fällt, noch eine letzte, eine allerletzte Frage. Sie taucht unter all den Internetkommentaren auf und ist die vielleicht wichtigste in diesem unserem Land: "Wo ist denn eigentlich der Lauterbach?" Die Autorin zuckt mit den Schultern. Sie weiß es auch nicht.

Die komplette "Anne Will"-Sendung können Sie in der ARD-Mediathek sehen.

wue

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